"Ich wurde vergewaltigt"

Unermessliche Bewunderung haben wir für einen der mutigsten Texte seit langem zum Thema Vergewaltigung. Danke, Sophia.

Sophia kennen Sie vielleicht vom veganen Kochblog "Oh, Sophia". Auf "Oh, Sophia" gibt es richtig tolle Rezepte, charmante Texte und er sei eigentlich jedem ans Herz gelegt, egal ob vegan oder nicht. Ein bisschen mehr Veganismus im Alltag schadet nämlich niemandem von uns.

Auf einem Kochblog hat aber das, worüber Sophia heute gesprochen hat, wenig Platz. Der Text, in dem sie ehrlich über die Vergewaltigung, die ihr vor drei Jahren passiert ist spricht, wurde auf Edition F, ein Online-Magazin rund um starke Frauen, veröffentlicht. Es ist mehr als verständlich, dass sie so lange gebraucht hat, um überhaupt den Satz "Ich wurde vergewaltigt" auszusprechen. Umso mehr Bewunderung und Respekt gilt ihr für den Mut dazu.

Vergewaltigungsopfer müssen verstört sein

Was fällt ihnen ein, wenn sie an ein Vergewaltigungsopfer denken? Von einer Frau, die unverhohlen den Satz "Ich wurde vergewaltigt" ausspricht? Meist denken wir dabei an verstörte Frauen, die mit ihrem Schicksal nicht umgehen können und deren Leben fortan von diesem Traumata geprägt ist. Mit diesem Bild identifiziert sich keine Frau freiwillig.

So sieht Vergewaltigung auf Shutterstock aus

(Diese Bilder kommen übrigens auf Shutterstock, wenn man "Vergewaltigung" eingibt)

Sobald dann in der Geschichte irgendwie Alkohol vorkommt, und eine Frau vielleicht auch noch freiwillig mit einem Mann in ihre/seine Wohnung ging, fängt auch schon das Victim-Blaming an. "Sie ist selbst schuld, wenn sie betrunken war. Was geht sie auch mit ihm mit, da muss er ja denken, dass sie es ok findet." Diese Aussagen gehen so tief in uns über, dass wir sie glauben. Dass wir uns schämen, und uns selbst die Schuld geben. Genau diese Aussagen führen dazu, dass ein Großteil der sexuellen Übergriffe niemals zur Anzeige gebracht wird und oft von den Opfern verdrängt werden. Fast jede Frau erlebt zu irgendeinem Zeitpunkt sexuelle Übergriffe in unterschiedlichem Ausmaß, ob das nun Busen- oder Arschgrapscher sind, ob ein Mann einfach mal unter den Rock fährt, oder ob er tatsächlich in sie eindringt.

Selbst schuld

Diese Logik der Täter-Opfer-Umkehr beinhaltet so viel Humbug, dass man es gar nicht aushält. Ein Mann kann also grundsätzlich davon ausgehen, dass er das Recht hat, in jede Frau einzudringen. Dieses Recht bleibt bestehen, wenn sie Nein sagt, und wird verstärkt durch eventuellen Alkohol, der im Spiel ist oder Schlafplätze, die räumlich nah sind.

Einfach Nein. Keine Frau, die gegen ihren Willen Sex mit einem Mann hat, ist da irgendwie Schuld dran. Sophia schreibt das sehr schön: "Er ist sicher nicht ein zutiefst schlechter Mensch und er war sich seiner Straftat im Augeblick der Tat nicht einmal bewusst." Das ist genau das Problem: Das ist meist kein Vergewaltiger, der hinter irgendeiner Ecke lauert, und darauf wartet, sich an einem jungen Mädchen zu vergehen. Das kann ein voll lieb wirkender Typ sein, aber der hat auch ein bisschen was getrunken und denkt sich: "Mah, das passt schon, ich will heut aber schon noch zum Zug kommen". Und die Gesellschaft gibt ihm Recht. Weigert sich, viele Vorfälle überhaupt als Vergewaltigung zu definieren.

Jeder Text ein Stück in die richtige Richtung

Jeder und jedem von Ihnen sei Sophias Text ausdrücklich ans Herz gelegt, er ist mehr als lesenswert. Sich und seine persönliche Geschichte ins Zentrum dieser Diskussion zu rücken, braucht außerordentlichen Mut, und dafür bin ich ihr dankbar. Genauso wie den 35 Frauen, die das letzte Woche in der New York Times gemacht haben. Auf dass diese Diskussion nicht abbricht, bevor es tief in unsere Gedanken eingedrungen ist, dass kein Vergewaltigungsopfer jemals an einer Tat Schuld sein kann.

 

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