"Im Ehebett passieren noch immer die meisten Verbrechen gegen Frauen"

Vergessen scheint das Binnen-I, heute geht es wieder um fundamentale Frauenrechte. Ist das wirklich so? Ein Feminismus-Gespräch mit Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek.

Der neue Feminismus. Das sind coole, sexy FrauenrechtlerInnen, die zumindest in den USA - auch gern mal als Mann daherkommen. "To be a feminist" ist in Hollywood schick. In Österreich weniger - sagt man bei uns "Feminismus", folgen meist zwei Reaktionen: demonstratives Gähnen oder die hochgezogene Augenbraue. Ein Feminismus-Gespräch mit Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek.

8. März - Frauentag. Wieder einmal. International hat man das Gefühl, dass sich für Frauen eh was verändert. Beyoncé, Taylor Swift, Emma Watson - da tut sich was im Feminismus. Aber: wo sind die jungen Feministinnen bei uns?

GABRIELE HEINISCH-HOSEK: Die gibt es auch bei uns, aber der neue Feminismus findet hier in den sozialen Medien statt, dort allerdings sehr aktiv und aktionistisch. Die Online-Aktionen #aufschrei oder nach den Kölner Übergriffen #ausnahmslos wurden von Feministinnen ins Leben gerufen und hier haben sich auch viele Österreicherinnen beteiligt. Heute bezeichnen sich junge Frauen bewusst als Feministinnen. Auch wenn der Begriff heute ganz anders aufgeladen ist, als noch in den 70er-Jahren.

Ja, Social Media ist Teil der Medienszene, aber eben doch oft nicht so sichtbar für große Teile der Gesellschaft. Gibt es nicht die Gefahr eines Ghettos?

Also gerade in den letzten Wochen und Monaten hat es auch sehr viele Kommentare und Aussagen von Feministinnen in den traditionellen Medien gegeben, nach den Kölner Übergriffen wurde sehr breit genau das diskutiert. Aber es ist schon so. Rund um den 8. März versuchen Medien immer sehr breit über Frauenthemen zu berichten und den Rest des Jahres ist es nicht sehr einfach, frauenrelevante Geschichten zu platzieren. Es hat in Österreich wenig Kultur, dass sich Musikerinnen und Schauspielerinnen, wie das in den letzten Wochen der Fall war, auch regelmäßig und ohne Kölner Übergriffe zu feministischen Themen zu Wort melden.

Heute bezeichnen sich junge Frauen bewusst als Feministinnen.
von Gabriele Heinisch-Hosek

In Köln ging es ja um sexualisierte Gewalt. Einem Urthema, das medial auch sehr gut aufzubereiten ist. Ist Sex also auch im Feminismus immer noch das Nr. 1 Thema?

Bad news are good news. Das ist eine Tatsache, die ich bedaure, ich würde mir mehr wichtige Alltagsthemen von Frauen wünschen. Dass in Österreich etwa von der Ärztekammer ein Diplom für Gendermedizin anerkannt wurde, war jahrelange Vorarbeit von uns. Aber wir bleiben dran: In Kürze wird übrigens der Aktionsplan Frauengesundheit fertig. Wir bündeln hier 40 Maßnahmen, die für Frauen, ihr Körperbewusstsein und ihre Gesundheitskompetenz wichtig sind. Durch die Mitwirkung so vieler Ressorts, werden wir damit international ein Vorreiter sein.

Jede Frau kann zwischen einem gewollten Flirt und einem Übergriff unterscheiden und kein Mann hat etwas zu befürchten, wenn die Frau das mag.
von Gabriele Heinisch-Hosek

Und natürlich werden solche Themen rund um den Frauentag verstärkt wahrgenommen. Ich habe auch schon zwei Kampagnen für Väterkarenz geschaltet, aber wenn man nicht ständig enorm viel Geld in die Werbung investiert, verpuffen diese Themen, weil sie den Rest des Jahres nicht für wichtig erachtet werden. Und gerade die Frage der Vereinbarkeit wird – so hat man das Gefühl – immer noch ausschließlich zum Thema von Frauen erklärt. Und selbst hier gibt es ja so viele Frauen, die es sich eben nicht aussuchen können, wie sie ihr Leben mit Kind und Beruf gestalten. Es geht auch um jene, die eben gar keine Vollzeitstelle nehmen können, weil der Kindergarten am Nachmittag nicht geöffnet ist. Und für die Thematisierung vieler dieser Themen besteht eben oft nur rund um den Frauentag Interesse.

