Immer noch ein Kind

Popikone und WIENERIN Charity Laudatorin Nena im Interview über Kindischsein, Selbstzweifel und Engel an der Zimmerdecke.

Sie waren Laudatorin bei unserer WIENERIN-Charity-Gala 2010, mit der wir jedes Jahr eine starke Frau auszeichnen. Welche Frau bewundern Sie für ihre Stärke?
Der WIENERIN-Charity-Award ist eine würdige und wichtige Form der Anerkennung. Da werden Frauen geehrt, die Unglaubliches im Dienst der Menschheit leisten. Für mich sind alle Frauen stark. Jeder Mensch hat etwas Besonderes und eine besondere Kraft in sich. Nur leider sind wir uns dessen oft nicht bewusst. Manchmal vergesse ich selbst, über wie viel Power ich eigentlich verfüge und beginne an mir zu zweifeln. Und wie holen Sie sich da am schnellsten wieder raus? Indem ich voll reingehe und es zulasse. Ich gehe heute Dinge bewusster an. Früher wollte ich auf keinen Fall.

Und wie holen Sie sich da am schnellsten wieder raus?
Indem ich voll reingehe und es zulasse. Ich gehe heute Dinge bewusster an. Früher wollte ich auf keinen FallSchwäche zeigen und habe auch gern die Schuld bei anderen gesucht. Inzwi-schen weiß ich, dass die Verantwortung bei mir liegt, und ich nutze auch die Phasen, in denen es mir nicht so gut geht. Das gibt mir Kraft. Wenn man sich in den Finger schneidet, wächst die Wunde von allein wieder zu, das ist doch ein Wunder und auch ein Beweis dafür, wie viel Potenzial in uns steckt. Darauf vertraue ich.

Ihr bürgerlicher Name lautet Gabriele Susanne Kerner. Ihr Künstlername stammt aus Ihrer Kindheit: Im Spanienurlaub wurden Sie von Einheimischen „nena" („kleines Mädchen") gerufen. Was bedeutet der Name Nena für Sie?
Das bedeutet für mich, auch mit 50 Jahren das Kind in mir nicht zu verleugnen. Ich bin nicht getrennt davon, nur weil ich inzwischen erwachsen bin. Für mich ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil, nur so will ich mir mein Leben vorstellen.

Und wie zeigt sich Kindsein für Sie als „Erwachsene"?
Damit verbinde ich, dass ich spontan und beweglich bin, im Jetzt lebe und in meine Gefühle voll reingehe, aber meistens nicht lange dort bleibe. Das Leben geht weiter, egal was passiert und ich möchte mich diesem natürlichen Fluss hingeben. Mein Mann hat mich neulich auf etwas aufmerksam gemacht und gesagt: Er sieht um mich herum immer eine Jetzt-Blase. So erklärt es sich auch, meinte er, dass ich mich an Dinge, die gewesen sind, oft nicht erinnern kann und mir die Gegenwart vertrauter ist.

Bürgerlicher Name
Gabriele Susanne Kerner
Geboren
24.März 1960 in Hagen
Spitzname
Nena (von nena, spanisch: kleines Mädchen)
Ausbildung
Goldschmiedin
1. Band
The Stripes (1977-80)
Bandgründung Nena
1. Single
„Nur geträumt“ (1982)
2. Single
99 Luftballons (1983)
Trennung der Band
1987
1989
Start der Solokarriere
Erste Titel
Wunder geschehen, Du bist überall
Weitere Tätigkeiten
Kinderliederalben, Moderatorin des Boulebardmagazin „Metro“
Neuer Durchbruch
2002 spielen Nena und Uwe Fahrenkrog-Petersen, ehemaliger Komponist und Keyboarder der Band Nena, gemeinsam neue Versionen der alten Hits ein. Nena landet ein unerwartetes Comeback.
Chartbreaker
2003 veröffentlicht Nena im Duett mit Kim Wilde das Lied Anyplace, Anywhere, Anytime, ein Remake ihres früheren Hits Irgendwie, irgendwo, irgendwann.
Doppel-CD
Willst du mit mir gehn im März 2005, im Oktober erscheint die gleichnamige Autobiographie
Demokratische Schule
2007 gibt Nena die Gründung der von ihr mitinitiierten „Neuen Schule Hamburg“ bekannt
Doppel-Album
Cover me – Beschütz 2007
Neues Album
Made in Germany
Nena spielt am 11. 4. in der Wiener Stadthalle

Und wie halten Sie es mit der Kindererziehung?
Das Wort „Erziehung" benutze ich nicht. Ich sehe da immer einen Erwachsenen, der ein Kind in seine Richtung zieht. Ich habe nicht das Recht, meinen Kindern vorzuschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Ich darf für mich wissen und aussprechen, was ich richtig oder falsch finde, das heißt aber noch lange nicht, dass sie das genauso sehen müssen. Die Regeln in unserer Familie ergeben sich aus unserem Zusammenleben. Vier Kinder, zwei Eltern, drei Hunde und zwei Katzen müssen miteinander klarkommen, das kann auch manchmal sehr anstrengend sein, aber wir halten zusammen und respektieren uns, auch wenn es kracht. Wir begegnen uns auf Augenhöhe, jeder hat was zu sagen und jeder von uns gestaltet unsere Gemeinschaft mit. Für uns geht das nur so.

Auch wenn Sie keine Regeln mögen: Kam Ihnen im Zorn nie ein „Hausarrest!" oder ein „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast ..." aus?
Nein, nie passiert. Oje, es gruselt mich bei dem Wort „Hausarrest".Aber natürlich bin ich als Mutter auch immer wieder überfordert. Das ist vollkommen in Ordnung. Wozu so tun, als ob man über allem steht? Die Super-Übermama gibt's nicht. Wenn ich nicht mehr kann oder genervt bin und mir alles quergeht, dann kommt das auf den Tisch. Umgekehrt natürlich auch. Wenn den Kindern was nicht passt, machen sie sich auch bemerkbar. Das steht nicht nur den Erwachsenen zu.

Sie haben eine Schule in Hamburg mitgegründet, in der Kinder selbstbestimmt lernen. Funktioniert das?
Die Schule habe ich mitgegründet, um Kindern den Raum zu geben, sich frei zu entfalten. Das funktioniert hervorragend. Die Schüler entscheiden selbst, wann, was und mit wem sie lernen. Regeln und Verbote verhängen Eltern aber nicht aus Freude an Unterdrückung, sondern aus Angst. Klar, aber ist es deshalb richtig? Meine Tochter hat sich schon als kleines Mädchen immer nur die höchsten Rutschen ausgesucht und ist total entspannt und freudig da hochgeklettert, während mir nicht immer wohl dabei war. Ich habe mir auch oft Sorgen gemacht, aber ich hätte sie deshalb nicht davon abhalten dürfen, ihren Weg zu gehen. Ich habe immer drei tiefe Atemzüge genommen und ihr bei all ihren Entdeckungsreisen einen „Guten Rutsch!" gewünscht.

 

Aktuell