"Ich wollte beim Sex dominiert werden": Erfahrungen mit BDSM

Ein halbes Leben lang träumte die Autorin davon, im Bett dominiert zu werden. Was nicht nur bei ihr selbst, sondern auch bei den Männern für Verunsicherung sorgte. So sah sie eines Tages nur einen Ausweg – und meldete sich zum BDSM-Anfänger-Workshop an. Ein Text aus der aktuellen Ausgabe des Frauen-Erotikmagazins Séparée.

Séparée Nummer 3

Der folgende Text stammt aus der Ausgabe (Nr. 3/ 2014) von Séparée, dem ersten deutschsprachigen Erotikmagazin für Frauen.

Ich liege auf dem Rücken, halb über ein paar fremde Beine gestützt, meine Augen sind verbunden, meine Handgelenke sind vor der Brust mit einem Seil gefesselt. Ich weiß nicht, wer die Person ist, die mir gerade provozierend langsam eine Wäscheklammer auf die rechte Brustwarze setzt. Aber ich spüre ihre Kraft, ihren Atem auf meiner Haut. Die Klammer sitzt kaum, da piekst mich etwas Spitzes in die Wange. Aua. Ich drehe den Kopf weg, eine Hand dreht ihn sanft, aber bestimmt zurück. Finger wandern langsam an meinen Lippen entlang, spielerisch. Dann öffnen sie zielstrebig meinen Mund und stecken mir sanft etwas hinein. Es fühlt sich an wie ein kurzer, dicker Gummi-Kolben. Aha. Ich spüre, wie sich ein warmes Gefühl zwischen meinen Beinen ausbreitet …

Wenige Augenblicke später wird die Augenbinde abgenommen, das Licht geht an, und ich sehe, wem ich dieses wohlige Gefühl zu verdanken habe. Eine blonde Frau um die vierzig lächelt mich zufrieden an.

Frau mit Maske

Sechs weitere Übungspaare sitzen lose verstreut um uns herum in dem großen, hellen Loft und tauschen sich zu den eben gemachten Erfahrungen aus. Wir befinden uns in der Schwelle 7, einem in der Berliner Szene wohlbekannten Ort für experimentelle Workshops, Performances und Partys im Kontext von Körperarbeit, Kunst und vor allem BDSM.

BDSM steht offiziell für Bondage & Discipline, Dominance & Submission und Sadism & Masochism. Ein weites Feld sexueller Spielarten, von dem ich bislang quasi nur theoretisch, aber dafür umso intensiver geträumt habe.

Der Workshop, in dem wir nun sitzen, trägt den etwas rätselhaften Namen „BDSM – Borders DO/N’T speak to me“ und ist eine Art Anfänger-Workshop für Leute, die sich für BDSM interessieren, aber nicht genau wissen, wo und wie sie damit anfangen sollen oder welche Bereiche ihrer Neigung sie in der Praxis eigentlich ausleben wollen. So wie ich. Ich habe eine beachtliche Weile gebraucht, um nicht mehr auf den komplementären Mann dafür zu warten („Hase, ääähm, würde es dir was ausmachen, mich eventuell mal ein bisschen zu unterdrücken beim Sex, also nur wenn das für dich ok wäre?“), sondern nach einem Ort zu suchen, der mir konkret bietet, was ich brauche. Dabei hätte ich fast vor der Tür wieder umgedreht. Zum Glück bin ich doch hineingegangen, denn mit diesem Schritt hat sich – ich übertreibe nicht – mein Leben verändert. Die bange Frage, mit welchen Menschen ich es hier möglicherweise zu tun bekommen würde, hatte sich gleich bei der Ankunft in Luft aufgelöst: Es sind Leute, die ich auch im Yoga-Studio treffen könnte. Eine bunte Mischung im Alter von Mitte 20 bis 50. Von der coolen Hipster-Grafikstudentin über den erfolgreichen mittelständischen Unternehmer bis hin zur Mutter von drei kleinen Kindern ist alles dabei. Und ich merke schnell, dass ich nicht die Einzige bin, die hier hoch nervös, den Kopf und das Herz voll mit tausend Ängsten und Fragen, in der Runde sitzt.

