Impfen oder nicht? Stichhaltige Argumente

„Man impft nur die Kinder, die man behalten will“ – dieser Satz lässt Online-Foren glühen. Dabei hat unreflektierte Polemik in der Impfdebatte noch nie etwas gebracht. Über Masernpartys, Impfpflicht und notwendigen Herdenschutz.

Aktuell wird in Deutschland der Film Eingeimpft diskutiert. Er handelt von der Entscheidungsfindung des Regisseurs, ob er sein Kind impfen lassen soll oder nicht. KritikerInnen sehen darin eine problematische Verunsicherung und eine verpasste Chance zur Aufklärung. Durch die Diskussion ist das Impfthema auch in Österreich neu entbrannt. Erst kürzlich ver­öffentlichte Der Standard einen Kommentar mit dem Titel Warum es asozial ist, seine Kinder nicht impfen zu lassen. Volksanwalt Günter Kräuter forderte, nachdem schon wieder eine europaweite Masern­epidemie mit 41.000 Erkrankungen ausgebrochen war, Sozialleistungen im Rahmen des Mutter-Kind-Passes an die Masernimpfung zu knüpfen. Und die Online-Foren laufen heiß. Die Meinung, dass hinter hohen Durchimpfungsraten eine profitgierige Pharmalobby und korrupte PolitikerInnen stecken, hält sich hartnäckig. 
Was wann und in welchem ­Alter geimpft werden soll, ist im österreichischen Impfplan für jede/n ein­sehbar. Dieser wird jährlich in Zusammen­arbeit des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz und der Mitglieder des Nationalen ­Impfgremiums nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft aktualisiert und gibt einen Überblick über aktuelle Impfungen.

Warum sind Impfungen ­wichtig, was passiert, wenn wir uns nicht mehr impfen lassen? Und welche Krankheiten haben wir erfolgreich bekämpft? Ursula Hollenstein ist Fachärztin für Innere Medizin und beschäftigt sich in ihrer Praxis für Reisemedizin (traveldoc.at) vor allem mit Infektiologie und Tropenmedizin. Seit Kurzem sitzt sie im Vorstand der neu gegründeten Österreichischen Gesellschaft für Vakzinologie. Ihr Ansatz: Aufklärung statt Vorschriften. Wir haben sie zum Faktencheck gebeten.

Was bringt eine Masernparty?

Eltern bringen ihre gesunden Kinder mit einem kranken Kind zusammen, damit es sich möglichst ansteckt – klingt skurril, findet aber nach wie vor auf sogenannten Masernpartys statt. Aber ist das auch sinnvoll? „Eigentlich waren das ursprünglich Rötelnpartys. Das ­hatte den Hintergrund, dass man die Röteln als harmlose Kinderkrankheit bezeichnen kann, die eigentlich auch nicht sehr viele Komplikationen macht. Wenn man Röteln aber in der Schwangerschaft bekommt, sind sie gefährlich, weil sie zu Missbildungen des Kindes führen können. Also war die Überlegung, es sollte jede Frau gegen Röteln immun sein, bevor sie ins gebärfähige Alter kommt. Bei Masern ergibt das keinen Sinn: Sie sind im Gegensatz zu ­Röteln eine Krankheit, die auch im Kleinkindesalter bedrohlich verlaufen kann.“ Es kursieren also Falschinformationen zu diesen Partys? „Na ja, es funktioniert ja, das Kind anzustecken. Aber der Sinn dahinter ist bei Masern nicht gegeben, und auch die Harmlosigkeit nicht.“ Heißt das also, Rötelnpartys wären okay? „Ich finde es immer komisch, zu sagen: ‚Es gibt einen funktionierenden Impfstoff, aber ich hab mein Kind lieber krank.‘ Damit kann ich schlecht umgehen. Mit der Einführung der Impfung hat sich dieses Prinzip ad ab­surdum geführt. Das entspricht nicht mehr der heutigen Zeit.“

Warum stehen manche ÄrztInnen dem Impfen kritisch gegenüber?

