Inaktive Freundschaften sind wichtig für unser Wohlbefinden

Wir hören uns nur einmal im Jahr, aber dann ist es wie früher. Lange wurden inaktive Freundschaften in der Psychologie als irrelevant bezeichnet, nun ändert sich diese Meinung, nachdem viele ehemalige Freund*innen während der Corona-Pandemie kontaktiert haben.

Inaktive Freundschaften sind wichtig für unser Wohlbefinden

Habt ihr diese paar Freund*innen, mit denen ihr eigentlich keinen Kontakt habt? Ihr seid gemeinsam aufgewachsen, habt früher jeden Tag miteinander verbracht, wart in der Schule die besten Freund*innen. Dann haben sich eure Leben in unterschiedliche Richtungen entwickelt, ihr seid weggezogen oder habt euch aus den Augen verloren. Aber wenn ihr euch seht, dann ist alles wie damals. Ihr sprecht über gemeinsam erlebte Abenteuer, über die guten, alten Zeiten. Plötzlich fühlt ihr euch um 10 Jahre jünger.

Nicht gelebte Freundschaft

Was hier beschrieben wird und wahrscheinlich jede*r von euch kennt, wird in der Psychologie als inaktive Freundschaften bezeichnet. Die Freundschaft ist zwar da, wurde nicht durch Streit oder Vertrauensbruch zerstört, sondern hat sich langsam verlaufen. Sie wird gerade nicht aktiv praktiziert. Inaktive Freundschaften galten lange von wissenschaftlicher Seite als nutzlos, doch diese Meinung wird gerade revidiert.

Alte Freund*innen anrufen

Gerade während der Pandemie haben viele Menschen neben der*dem Ex-Freund*in auch alte Freund*innen wieder kontaktiert und sich vernetzt. Eine Studie zeigt, dass besonders während unsicheren Zeiten wie bei Jobverlust oder Beziehungsproblemen oder während der Corona-Pandemie die Kontaktaufnahme mit alten Bekannten und Freund*innen eine Bewältigungsstrategie ist. Besonders Social Media macht es einfach, das Leben anderer zu beobachten, gelegentlich zu kommentieren oder eine schnelle Nachricht oder Gratulation zu verschicken. Solche inaktiven Freundschaften sind für das Wohlbefinden nicht unwichtig.

Eine Studie in den USA ergibt, dass Menschen mit vielen losen Beziehungen zuversichtlicher sind und eine deutlich geringere Neigung zur Depressivität haben. Später haben solche Menschen außerdem mehr Freund*innen. Denn wer eine Bekanntschaft im Jahr 2021 ist, kann ein*e enge*r Freund*in 2028 sein.

Gemeinsame Lebensthemen

Außerdem ist es einfacher, sich mit alten Bekannten oder Freund*innen wieder zu verbinden, als von 0 neue Freundschaften zu schließen. Voraussetzung dafür, eine Freundschaft wieder aufleben zu lassen sind aber gemeinsame Interessen und gemeinsame Einstellungen. Lockern sich Freundschaften durch unterschiedliche Lebenserfahrungen, zum Beispiel eine bekommt ein Kind und eine nicht, so kann die Verbindung wieder enger werden, wenn auch die zweite Frau schwanger wird. Ohne deckungsgleiche Lebensthemen werden sich viele Freundschaften langfristig aber im Sand verlaufen. Dauerhaft von alten Zeiten zu schwärmen reicht leider nicht aus.

Vergleichsmomente

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass inaktive Freundschaften unsere Persönlichkeit stabilisieren. Wir durchlaufen heutzutage viele verschiedene Lebensphasen, Jobs, Beziehungen und leben zum Teil in unterschiedlichen Städten. Alte Freund*innen sind eine Möglichkeit eine Konstante im Leben zu behalten, zum Beispiel das jährliche Treffen über die Weihnachtsferien oder der Anruf am Geburtstag. Auch sind die Einschätzungen solcher Freund*innen über die Persönlichkeitsentwicklung relevant.

Ein Kommentar wie "Du bist viel ruhiger als früher" zeigt, dass man sich weitentwickelt hat. Neue Freund*innen können das in dieser Weise nicht beurteilen oder analysieren. Ob es wirklich gelingt eine Freundschaft zu reanimieren oder nicht, kommt immer auf die Situation und die Personen an. Es ist auch möglich, dass sie ein zweites Mal einschläft. So oder so sind inaktive Freundschaften aber wertvoll, wenn sie gepflegt werden, weil sie eine gute Möglichkeit für eine spätere Freundschaft, Jobbörse oder haltgebender Ankerpunkt sind.

 

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