Bondage

Sehnsucht und Angst liegen beim Thema Sexualität für viele Menschen sehr nah beieinander, ganz besonders beim Thema BDSM. Deshalb erfahren wir gleich zu Beginn von den beiden Workshop-Leiterinnen, was BDSM sein sollte: ein einvernehmliches Spiel, basierend auf Respekt, gegenseitiger Wertschätzung und achtsamer Kommunikation. Es geht darum, sich selbst beim Spielen zu erforschen, Grenzen auszuloten, sich von Scham und Angst zu befreien. Aber die wichtigste Message, die wir in den vier Tagen des Workshops immer wieder gesagt bekommen, ist: Du musst niemals etwas tun, das du nicht willst. Respektiere deine Grenzen und kommuniziere sie klar und deutlich. Die beiden Damen, die uns hier so gekonnt in das heiße Thema einführen, heißen Caritia und Mara, und sie müssen wissen, wovon sie sprechen: Beide haben langjährige Erfahrung in der Praxis von BDSM. Caritia war einmal eine professionelle Domina und Mara hat eine Ausbildung als Sexological Bodyworker – ein Beruf, der in den USA sogar staatlich anerkannt ist. Heute arbeiten beide vor allem als „Coaches for conscious BDSM and a free sexuality“, geben regelmäßig Workshops und helfen Leuten wie mir, auf eine bewusste und sichere Art mit dem Thema in Berührung zu kommen.

Für beide geht die Arbeit mit BDSM in ihrer Wirkung deutlich über die rein körperliche Ebene hinaus: „Jeder Mensch hat eine einzigartige Persönlichkeit, die aus vielen Facetten besteht, von denen wir meist nur einen Bruchteil zulassen“, erklärt uns Mara. „BDSM sehe ich als wunderbaren Spielplatz, diese Seiten zu entdecken, ohne gleich einen Sinn oder eine Erklärung finden zu wollen, und gleichzeitig als intensive Arbeit mit Körper, Geist und Seele, die das Helle und das Dunkle versöhnt.“

Nach einem entspannten Warm-Up mit Atem- und Meditationsübungen werden wir langsam, aber sicher aus der Komfortzone gelockt. Beispielsweise, als wir kleine Gruppen bilden müssen, jeweils einer steht in der Mitte, die anderen drum herum, mit der Aufgabe, den Teilnehmer in der Mitte minutenlang zu mustern.

Dann sollen wir alle Assoziationen und Beschreibungen zu der Person laut aussprechen. Da ist auch das eine oder andere dabei, das man nicht so gerne hören möchte. Denn, nein, ich bin nicht distanziert! Verspielt gefällt mir schon eher. Und was genau bitte meint ihr mit kräftig?

So lockt uns eine kleine Übung nach der anderen peu à peu an unsere Grenzen, dahin, wo die Stimme anfängt zu zittern, man hektische Flecken bekommt und sich fragt, was zum Teufel man hier eigentlich tut.

In einer anderen Übung geht es darum, Nein zu sagen. Alle laufen durch den Raum, und jedem, dem ich begegne, schaue ich fest in die Augen und sage mit klarer, lauter Stimme „Nein“. Ich spüre, dass das gar nicht so einfach ist, denn wann sagt man im Alltag schon mal so richtig hart und laut Nein? Ich zumindest merke, dass das Wort schon lange nicht mehr in dieser Klarheit über meine Lippen gekommen ist und dass es sich ungewohnt anfühlt – es auszusprechen, aber auch, es zu hören.

