Im Bett mit der Sexualtherapeutin

Über Sexualtherapie wird noch weniger gesprochen als über Paartherapie. Wir fragten die Wiener Sexualtherapeutin Claudia Wille, was wir in Sachen Sex noch lernen müssen und was der Feminismus im Bett verloren hat.

Intime Arbeit: Über Sexualtherapie wird noch weniger gesprochen als über Paartherapie. Wir fragten die Wiener Sexualtherapeutin Claudia Wille wie es sich mit ihrem Beruf lebt und was wir in Sachen Sex noch lernen müssen.

WIENERIN: Sexualtherapeutin ist ja immer noch ein ungewöhnlicher Beruf. Wie reagieren neue Leute, wenn sie hören, was Sie machen?

Claudia Wille: Unterschiedlich. Männer vor allem ängstlich-zurückhaltend, weil es da irgendwie die Fantasie gibt, dass eine Sexualtherapeutin so was wie eine Sexgöttin ist, die alles weiß und alles kann. Wenn ich wirklich frei jemanden kennenlernen will, sage ich nur, ich sei Paartherapeutin. Und wenn man sich ein bisschen kennt, sage ich mehr (lacht).

Und ist eine Sexualtherapeutin eine, die alles weiß? Können Sie Ihr Wissen in der eigenen Beziehung umsetzen?

In der eigenen Beziehung ist es eigentlich noch komplizierter. Es beginnt schon bei meiner Tochter - ich kann mich erinnern, als sie ein Kind war: Wenn ich sagte: "Komm, jetzt reden wir drüber", hat sie nur gesagt: "Hör auf mit diesem Psycho-Scheiß." Und bei einem Partner ist das natürlich auch so. Der ist immer auf der Hut, auf die Art: Was kommt da jetzt wieder Psychologisches? Das ist gar nicht einfach, muss ich ehrlich sagen.

Beruflich ständig mit Sexualität zu tun zu haben -hat das den Sex für Sie entzaubert?

Witzigerweise nicht. Es ist wie bei einem Gynäkologen, der ist ja auch nicht abgestoßen, weil er so viele weibliche Geschlechtsteile sieht. Das ist das Schöne an der Sexualität: dass sie eine so riesige Kraft ist; dass ich, wenn ich anspringe, alles vergessen kann.

Nehmen wir an, ich komme als Klient in Ihre Praxis. Welche Fragen stellen Sie mir als erste?

Ich frage natürlich, womit Sie kommen und warum gerade jetzt. Ich frage auch: Was haben Sie sich selbst zu dem Thema gedacht oder probiert? Und dann frage ich: Wie sehen Sie sich selbst als sexuelle Person? Was gibt Ihnen Sex überhaupt? Was bedeutet Sex für Sie?

Welche Antworten kommen auf die Frage, was den Menschen Sex bedeutet?

Diese Frage haben sich die meisten nie gestellt. Sie sagen: Na ja, es soll halt funktionieren. Oder: Das gehört dazu. Aber da kann ja viel, viel mehr dahinterstecken: Selbstbestätigung, die Verleugnung der eigenen Sterblichkeit. Es kann eine Sicherheitsprophylaxe sein: Solange es im Bett klappt, wird sie mich nicht betrügen. Das sind tausend Sachen, die interessant herauszuarbeiten sind.

Woran erkennen Sie, ob eine Therapie helfen kann oder eine Trennung besser wäre?

Prinzipiell gehe ich - wenn zwei Menschen in eine Therapie kommen, sich das trauen, das zahlen, sich die Mühe machen -davon aus, dass sie Hilfe erwarten, und nicht, dass ich ihnen sage: Na, besser, Sie trennen sich! Es gibt vieles, das man einfach selber noch nicht weiß. Und dieses Know-how kann ich nur in einer Therapie bekommen.

Nun kann es, gerade in langen Beziehungen, sein, dass sexuelle Wünsche mit der Zeit auseinandergehen. Kann man daran arbeiten?

Die Wünsche und Fantasien sind wahrscheinlich immer relativ ähnlich gewesen, doch wenn man sich kennenlernt, sagt man sich nicht gleich alles. Man einigt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Und den lebt man dann so lange, bis es langweilig wird. Aber dann ist es schwer, manche Dinge zu sagen. Und dann fühlt sich vielleicht auch noch der andere bemüßigt, zu sagen: "Na damit kann ich gar nicht!", obwohl es eigentlich am Anfang latent immer da war. Also insofern kann man gut damit arbeiten, indem man etwas offenlegt, was im Verborgenen da war.

Was sind die größten Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Zugängen zu Sex?

Nach wie vor das weibliche Bedürfnis, sich fallen zu lassen, erobert zu werden, und das männliche, zu jagen. Allerdings ist beides heute sehr verdeckt: Männer versuchen, ihre Jäger nicht raushängen zu lassen, und sind sehr zurückhaltend und anschmiegsam. Und Frauen stehen im Alltag ihre Frau und trauen sich nicht, sich fallen zu lassen.

Hat uns der Feminismus einen Strich durch die Rechnung gemacht?

Sexuell gesehen absolut. Wir sollten aber nicht wieder zurückgehen, sondern neue Wege finden. Das Einfachste wäre, dass im Alltag beide gleichberechtigt sind und die gleiche "Potenz" haben können; in der Sexualität sollte man dann andere Regeln anwenden. Das ist überhaupt eins der Geheimnisse guter Sexualität: dass ich Sex und Alltag trennen kann; die Mechanismen kenne, wo ich in den anderen Modus umschalte und eine ganz andere Rolle einnehme - sich das zu erlauben ...

Was müssten wir können, um ein glückliches Sexleben zu haben?

Ich glaube, man braucht eine Down-to-earth-Haltung. Die Anfänge einer Beziehung sind immer leidenschaftlich, spannend, aufregend. Aber ich muss mir bewusst werden, dass das abklingt. Dann habe ich auch nicht diesen Frust. Um ab und zu aufregenderen Alltagssex zu haben, muss ich eben schauen, wie ich in einen anderen Modus komme. Dass ich mal ganz woanders bin, mit anderen Rollen. Dass ich mich jetzt etwas mehr traue zu sagen, auszuprobieren, was wir uns noch nicht getraut haben. Das ist ein Geschenk, wenn es gelingt.

Dieser Text stammt aus der Print-Ausgabe der Wienerin, Nr. 06/2017 vom 24.05.2017.

 

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