Auch so ein Frauentags-Thema: Gender Pay Gap – also die ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit von Männern und Frauen. Laut den aktuellen Eurostat-Zahlen liegt Österreich bei minus 22,9 Prozent. Wir sind Vorletzter in Europa. Was ist denn Ihre Prognose: Wie lange werden wir über diese Geschichte noch schreiben müssen?

Ich arbeite gerade an der Novellierung des Gesetzes zur Einkommenstransparenz, denn es gehört nachgeschärft. In den Gehaltsunterschieden wird sich nur etwas ändern, wenn man auch sieht, wer was bekommt und wofür. Wer bekommt die Boni, wer macht die Überstunden, wer kriegt eine Weiterbildung bezahlt und wer nicht? Darum bemühe ich mich gerade mit den Sozialpartnern und dann kann man den Gesetzesentwurf vorlegen. Und ich hoffe mit mehr Einblick mehr Möglichkeit zur Veränderung zu haben. Das ist aber nur ein Hebel.

Ich glaube auch, dass die 305 Millionen, die wir in Kinderbetreuung investieren, langsam Wirkung zeigen.. Dass Kindergärten länger offen haben, um Frauen auch Vollzeitarbeit zu ermöglichen. Und natürlich ist es auch bereits beim Einstieg so, dass Männer und Frauen unterschiedlich behandelt werden. Wir haben auch deshalb den Gehaltsrechner wieder neu aufgesetzt, ein Online-Tool mit neuen Daten. Darauf werden wir aufmerksam machen, um Frauen gestärkt in Verhandlungen gehen zu lassen. Aber: Zum Teil sind es wirklich unerklärbare und reine Diskriminierungsprozente - das ist verwerflich.

Kurz noch mal zurück zu Köln. Seit den Silvesterübergriffen gilt Österreich in Deutschland mit dem Gesetz gegen sexuelle Belästigung als Vorbild. Seit 1.1. 2016 ist es in Kraft - es war wirklich sehr umstritten, auch von Strafrechtlern kritisiert. Aber es ist in Kraft, sind Sie jetzt stolz?

Ja, es brauchte drei Justizminister, um diesen Erfolg zu landen. Deutschland hat genau jetzt von Österreich den Schub mitgenommen um das eigene Strafrecht zu verschärfen. All jene, die mich hier jahrelang belächelt und verhöhnt haben, gratulieren mir jetzt. Und zu all den Kritikern sage ich: Jede Frau kann zwischen einem gewollten Flirt und einem Übergriff unterscheiden und kein Mann hat etwas zu befürchten, wenn die Frau das mag.

Was uns zum nächsten Thema bringt: Gewalt gegen Frauen. Wie wollen Sie die doch sehr hohen Zahlen reduzieren? Immerhin wird Jede 5. Frau in Österreich Opfer von Gewalt.

Gesetzlich sind wir eigentlich auch hier ein Vorbild, denn das Credo „wer schlägt, der geht“ ist gut und macht mich stolz, aber in der Praxis sieht das nicht immer so aus. Ja, jede 5. Frau in Österreich ist Betroffene und hier werden wir ganz stark am Bewusstsein arbeiten. Mit einer Kampagne und vielen Workshops, denn gerade an Schulen kann man hier sehr viel erreichen. Wie Burschen und Mädchen miteinander umgehen, wie man mit neuen Phänomenen, wie etwa „Sexting“ umgeht – wo sich Jugendliche Fotos schicken und schicken lassen und Mädchen in dem Moment nicht bedenken, was es bedeutet, Nacktbilder ins Internet zu stellen. Daran arbeiten wir, denn ein respektvolles Klima ist viel Arbeit. Denn: Leider ist noch immer das Ehebett in Österreich jener Ort, wo die meisten Verbrechen gegen Frauen passieren.

 

Aktuell