Immer wieder kommt es auch in Arztpraxen vor, dass ÄrztInnen nicht gerne impfen. Das verunsichert Eltern, die sich Aufklärung über die Impfungen für ihre Kinder wünschen, und wird von ImpfgegnerInnen dahin gehend interpretiert, dass auch ÄrztInnen dem Impfen skeptisch gegenüberstehen. Woher kommt das? Ursula Hollenstein: „Impfen ist eine vorbeugende Medizin. Das heißt, Sie haben einen Gesunden vor sich und ‚tun ihm was an‘, damit er in Zukunft nicht krank wird. Und dann hat er vielleicht auch noch Nebenwirkungen, obwohl er die Krankheiten vielleicht nie bekommen hätte. Das ist für viele Kollegen bedrohlich. Manche geben es auch offen zu. Zudem fühlen sich viele niedergelassene Ärzte allein gelassen, da Impfen in all seinen Aspekten in der Ausbildung kaum vorkommt. Das fängt bei Banalitäten wie der Frage, an welcher Stelle man impfen darf und wo nicht, an und geht bis zu Fragen um den Impfplan.“

unterschiedlich große Spritzen

Was würde passieren, wenn wir uns nicht mehr impfen lassen?

Eine weit verbreitete Meinung ist, dass wir viele Impfungen nicht mehr brauchen, weil es die Krankheiten sowieso nicht mehr gibt und sie deshalb auch keine Bedrohung für uns sind. Warum ist es also wichtig, sich trotzdem weiter impfen zu lassen? „Es gibt zwei Gruppen von Erkrankungen, um es grob einzuteilen. Die einen werden immer da sein, weil sie in der Natur ein Reservoir haben, das den Menschen nicht braucht. Egal, wie lange wir uns impfen, diese Krankheiten werden immer da sein. Wir können uns nur permanent davor schützen. Andere Krankheiten – das klassische Beispiel wären die Masern – kommen nur beim Menschen vor, sind nur von Mensch zu Mensch übertragbar und daher theoretisch ausrottbar. Wenn wir auf einer Insel leben und zwei Generationen lang impfen würden, wäre die Krankheit ausgelöscht.“ 

Gefährdet man, wenn man sich nicht impfen lässt, nur sich selbst?

Ganz klar: nein. Jede/r von uns, der bzw. die sich impfen lässt, garantiert den sogenannten Herdenschutz. Das bedeutet, dass auch nicht Geimpfte durch eine große Gruppe an Menschen, die immunisiert sind, geschützt sind, weil sich der Erreger nicht ausbreiten kann. Ob es diese Herdenimmunität braucht, ist von Krankheit zu Krankheit unterschiedlich. „Bei Erkrankungen wie FSME gefährdet man nur sich selbst. Bei Erkrankungen, die von Mensch zu Mensch übertragbar sind, gefährdet man jeden, mit dem man Kontakt hat: Babys, Schwangere; alle, die nicht wissen, dass sie nicht geimpft sind.“ Sind diese Personen also selbst schuld? „ Nein. Es heißt gerne: ‚Die sollen sich doch selber schützen. Wieso bin ich denn für die zuständig?‘ Aber das stimmt nicht. Chemotherapiepatienten kann man etwa nicht impfen, weil sie ihre Medikamente nehmen müssen. Kleinkinder im ersten Lebensjahr sind noch zu jung für die Impfung, aber natürlich anfällig für die Erkrankung. Und nicht jeder weiß, dass er gar nicht geschützt ist: Es gibt Tausende Krankheiten mit roten Flecken, die man vielleicht gehabt hat und wo man glaubt, es waren Masern. Jede Epidemie betrifft Menschen, die sich nicht hätten selbst schützen können. Ich finde schon, dass wir füreinander zuständig sind.

Warum sind kleine Masernepidemien trotz hoher Durchimpfungsrate immer noch möglich?

Die WHO kämpft seit Jahren für eine höhere Durchimpfungsrate. Bei Masern müsste diese bei 95 Prozent liegen. Trotzdem ist es (noch) un­realistisch, die Krankheit ganz in den Griff zu bekommen. „Einerseits sind Masern hochinfektiös, andererseits können wir von der Ausrottung nur träumen. Wir sind eine riesige Welt mit so vielen Gebieten, wo es illusorisch ist, dass wir in den nächsten 50 Jahren eine kontinuierliche ­Impfung zusammenbringen; etwa der Kontinent Afrika mit seinen Unruhe­gebieten oder abgelegene Teile Asiens, wo eine hohe Impfrate unrealistisch ist. Auch, wenn die Leute dort dem Impfthema viel positiver gegenüberstehen, weil: Die sehen die Kinder noch sterben. Wir hätten das Masernvirus in vielen Gebieten schon ausgerottet, aber wir sind eben vernetzt, und sobald es eingeschleppt wird, spielt die Durchimpfungsrate eine große Rolle. Und die ist bei uns zu niedrig, sodass aus jedem eingeschleppten Fall sofort wieder eine Epidemie wird. Bei ausreichender Durchimpfung würde jeder eingeschleppte Fall verpuffen.“

Ist eine Impfpflicht sinnvoll?

