„Ich wurde auf der Flucht belästigt“: Eine Syrerin erzählt

Jeder zweite Flüchtling weltweit ist weiblich. Auch die 29-jährige Mina ist aus Syrien geflohen. Sie erzählte uns von ihrer traumatischen Reise und warum sie vergessen hat, Frau zu sein.

Es fällt Mina* sehr schwer, über ihre letzten Monate zu berichten. Ihren echten Namen will sie nicht hier lesen, sie hat Sorge um die Sicherheit ihrer Familie. Sie schlägt vor, dass ich sie im Artikel „Schmetterlingseffekt“ nenne. Ein ungewöhnlicher Name, doch ein sehr treffender. Denn ihr Leben sei genau das: eine Kette von unerwarteten Reaktionen, aufgrund eines kleinen Flügelschlags, der schlagartig alles veränderte. Zögernd und leise erzählt sie von ihrer beschwerlichen Flucht. Den traumatischen Momenten, die sie auf ihrer Reise gemeinsam mit ihrer Schwester durchleben musste. Von ihrer Zeit in Syrien, als noch alles in Ordnung war – und wie sie plötzlich aus ihrem normalen Leben gerissen wurde.

Der kleine Ort, der einen Sturm auslöste


Mina wurde in Darʿā geboren, einer Stadt im Südwesten Syriens. Die 29-Jährige wuchs in der 100.000-Einwohner-Stadt auf, und pendelte später täglich zum Studieren nach Damaskus. „Es wurde immer schwieriger für mich, zur Uni zu fahren“, erzählt die junge Frau. Sie musste mehrere Stopps passieren und ihr Heimweg wurde immer gefährlicher.

Darʿā ist nicht nur der Ort, an dem für Mina alles begann. Die Stadt war auch Ausgangspunkt der ersten Proteste gegen die Regierung Baschar Al-Assads. Im März 2011 sprühten 15 Teenager regimekritische Sprüche an ein Schulgebäude. Der dortige Sicherheitschef und Cousin des Machthabers ließ die jungen Menschen verhaften und foltern. Proteste und Demonstrationen folgten, die Regierung reagierte mit Panzern. Und jetzt im März 2016 jährt sich die Gewalt in Syrien zum sechsten Mal. Die Zahl der Todesopfer wurde bereits letzten Sommer auf 250.000 Menschen geschätzt. Keine Familie blieb von diesem Krieg verschont. Auch die von Mina nicht, deren Eltern noch immer in Syrien leben. Ohne Elektrizität, in kaputten Häusern.

Kinder, die gesehen haben, wie ihre Schwestern, Brüder und Eltern von Bombensplittern getötet wurden

Millionen Menschen sind deshalb aus dem Land geflohen – auch Mina und ihre 26-jährige Schwester. Doch das war, wie so vieles in ihrem Leben, nicht geplant. „Ich wollte dort bleiben und helfen“, erzählt sie. Sie arbeitete zwei Jahre lang bei einer Hilfsorganisation für obdachlose Kinder und Jugendliche, die wegen des Kriegs alles verloren hatten. Die gesehen haben, wie ihre Schwestern, Brüder und Eltern von Bombensplittern getötet wurden. „Sie haben vergessen, wie es ist, glücklich und unbeschwert zu leben. Wir spielten mit ihnen und holten uns dabei selbst Kraft von diesen mutigen Kindern“, erzählt Mina.

Doch die Situation wurde immer schlimmer, ihr Job lebensgefährlich. Sie entschied sich, ihr Heimatland zu verlassen. „Um Frieden zu finden“, wie sie sagt. Doch auf ihrer Reise begegnete ihr alles andere als das.

Sexuelle Belästigung, Gewalt, Ausbeutung


Jeder zweite Flüchtling weltweit ist weiblich. Für Frauen ist die Flucht oft traumatischer und gefährlicher als für Männer. Sie riskieren etwa Opfer sexueller Gewalt zu werden, wie ein Bericht von UNHCR, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und dem Women's Refugee Commission (WRC) zeigt. „Die Gesundheit und die Rechte von Opfern von Krieg und Verfolgung, vor allem von Frauen und jungen Mädchen, sollte nicht wie eine nachträgliche Maßnahme in der humanitären Hilfe behandelt werden,“ betont Dr. Babatunde Osotimehin, Leiter von UNFPA, in einer Aussendung. Einige Frauen, die für den Bericht in Griechenland und Mazedonien befragt wurden, gaben sogar an, als Gegenleistung für Ausweispapiere oder die Weiterreise, zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden zu sein.

