#imZugpassiert: Warum Frauen wieder nicht geglaubt wird

Frauen erzählen in Tweets von sexueller Belästigung im Zug. Die Reaktionen darauf sind erschreckend. Denn wenn sie den Mut haben, sich zu äußern, passiert vor allem eins: ihnen wird nicht geglaubt.

Frauen, die von Männern im Zug bedrängt werden. Männer, die sich neben Frauen einen runterholen. Und andere, die jungen Mädchen unter den Rock fotografieren.

Das sind nur einige der Erlebnisse, die Frauen derzeit unter dem Hashtag #imZugpassiert auf Twitter teilen. Anlass war die Ankündigung der Mitteldeutschen Regionalbahn, auf der Strecke zwischen Chemnitz und Leipzig Frauenabteile einzuführen. Die ÖBB haben bereits seit 2003 auf einigen Strecken eigene Abteile für Frauen, die alleine reisen.

Warum öffentliche Verkehrsmittel kein sicherer Ort für Frauen sind


Seit Freitag berichten Frauen auf Twitter daher über sexuelle Belästigung im Zug - und ernten dafür vor allem Unglauben und weiteren Sexismus. Die Studentin Anna Lena Bankel startete den Hashtag - und seither haben dutzende Frauen ihre Erfahrungen öffentlich geteilt.

Auch ich habe meine Erfahrungen öffentlich gemacht. Und dafür viele Reaktionen bekommen, die mich umgehauen haben - aber nicht im positiven Sinn.

Einige Frauen haben geschrieben, ihnen sei das Gleiche passiert. Vielen wurden die Augen geöffnet. Andere haben ihr Bedauern bekundet. Und einige mehr haben vor allem eins versucht: mich zum Schweigen zu bringen. Wie? Indem sie behaupteten, dass meine Aussage nicht stimmen kann, dass sie das "ohne Beweisfotos" nicht glauben können, dass ich das "erfinde", um wiedermal die Männer als ,die Bösen' darzustellen.

Sie wissen nicht, wie es ist - und haben auch kein Interesse daran, es zu verstehen


Damit sprechen sie mir und allen anderen Frauen, die ihre traumatischen Erfahrungen öffentlich teilen, ihre Glaubwürdigkeit ab. Einfach so. Ohne dass es sie betrifft. Ohne dass sie je damit in Berührung kamen. Ohne dass sie sich jemals überlegen mussten, wo sie im Zug am besten einsteigen, damit sie nicht belästigt werden. Und ohne dass sie jemals ihren Pfefferspray in ihrer Jackentasche griffbereit haben mussten - weil ihnen wieder jemand aus dem Zug nach Hause gefolgt ist.

Sie wissen nicht, wie es ist, sich als Frau in der Öffentlichkeit zu bewegen. Wie es ist, sich jedes Mal der Welt so ausgesetzt zu fühlen, dass man oft einfach nicht außer Haus gehen will. Wie es ist, zitternd an der Haustür anzukommen, weil man es geschafft hat, jemanden abzuhängen. Oder weinend zusammenzubrechen, weil sich jemand das fünfte Mal vor dir einen runtergeholt hat. Und dann wütend über sich selbst zu sein, weil man nur dagesessen ist, es über sich ergehen hat lassen. Weil die Angst, sich zu bewegen, alleine im Waggon, einfach zu groß ist. Diese Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, in denen man die Augen schließt, um es zu vergessen.

Auch Frauen lernen erst, dass sexuelle Belästigung existiert


Denn auch ich bin, genauso wie viele andere Frauen, nicht mit dem Wissen groß geworden, dass mir so etwas passieren könnte. Naiv, peinlich berührt und in Schockstarre war ich daher anfangs bloß, wenn mich Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln belästigt haben. Habe mir gedacht, dass das bloß Einzelfälle sind. Dass es sicher nicht mehr vorkommen wird.

Erst nach vielen, vielen Wiederholungen und Erfahrungen mit Belästigern, habe ich realisiert: ,Hey, eigentlich passiert das zu oft, um es auf ein paar Perverse auszureden.' Eigentlich liegt das Problem viel tiefer - dort wo Frauen Objekte sind. In einer Welt, in der Frauen ständig verfügbar sein sollen, in der sie zum Vergnügen der Männer da sind.

Und dann entwickelst du Strategien und fasst auch mehr Mut. Fängst etwa damit an, dich woanders hinzusetzen - das mag vielleicht nicht sehr schwierig klingen, aber in Wirklichkeit kostet es wahnsinnig viel Überwindung. Denn vorher konntest du dir noch einreden, dass du es nicht gesehen hast, dass du ohnehin in deiner eigenen Gedankenwelt versunken bist, dass du ihn ignorieren kannst, weil er ja nur darauf wartet, dass du reagierst. Doch irgendwann wird dir klar, dass du aufstehen musst, um ihm seine Macht über dich zu nehmen. Um die Situation selber in den Griff zu bekommen. Um ihm zu zeigen, dass du handeln kannst, auch wenn er dich unter Kontrolle hat.

