Im Sacher mit Mama

Unser Kollege Ljubiša geht einmal im Monat "auf Lepschi" und schaut sich an, wie vielfältig in Wien gelebt und gefeiert wird. Diesmal war er zum ersten Mal im weltberühmten Café Sacher. Mit seiner Mutter.

Meine Mutter mag gern Routine. Ich mag auch gern Routine. Das ist wohl auch der Grund, warum wir seit meiner Teenager-Zeit immer zu demselben Chinesen gehen. Außerdem liegt der Chinese für uns beide gut am Weg und er hat Fotos mit Promis an den Wänden, die schon mal hier waren -Tobias Moretti in seiner Kommissar Rex-Phase. Barbara Karlich in ihrer Barbara-Karlich-Phase. Der Chinese liegt sozusagen mitten in unserer Komfortzone. Genau deswegen habe ich jetzt nach all den Jahren einen beherzten Versuch gestartet, unsere etwas eingefahrene Routine aufzubrechen. Und wenn schon Routinen aufbrechen, dann bitte mit Stil.

Feine Gesellschaft

Wie die meisten echten Wiener waren meine Mutter und ich noch nie im Café Sacher. Das Sacher umweht so ein Hauch von Noblesse. Tatsächlich ist der Zugang in die edlen Hallen aber überraschend niederschwellig. Wir gehen einfach rein. Weniger niederschwellig sind die Preise. Während ich versuche, möglichst unbeeindruckt zu tun, begutachtet meine Mutter die Karte und gibt ob der stolzen Zahlen wiederholt Laute des Erstaunens von sich. Die Sachertorte um € 6,90 (ein Stück!) wird gleich mit dem mütterlichen Handy für die Nachwelt festgehalten. Und weil das Handy schon heraußen ist, kann sie ja auch gleich ein paar Selfies von sich selbst im Sacher machen. "Nein, das ist gar nicht unpassend", höre ich mich selbst sagen.

Während meine Mutter ihre Brille zurechtrückt und sich wieder der Speisekarte zuwendet, sondiere ich unauffällig, was die Gäste am Nachbartisch bestellt haben. Als Nächstes kramt die Frau, die mir das Leben geschenkt hat, ein Fläschchen aus ihrer Handtasche und fängt an, ihre Hände zu desinfizieren. Ich lehne dankend ab und bekomme einen tadelnden Blick und ein Kopfschütteln.

Mutter-Kuchen

Endlich wird die Torte gebracht - und geht erst mal durch ein ausgiebiges Fotoshooting (ja, jetzt habe auch ich mein Handy herausgeholt), bevor sie gekostet wird. Das mütterliche Torten-Urteil: nicht schlecht. Besser als die Tiefkühl-Variante aus dem Supermarkt. "Ein bisschen zu viel Schokolade", fügt sie noch hinzu und versucht - wieder einmal vergeblich -, mir zu erklären, was Triglyceride genau sind und warum sie böse sind.

Wir philosophieren darüber, warum Leute, die sich einen Besuch in der Oper leisten können, danach so gern zum Würschtler bei der Albertina gehen. Meine Mutter ermahnt mich zwischendurch, nicht so zu schlingen ("Das sind teure Stücke, da muss man sich Zeit lassen, sonst zahlt sich das gar nicht aus!").

Trotz meines unkultivierten Essverhaltens komme ich mir langsam ein bisschen elitär vor, während ich so im Sacher sitze und nach draußen zu den Leuten schaue, die nicht im Sacher sitzen. Als wir nach einer Stunde die Karte nochmals durchblättern, finden wir auch die € 6,90 für ein Stück Kuchen gar nicht mehr so übertrieben. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 

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