Wir sind Menschen, nicht Objekte, die man verkaufen kann.
von Mina

Sei es durch Schlepper, Sicherheitspersonal oder andere männliche Flüchtlinge - auf ihrer Flucht aus Syrien und dem Irak sind viele Frauen Gewalt, Ausbeutung und sexueller Belästigung ausgesetzt, sagt auch ein Bericht von Amnesty International. Die NGO befragte in Deutschland und Norwegen 40 Frauen und Mädchen, die von der Türkei nach Griechenland und von dort über die Balkanroute nach Westeuropa flüchteten. Alle schilderten, dass sie sich auf der Flucht bedroht und unsicher gefühlt hätten. Viele berichteten, dass sie physische Gewalt und finanzielle Ausbeutung erlebt hätten, und dass sie von Männern angefasst wurden oder gar zu sexuellen Handlungen gedrängt worden seien. Eine 22-jährige Irakerin erzählte, dass ein uniformierter Sicherheitsmann in Deutschland ihr Kleider angeboten hätte - im Austausch gegen „Zeit mit ihr allein“.

„Weißt du, wie man schwimmt?“


Auch Mina musste auf ihrer Flucht traumatische Momente erleben. „Im Libanon fragten uns die Beamten gleich einmal: Weißt du, wie man schwimmt? Dann tasteten sie uns von Kopf bis Fuß ab. Angeblich suchten sie nach Waffen.“ Für die jungen Frauen eine sehr bedrängende Situation. „In der Türkei wollten ein paar Männer, dass wir mit ihnen mitgehen. Sie wollten uns Geld dafür geben. Wir sind Menschen, nicht Objekte, die man verkaufen kann.“

Selbst im Boot, auf dem sie das Meer überquerten, war sie vor Übergriffen nicht sicher. Der Fahrer bedrängte sie, kam ihr immer näher. Doch auf dem kleinen Schlauchboot war kein Platz mehr, um auszuweichen. Kurz vor der Küste sprangen sie alle ins Wasser. Die nasse Kleidung brauchte noch Stunden, um zu trocknen. Drei Tage lang mussten sie in Griechenland auf ihre Papiere warten. Und sich dann immer wieder entscheiden, mit wem sie mitfahren. „Es war immer ein Risiko dabei. Wir wussten nicht, was uns erwartet. Ob das ehrliche Menschen sind.“

Vergessen, wie man fliegt


Ihr ständiger Begleiter war die Angst. Angst, dass sie jemand ausrauben könnte, belästigen könnte, vergewaltigen könnte. „Wir fühlten uns nicht wie Menschen. Nicht wie Frauen. Wir mussten vergessen, dass wir Frauen sind. Um sicher hier anzukommen.“ Sie sei vielen schlechten Menschen begegnet. „Du musst selbstbewusst sein, um zu überleben“, sagt Mina. Und wirkt dabei so schüchtern. Als hätte sie noch nie jemandem einen Gefallen abschlagen können.

Wir mussten vergessen, dass wir Frauen sind. Um sicher hier anzukommen.
von Mina

„Wer sind diese schlechten Menschen?“, frage ich. „Die Polizei in Mazedonien zum Beispiel“, sagt sie daraufhin. „Sie haben uns gezwungen, in den Zug einzusteigen. Wenn wir nicht folgten, schlugen sie uns mit Stöcken und gaben uns Tritte.“ Die Zugfahrt war für Mina ein traumatisches Erlebnis. Sie redet immer wieder davon. Acht Stunden lang saß sie zusammengedrängt, neben fremden Männern, in einem Abteil. Konnte sich nicht bewegen. „Ein Mann hat mich ständig überall berührt. Ich habe mich an meine Schwester geklammert und wollte, dass es so schnell wie möglich vorbei ist.“ An der Grenze angekommen, bekamen sie zum ersten Mal nach drei Tagen etwas zu essen. Hilfsorganisationen gaben den Flüchtenden Medikamente, Nahrung und Kleidung.

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*Name von der Redaktion geändert

Wir wurden wie Kriminelle behandelt. Wie Tiere.
von Mina

Wiederum war es die mazedonische Polizei, die den jungen Frauen Angst einjagte. „Wir durften nicht miteinander reden. Wir wurden wie Kriminelle behandelt. Wie Tiere. Dabei sind wir aus Syrien geflohen, um vom Bösen wegzukommen. Und erlebten dann noch Grausameres.“ Zu Fuß überquerten sie die Grenze zu Serbien, im strömenden Regen und halb im Schlamm versunken. „Wir hatten nur unsere Kleidung. Und uns.“

Zitate (5476f862)

Mina war erschöpft, erzählt sie. Sie wollte schreien, weinen und alles rauslassen. „Aber ich musste für meine kleine Schwester da sein. Stark sein für sie. Ich habe zu ihr gesagt: ,Es ist okay. Wir schaffen das. Schau dir dieses Kind an, wie es einfach weitergeht.‘“

