Im Zweifel konservativ?

Rollenwechsel: Von der hippen Kosmopolitin zur braven Hausfrau – nach der Familiengründung krempeln oft die liberalsten Frauen ihr Leben um. Ist das politisch gewollt? Wir haben bei Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer nachgefragt.

Wie Mann und Frau zueinander stehen, hängt stark von den politischen Verhältnissen im Land ab. Laut der Wiener Uniprofessorin Birgit Sauer halten sich in Österreich traditionelle Rollenvorstellungen besonders hartnäckig. Im Interview erklärt die Expertin, warum – und welchen Nutzen rechte Bewegungen daraus ziehen.

WIENERIN: Paare können noch so gleichberechtigt leben, sobald das erste Kind geboren wird, bleiben die meisten Frauen beim Nachwuchs und der Mann bringt das Geld nach Hause. Sind wir selbst schuld – oder bleibt uns keine Wahl?

Birgit Sauer: Als Politikwissenschaftlerin sage ich, dass die österreichischen Regierungen in der Vergangenheit viel dafür getan haben und die aktuelle Regierung viel dafür tut, dass die Situation ist, wie sie ist. Die klassische Familie mit der Frau als fürsorgender Mutter und dem Mann als Ernährer ist das gewollte Ideal und wird politisch unterstützt.

Also ist die Politik ­dafür verantwortlich, dass Anwältinnen, Ärztinnen oder Architektinnen plötzlich wieder zu Heimchen am Herd mutieren?

Das ist zwar überspitzt formuliert, aber es enthält einen wahren Kern. Das Sozialsystem, teilweise auch das Steuersystem und das Bildungssystem sind auf den männlichen Familienernährer ausgerichtet. Aufgrund von unzureichenden Kinderbetreuungsangeboten muss oft ein Elternteil auf Erwerbsarbeit verzichten, meistens die Mutter. Das hat auch finanzielle Gründe, weil Männer im Schnitt höhere Gehälter bekommen. Auch den gesellschaftlichen Druck hin zum konventionellen Familienmodell würde ich nicht unterschätzen. Es ist hierzulande in den Köpfen der Menschen fest verankert, auch durch die eigene Sozialisation.

Wir werden also automatisch traditionell, weil es uns die Eltern so vorgelebt haben – nach dem Motto: im Zweifelsfall konservativ?

Wer sich für den traditionellen Weg entscheidet, erhält von vielen Seiten Unterstützung, angefangen von staatlichen Leistungen bis hin zur gesellschaftlichen Zustimmung. Wer einen unkonventio­nellen Weg einschlägt, muss mit Gegenwind und Hürden rechnen. Eine Familie zu gründen ist eine Herausforderung. Viele greifen deshalb auf Lebensformen zurück, die ihnen aus der eigenen Kindheit vertraut sind. Das ändert aber nichts daran, dass diese Modelle auf Ungleichheit basieren.

Sie forschen zu Geschlecht und Politik und behaupten, dass die Glorifizierung der traditionellen Kleinfamilie eng mit dem aktuellen Rechtsruck in Europa zusammenhängt.

Fast alle rechtspopulistischen Gruppierungen haben die traditionelle Kleinfamilie in ihren Programmen verankert. Es geht ihnen um eine vermeintlich „heile Welt“, die es zu bewahren gilt – inklusive traditionellen Geschlechterrollenmustern. Feministische Weltbilder werden abgelehnt, wenn nicht sogar bekämpft. Dieser Antigleichstellungskurs kommt vor allem bei Männern an, die durch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung verunsichert sind. Österreich ist ein ­gutes Beispiel dafür.

Wer einen unkonventionellen Weg einschlägt, muss mit Gegenwind und Hürden rechnen.

von Politikwissenschafterin Birgit Sauer

Inwiefern?

Auf der einen Seite gründen sich unsere gesellschaftlichen und politischen Reglements auf der Basis einer traditionellen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen. Auf der anderen Seite hat sich in Österreich, vor allem nach dem EU-Beitritt, in puncto Gleichstellung viel verändert, verändern müssen. Immer mehr Frauen sind erwerbstätig, ihr Bildungsniveau ist gestiegen, und so mancher Mann hat eine Chefin oder eine Partnerin, die besser verdient als er. Diese Entwicklungen führen, zumindest in manchen Milieus, zur Verunsicherung von Männern. Schließlich gerät ihre Rolle ins Wanken, besser gesagt, ihre Vorstellung davon. Und diese Diskrepanzen können am Selbstwert­gefühl kratzen. Ein Akteur der AfD in Deutschland hat das einmal als „Krise der Männlichkeit“ bezeichnet.

Männer fühlen sich in ihrer Männlichkeit bedroht und wählen deshalb rechts?

Rechte Parteien wollen die traditionellen Rollen von Männern und Frauen „retten“. Das überzeugt vor allem jene Wählerschaft, die von der sozialen ­Krise und der damit einhergehenden möglichen Erwerbslosigkeit betroffen ist. FPÖ und Co. werden größtenteils von Männern gewählt, und an ihren Spitzen sitzen vorwiegend Männer.

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