In Italien hat die Einführung der Impfpflicht vor allem ImpfgegnerInnen auf den Plan gerufen und die Zweifel in der Bevölkerung wieder neu entfacht. Auch ExpertInnen sind sich bei dem Thema uneinig. „Ich bin, was die Impfpflicht betrifft, sehr zwiegespalten und setze eher auf Aufklärung. Wo ich für eine Impfpflicht bin, ist, wenn jemand ­beruflich mit vulnerablen Gruppen umgeht. Eine Säuglings­krankenschwester, die nicht gegen Masern immunisiert ist, ist für mich nicht tolerierbar. Dann soll sie einen anderen Job machen. Da hat es lange Diskussionen gegeben, an dieses Thema hat nie jemand gedacht. Und jetzt arbeiten eine ganze Menge an nicht geimpften Menschen in Krankenhäusern. Neue Krankenpflegeschüler müssen jetzt alle Immunität nachweisen. Also eine kleine berufs­assoziierte Impfpflicht gibt es bereits.“

Kann man „überimpfen“ und sein Immunsystem damit überlasten?

„Nein, nur im Sinne von Geld ausgeben. Das Umgehen mit Krankheitserregern ist das tägliche Brot unseres Immunsystems. Dafür haben wir es ja. Sie können es mit Medikamenten oder mit Rauchen schädigen, mit Älterwerden dämpfen, aber Sie können es nicht überlasten. Wenn Sie in der U-Bahn von jemandem ordentlich angehustet werden, hat das Immunsystem deutlich mehr zu tun als mit den Impfungen. Außerdem werden die Impfungen laufend angepasst und immer antigenärmer, weil man genauer weiß, welches Antigen man für den Impfschutz braucht.“

Warum impft man z. B. bei FSME lieber im Intervall, als auf Anti­körper zu testen?

In Österreich gelten fünf Jahre als Impfintervall für die FSME-Impfung, in der Schweiz zehn Jahre. Sind die SchweizerInnen also resistenter als wir? Oder wird bei uns gar unnötig oft geimpft? „Nein. Leider gibt es nicht für jede Krankheit einen sinnvollen Test zur Titerbestimmung. Wir haben bei Hepatitis, bei Tetanus, teilweise auch bei Tollwut Antikörperbestimmungen, die so gut sind, dass man aus der Höhe des Wertes einigermaßen ablesen kann, wie lange man geschützt ist. Bei der Zeckenimpfung ist das leider nicht der Fall, weil diese Methode nie darauf standardisiert wurde. Ich würde mir wünschen, wir hätten da einen guten Test.“ Und wie erklärt sich das höhere Impfintervall der SchweizerInnen? „In der Schweiz gibt es deutlich weniger Erkrankungsfälle und dort wurde entschieden, ein bisschen mehr Menschen ohne Schutz in Kauf zu nehmen.“

Ist die HPV-Impfung für Buben und Mädchen sinnvoll?

Jahrelang wurde darüber gesprochen, jetzt ist er da: der erste Impfstoff gegen eine Krebsart. Trotzdem bleiben viele Menschen skeptisch. Dabei gilt der HPV-Impfstoff unter ExpertInnen als riesige Errungenschaft. „Der Impfstoff wirkt gegen eine der häufigsten Tumorarten bei Frauen. In Australien, wo bereits sehr lange geimpft wird, hat man Daten aus den letzten zehn Jahren. Dort sieht man die Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs, also Pap 1–4, bereits abnehmen.“ Weil der Weg von der Infektion bis zur Erkrankung sehr lang ist, ist die Impfung, je früher sie gemacht wird, umso sinnvoller. Trotzdem sind viele Eltern skeptisch. „Geschlechtskrankheiten sind oft ein Tabu, weil viele Eltern ihre Kinder gar nicht im sexuellen Kontext sehen können. Dabei profitieren Buben und Mädchen. Würden wir konsequent beide Geschlechter impfen, hätten wir in wenigen Jahrgängen einen großen Bevölkerungsanteil, der nicht mehr ­erkranken kann. Auch Buben profitieren direkt, weil sie gewisse Anal- und Penis­karzinome oder Tumore des Mund- und Rachenraumes sowie Feigwarzen nicht mehr bekommen. Man sollte gleichgeschlechtliche Paare nicht vergessen.“ 

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