Im Interview über seine Löwinnen-Töchter und Politik im Film

Mark Ruffalo erzählt uns im Interview über das Politische im Film und wie er seine Kinder zu emanzipierten Menschen erzieht.

Dunkle Augen, ungezähmte Locken – jahrelang war er in Hollywoodkomödien nur der dritte Schönling von links. Dann versetzte ihm das Schicksal zwei Schläge, von ­denen andere in die Knie gehen würden. Mark Ruffalo aber wurde jäh zu einem der facettenreichsten Darsteller seiner Generation: 2011 gab es eine erste Oscar-Nominierung für die lesbische Familienkomödie The Kids Are All Right. Er wurde in der Avengers-Comicsaga zum Gesicht des unglaublichen Hulk, 2015 wurde er gefeiert für das Sportlerdrama Foxcatcher, und nun deckt er in Spotlight einen der größten Missbrauchsskandale der katholischen Kirche auf. Hier geht's lang zur Spotlight-Rezension.

Eine Gruppe amerikanischer Investigativjournalisten entdeckt, dass die katholische Kirche über Jahrzehnte systematisch Missbrauchsfälle vertuscht hat: grandioser Aufdeckerthriller von Tom McCarthy.

In Ihrer Karriere gab es vor ein paar Jahren einen gewaltigen Schub nach oben. Was ist passiert?

Mark Ruffalo: Eigentlich wollte ich ja mit der Schauspielerei aufhören. The Kids Are All Right sollte mein letzter Film werden, ich hatte schon meine Agentin und meinen Manager gefeuert, ich war fertig mit allem. Ich hatte keinen echten Plan B – vielleicht Biobauer? Oder Drehbuchautor? Aber dann wurde The Kids Are All Right zum Erfolg. Und plötzlich, als ich nicht mehr ­versucht habe, allen zu gefallen, hat es mir wieder Freude gemacht.

Was hatte Sie an diesen Punkt ­gebracht?

Mein Bruder war gestorben, und mit einem Mal haben sich in meinem Leben die Prioritäten verschoben. Davor war ich auf meine Karriere konzentriert. Aber ich war kaum daheim und habe meine Kinder furchtbar vermisst. Außerdem hat mich die strategische Seite der Arbeit angewidert. Und dazu kam die Trauer um meinen Bruder.

Warum wollten Sie The Kids Are All Right trotzdem unbedingt machen?

Die Figur, die ich da spiele, war meinem Bruder sehr ähnlich, es war eine Hommage. Und es ist ein Film über ein lesbisches Ehepaar, für mich war das eine Gelegenheit, Aufmerksamkeit auf das Thema „Ehe für alle“ zu lenken. Und als ich gesehen habe, wie sehr der Film das Publikum berührt, war mir klar: Dafür mache ich Kino!

Was Ruffalo nicht erwähnt: Schon einmal, 2001, stand er vor dem Ende seiner Schauspielkarriere. Ein Hirntumor lähmte seine linke Gesichtshälfte. Ob er überleben würde, war lange unklar. Und auch der Tod seines Bruders war ein Schock: Scott Ruffalo wurde 2008 erschossen, der Tathergang ist ungeklärt. Nachvollziehbar, dass Mark Ruffalo über die großen Fragen des Lebens intensiver nachdenkt als andere.

Sie nutzen Ihre Bekanntheit immer wieder für politische Anliegen. Ist es wahr, dass Sie deswegen auf einer Terrorverdachtsliste gelandet sind?

Ja, das ist eine absurde Geschichte. Pennsylvania hat inzwischen seine eigene Homeland Security Agency, und von der wurden alle Leute, die die Anti-Fracking-Doku Gasland öffentlich gezeigt haben, auf eine Liste potenzieller Terroristen gesetzt – darunter auch ich. Aber ich engagiere mich für vieles: für das Recht auf Abtreibung, gegen fossile Brennstoffe, gegen die Überwachung durch die NSA, gegen die Verfolgung von Muslimen in Amerika. Manche beschimpfen mich dafür als „Social Justice Warrior“ (etwa: Gutmensch, Gerechtigkeits­fanatiker). Aber ich seh das als Kompliment. Ich werde oft schief angeredet: „Du bist doch nur Schauspieler!“ Aber wir hatten einen Präsidenten, der auch „nur Schauspieler“ war, und den verehren sie immer noch.

Beeinflusst das die Auswahl Ihrer Filmrollen?

Manchmal ja, wenn ich über einen Film wie Spotlight stolpere. Aber ich spiele auch gern den Hulk in The Avengers. Ich finde es faszinierend, Filme zu drehen, die von Millionen Menschen gesehen werden. Das ist wie ein soziales Experiment: Wie kann ich das benutzen, was kann ich damit erzählen?

Lange lebten Mark Ruffalo, seine Frau Sunrise Coigney und die drei Kinder in Upstate New York auf einer Farm, wo sie Biogemüse anbauten. Inzwischen sind sie nach Manhattan gezogen, wo Ruffalo mit dem Rad quer durch die Stadt unterwegs ist.


Sie verbringen jetzt mehr Zeit mit Ihren Kindern. Was sind da die Themen?

Meine jüngste Tochter ist acht und sehr brav und bescheiden. Ich rede mit ihr darüber, dass es auch wichtig ist, seine Anliegen durchzusetzen. Ich will ihr beibringen, dass es gut ist, eine Löwin zu sein, wild und voller Leidenschaft.

Immerhin ist sie ja die Tochter des Hulk!

Ja, sie sagt: „Ich bin Baby-Hulk!“ Ich will nicht, dass sie sich als Kleinste machtlos fühlt. Meine ältere Tochter ist eine überzeugte Kämpferin für soziale Gerechtigkeit. Sie muss ich einbremsen: „Bella, du bist nicht verantwortlich für die Probleme der Welt. Du musst die Leute ihre eigenen Lösungen finden lassen.“ Und mein Sohn ist 14, der spricht derzeit überhaupt nicht mit mir, der grunzt nur. Er braucht neuerdings Abstand, das ist auch für mich eine Umstellung.

Sohn einer Friseurin und eines Malers, verheiratet mit der Schauspielerin Sunrise Coigney, drei Kinder. Der 1967 geborene Mark Ruf­falo stand schon mit neun Jahren auf der Bühne, lernte am legendären Stella Adler Conservatory die Schauspielerei und startete ab The Kids Are All Right so richtig durch. Inzwischen ist er ­Superstar. Den Ruhm, den ihm seine Rolle des gerechtigkeitsfanatischen Hulk in The Avengers brachte, nutzt er als Posterboy diverser ­sozialkritischer Kampagnen.

 

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