Verwirrt, hilflos, ausgeliefert


Nach einem dreistündigen Fußmarsch wurden sie von einem Taxifahrer in Serbien mitgenommen. Dabei konnte Mina beobachten, wie die Polizei und die Taxifahrer Absprachen trafen. Ihre Vermutung: dass auch die Polizisten an den Wucherpreisen der Taxifahrer mitverdienten. Endlich am Bahnhof angekommen, warteten sie einen Tag lang auf die Weiterfahrt. Zu essen hatten sie nichts. „Es gab eine Frau, die hartgekochte Eier teuer verkaufte. Wir aßen eines gemeinsam.“

Verwirrt, hilflos, ausgeliefert. So haben sie sich gefühlt, erzählt Mina. „Wir dachten, es wäre leicht, hierher zu kommen. Das ist es nicht. Du weißt nie, was als nächstes kommen wird. Wir konnten uns nur um eins kümmern: unser Überleben.“

An die kroatische Grenze kann sich Mina noch gut erinnern. „Wir mussten über Nacht hinüber. Es gab keine Lichter, keine Schilder.“ Sie verliefen sich, mussten fast den ganzen Weg wieder zurückgehen. In Kroatien bekamen sie Stiefel. "Die waren mir fünf Nummern zu groß", lacht sie. Es ist das erste Mal, dass ich sie lachen sehe. Doch ihr Gesicht versteinert sich plötzlich schlagartig. „Wir wussten nicht, ob unsere Eltern noch am Leben sind, sie wussten nicht, was mit uns passiert. Wir hatten nicht einmal eine Ahnung, was in der Welt passiert.“ Wie betäubt hatten sie einfach ein Ziel: sicher ankommen.

In Ungarn haben sich die beiden wieder verlaufen, mussten die Richtung ändern und kamen nach einiger Zeit in Österreich an. „Das ist eure letzte Reise“, sagte ein Polizeibeamter zu ihnen. „Damals habe ich nicht verstanden, was er meint. Und dann waren wir endlich da. In Wien.“

Warum sie nach Österreich wollte? „Weil Österreich ein sicheres, ein neutrales Land ist. In keine Kriege verwickelt. Wir wollten weg vom Krieg, hatten genug davon. Alles, was wir wollten, war Frieden und Sicherheit“, wiederholt Mina immer wieder.

Der Versuch, wieder emporzusteigen


Jetzt, vier Monate später, ist erst einmal Ruhe eingekehrt in Minas Leben. Zu viel Ruhe. „Wir warten auf unsere Papiere. Ich würde gerne arbeiten, etwas beitragen. Ich fühle mich so nutzlos.“ Ihr 22-jähriger Bruder befindet sich derzeit noch in Graz, wartet ebenfalls auf seinen Asylbescheid. Er war bereits einige Monate zuvor nach Österreich gekommen. In Syrien hätte er zum Militär gehen müssen. Und wäre dort wahrscheinlich gestorben. Mina und ihre Schwester wohnen bei Bekannten. „Ohne sie wären wir obdachlos.“

Um nicht untätig herumzusitzen, hilft sie zweimal die Woche in einem Flüchtlingsheim aus. Offizielle Deutschkurse kann sie ohne gültigen Asylbescheid nicht besuchen. Nur jene, die in Asylquartieren angeboten werden. „Aber da geht es immer von vorne los. Ich habe mir schon viel selbst beigebracht“, erzählt sie.

Sie verstehe den Hass gegenüber Flüchtlingen nicht. „Ich kenne so viele, die gut gebildet sind, arbeiten wollen, etwas beitragen wollen. Aber sie dürfen nicht.“ Ob syrische Männer wirklich so gewalttätig sind, wie sie in den Medien dargestellt werden? „Ich kenne meine Leute. Unsere Männer sind gute Menschen. Aber es ist so wie überall: es sind immer auch ein paar schlechte dabei.“

Doch es sind die Guten, so wie Mina, die eine Gesellschaft zum Positiven verändern. Von denen Österreich lernen kann, an denen sich viele hierzulande ein Beispiel nehmen können. In Zukunft will sie weiterhin für andere da sein. „Ich will Menschen helfen. Auch hier in Österreich gibt es Menschen, die Hilfe brauchen.“

Was sie sich aber am meisten wünscht, ist Frieden. Syrien sei das Land des Jasmins, erzählt sie stolz. „Und der soll wieder blühen.“ Für sie, und für all die anderen, die in ihrem Heimatland endlich wieder fliegen wollen.

 

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