Und dann wird dir nicht geglaubt


"Warum hast du nichts gemacht?", fragten mich daher viele als Reaktion auf den Tweet. Andere gaben bevormundende Ratschläge wie "Hättest du doch Handyfotos gemacht, dann wäre er ganz schnell weg" oder "Zur Polizei gehen und anzeigen". Alles schön und gut, wenn man selbst noch nie in dieser Situation war, alleine, ängstlich, isoliert. Es ist eine Situation, in der man einfach nur versucht, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Denn das Selbstbewusstsein und der Mut, sich zu wehren, kommen leider erst viel später - und manchmal auch nie. Und wenn du dich endlich wehrst, wenn du es öffentlich machst, endlich den Mut hast, dich damit auseinandersetzen - dann passiert vor allem eins: dir wird nicht geglaubt.

Genau das zeigen auch die Reaktionen auf #imZugpassiert: Frauen müssen sich rechtfertigen, sie werden wieder einmal bevormundet, und im schlimmsten Fall erreichen sie Beschimpfungen, Bedrohungen, Gewaltfantasien. "Berichte etc sind es nur wenn faktenbelegt und öffentlich relevant wenn es belegbare Zahlen gibt", schreibt etwa ein User als Reaktion. Nun, wir kennen das ja aus anderen Bereichen: Nicht einmal eine von zehn Vergewaltigungen wird in Österreich zur Anzeige gebrachtund nicht einmal jede 5. Anklage führt zu einer Verurteilung. Das sind Fakten. Und sie zeigen: Frauen werden nicht ernst genommen. Ihre Körper werden zur Gefahr gemacht. Ihre Stimmen werden zum Schweigen gebracht.

Die Frage, die ich mir dabei immer stelle: wie können diese Männer auf der einen Seite behaupten, dass sexuelle Belästigung nicht existiert und auf der anderen Seite Frauen im Internet unverschämt bevormunden, indem sie ihnen ihre Glaubwürdigkeit und damit ihre Würde absprechen? Das ist paradox und zeigt einmal mehr, wie sehr sich manche ihr Weltbild zurechtschustern müssen, um ja nicht das zu tun, wovor ihnen offenbar so sehr graust: sich selbst zu hinterfragen. Ihre Privilegien zu reflektieren. Sich einmal hinzusetzen und darüber nachzudenken, was sie mit ihren Worten eigentlich anrichten.

Lächerlichmachen, bevormunden und die Kontrolle zurückerlangen


"Bin aufgeflogen Jungs", schreibt ein weiterer User zu meinem Tweet dazu - und macht sich damit darüber lustig. Viele ziehen das Ganze ins Lächerliche, indem sie Dinge tweeten wie: "Ein Bier bestellt. Bier bekommen. #imZugpassiert". Ein anderer schickt mir ein Video einer masturbierenden Frau - mit den Worten: "Und Frauen befriedigen sich etwa nicht in Zügen?" Wiederum andere nutzen den Hashtag für rassistische Propaganda und fragen nach der Nationalität der Täter. "Alle die zu häufig #Sexismus schreien, fördern die #Islamisierung Deutschlands", schreibt ein weiterer. Ob ich meine "Sexfantasien" mit ihm "weiter ausleben will", fragte mich schließlich ein anderer.

Dass diese Reaktionen wiederum beweisen, wie tief verwurzelt Sexismus in unserer Gesellschaft ist, werden die Trolle, die mir weiterhin schreiben, wohl nicht verstehen. Ihr Weltbild ist dafür zu einfach. Sexuelle Belästigung existiert dort nämlich nicht, weil Sexismus nicht existiert. Oder nur ein bisschen, wenn die Täter Migranten sind. Und Frauen sind meistens selber schuld, weil Männer in Wirklichkeit die Opfer sind. Und überhaupt muss alles, was Frauen sagen, erst von ihnen bestätigt oder widerlegt werden. Eine schöne, dumme Welt ist das.

Hinter solchen Kommentaren steckt aber vor allem eins: die Angst vor dem Kontrollverlust. Um diese Angst zu kompensieren, müssen sie Macht demonstrieren. Und da sind wir wieder bei den Belästigern: denn nichts anderes macht ein Mann, der im Zug vor Frauen masturbiert. Er zeigt auch: mir gehört dieser Raum, du bist mein Objekt, ich habe dich unter Kontrolle. Kurzum: ihr, die ihr jetzt den Frauen vorwerft, sie lügen und ihnen ihren Raum und ihre Stimmen wegnehmen wollt - ihr seid um nichts besser als die, die sich im Zug vor einer Frau die Hose aufknöpfen.

 

Aktuell