"Incels": Der Frauenhass der Verschmähten

Sie bekommen keine weibliche Aufmerksamkeit, haben keinen Sex - und sehen sich als Opfer männlicher Schönheitsideale. Die Gedankenwelt der "Incels" ist abstrus und erlangt immer mehr Aufmerksamkeit.

Seit einigen Monaten schwirrt ein Wort durchs Netz: "Incel". Die Definition: "Involuntary celibate", also "unfreiwillig Enthaltsamer" oder "unfreiwillig zölibatär lebender Mensch". Wer verstehen will, was damit gemeint ist, muss ganz tief in eine misogyne Onlinewelt eintauchen. Das Motiv dahinter ist nämlich immer: Frauenhass.

Vergangenen November schloss das Onlineportal Reddit ein Forum mit 40.000 Mitgliedern, weil viele sexistische und misogyne User gegen die Nutzungsrichtlinien verstießen. "Die Befürwortung von oder den Aufruf zu verbaler und körperlicher Gewalt gegen Individuen oder eine Gruppe" könne man nicht dulden, hieß es seitens der Plattform. Doch "Incels" verbreiten weiterhin ihren Hass im Internet, und schreiben Dinge wie: "Vergewaltigung ist etwas Gutes. Beide Parteien profitieren davon. Der Vergewaltiger erfährt endlich das, was ihm Zeit seines Lebens verwehrt worden ist. Und die Schlampe aka. das Opfer lernt, was ihre ständige Ablehnung von unfreiwillig Enthaltsamen für Konsequenzen hat." (Quelle: ntv.de)

Gegen die "Stacys" und "Chads" dieser Welt

Doch so einfach ist es auf den zweiten Blick nicht. Weil ihnen Sex "verwehrt" bleibt, sind zwar vor allem Frauen schuld. Doch "Incels" sehen sich auch als Opfer der gängigen Schönheitsideale für Männer. Konkret lassen sie sich über die "Stacys" (attraktive Frauen) und "Chads" (Männer, die bei Frauen ankommen) aus. "Durchschnittliche Frauen" erhalten hingegen die Bezeichnung "Beckys". Ihre größten Hassobjekte sind aber "Feminazis" und "Femoids" – letztere sind laut "Incels" weibliche "humanoide Organismen, die dich dein Leben lang gemobbt oder ignoriert haben“. Frauen werden durch den Begriff entmenschlicht und als Sexobjekte markiert. Auch andere frauenfeindliche Begriffe wie "Roastie" – eine Frau, deren Schamlippen Roastbeef ähnlich sehen – werden von der sexistischen "Manosphere" verwendet, um Frauen auf ihre Körperteile zu reduzieren.

Aber auch untereinander sparen sie nicht mit rassistischen, cissexistischen und ableistischen Bezeichnungen: "Dickcels" sind Incels mit einem kleinen Penis, "Mentalcels" sind Incels mit einer psychischen Krankheit und "Currycels" sind indische Incels. Wer als "zu hübsch“ gilt, ist ein "Volcel“ – voluntary celibate. "Incels" sehen sich also als jene, die aus den gängigen Männlichkeitsidealen hinausfallen, und genau deshalb betrachten sie sich als Opfer. Und auch für diese "Erleuchtung" gibt es einen Begriff: wer verstanden hat, wie die Welt "wirklich funktioniert" hat in Incel-Sphären eine "Blackpill" geschluckt.

Das Frauenbild der "Incels"

Das Frauenbild der Incels

Was sie mit dieser konstruierten Erkenntnis machen, kann unterschiedlich ausfallen. Einige versuchen in Pick-up-Artist-Manier Frauen zu manipulieren, andere verherrlichen Vergewaltigungsfantasien – und einige machen aus ihrem Hass tödlichen Ernst.  

Weltweite Bekanntheit erlangten die "Incels" durch das Attentat in Toronto, vor dem der Täter Alek Minassian in einem Facebook-Kommentar über die "Revolution der Incels" geschrieben hatte. Wir werden die Chads und Stacys stürzen!“, stand da etwa auch. Zehn Menschen starben und 15 weitere wurden verletzt, als Minassian am 23. April 2018 in der kanadischen Metropole einen Transporter auf den Gehweg der Yonge Street steuerte.

Doch es ist nicht nur die gefährliche Ideologie der "Incels", die Schuld an solchen Morden ist, es ist die reale und weiterhin mächtige patriarchal-sexistische Welt um uns herum, die sie befeuert. Und nicht zu vergessen: die starke antifeministische Bewegung, die sich seit Anbeginn feministischer Diskurse formiert, jedoch im Netz eine neue Stärke und Struktur bekommen hat.

"Incel" wurde von einer Frau erfunden

Die Entwicklung des Wortes „Incel“ hat einen unfreiwillig ironischen Beigeschmack. Erfunden wurde er nämlich von einer Frau. Alana, heute eine 43-Jährige Angestellte in Toronto, wollte Anfang der 90er eine „Bewegung für alle“ starten, wie sie der „Elle“ erzählte. Sie selbst litt an der Universität darunter, dass sie noch nie Sex gehabt hatte. Also gründete sie eine Online-Gruppe, in der sie sich mit anderen "Betroffenen" über das Thema austauschte. Schnell wurde die Seite jedoch von Trollen und misogynen Kommentaren überschüttet. Anfangs versuchte sie noch, sie zu löschen, doch irgendwann gab sie die Seite ganz auf. Die frauenfeindliche "Incel"-Bewegung war geboren. Heute sagt Alana: "Es ist wie ein Wissenschaftler, der unabsichtlich eine Kriegswaffe entwickelt hat. Ich kann das Wort nicht mehr zurücknehmen."

Gegenbewegungen im Netz

Seitdem "Incel" kein Fremdwort mehr ist, wachsen jedoch auch die Gegenströmungen im Netz. Auf Reddit, wo die Incel-Bewegung wachsen und gedeihen konnte und es weiterhin tut, hat sich etwa auch die Gruppe „Incel Tears“ formiert, die Screenshots von misogynen und frauenfeindlichen sowie gewaltverherrlichenden Beiträgen sammelt.

Ob sich der gefährliche Hass der "Incels" dadurch eindämmen lässt, ist fraglich. Ihn jedoch aus dem Netz zu verdrängen, ist jedenfalls ein erster Schritt.

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