Klammer
„Jeder Mensch hat eine einzigartige Persönlichkeit, die aus vielen Facetten besteht, von denen wir meist nur einen Bruchteil zulassen.“
von Ella Stern

In dem Moment dämmert mir, dass das Spiel um Dominanz oder Unterwerfung in der Sexualität gar nicht so weit von unserem „normalen“ Leben entfernt ist. Es erscheint mir plötzlich wie ein Spiegel für die psychologischen Spiele, die wir auch im Alltag oft spielen: Es ist eine Herausforderung, auf seine Bedürfnisse zu hören, gesunde Grenzen zu setzen und dennoch in der Lage zu sein, sich vertrauensvoll hinzugeben oder einem anderen Menschen Macht über sich zuzugestehen.

Irgendwann beschäftigen wir uns ganz konkret mit Sex, zumindest mental. Wir werden aufgefordert, im Raum umherzuwandern und uns dabei unsere sexuelle Lieblingsfantasie vorzustellen, in allen Details. Unter den eben noch fröhlich plaudernden Teilnehmern breitet sich während der Ansage der Aufgabe sichtliches Unbehagen aus, eine angespannte Stille entsteht. „Und dann“, sagt Caritia mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit, als würde sie die Speisekarte der Kantine vorlesen, „wenn ihr eure Fantasie klar vor Augen habt – dann lauft weiter im Raum herum und sprecht sie laut aus. Beschreibt sie klar und deutlich.“ Ich schaue in die Runde und fange Blicke ein, die widerspiegeln, was ich selbst denke. Das kann nicht ihr Ernst sein!

Es ist wirklich interessant, wie schwer es ist, die eigenen Fantasien laut auszusprechen. Wie sehr wir einander umschiffen in dem großen Raum! Wie leise wir plötzlich die Worte murmeln, sobald uns doch einer oder eine zu nahe kommt. Die eigene sexuelle Fantasie, das ist ja sowas von privat! Und was, wenn die anderen das, was ich mir in einsamen Nächten oder auf langweiligen Bahnfahrten vorstelle, pervers finden? Oder, fast noch schlimmer: langweilig und bieder? Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, dass die Antwort auf diese Fragen schon um die nächste Ecke lauert.

Denn als wir alle erleichtert die Runde hinter uns gebracht haben, sitzen wir wieder im Kreis auf unseren Meditationskissen und Caritia sagt lächelnd das Unfassbare: „Erzählt jetzt der Gruppe von Eurer Fantasie.“ Ich habe das Gefühl, mir gefriert das Blut in den Adern.

Die Stimmung, die sich nun ausbreitet, kann man als Schockstarre beschreiben. Minutenlang spricht niemand ein Wort. Bis eine Teilnehmerin sich ein Herz fasst. Es ist die dreifache Mutter, die ohne Umschweife direkt zur Sache kommt und uns beschreibt, dass sie davon träumt, in einem Raum mit mehreren Männern zu sein, die über sie herfallen und mit ihr machen, was sie wollen. Mit diesem mutigen Geständnis erlöst die Frau die ganze Gruppe. Es ist fast so, als hätte jemand ein Ventil geöffnet, das zuvor unter großem Druck stand. Jetzt sprudeln die Geschichten nur so, und ja, auch mir kommt es über die Lippen, dass ich mir beispielsweise vorstelle, gefesselt zu sein, während ich den großen harten Penis von einem Kerl lutschen muss, der mir Ohrfeigen verpasst, während mich ein zweiter ordentlich von hinten durchvögelt und mir den Hintern versohlt, wenn ich mich nicht genug anstrenge.

Ich lausche den Teilnehmern fasziniert und lerne, dass ich auf der Skala zwischen Blümchensex und „Ist das schon pervers?“im Gruppenvergleich im Mittelfeld positioniert bin.

Und vor allem lerne ich, dass es gar nicht so selten ist, gewaltbesetzte und grenzüberschreitende Fantasien zu haben – wie auf die Idee zu masturbieren, dass einem die Nachbarin ins Gesicht pinkelt oder dass man die verschwitzten und ungewaschenen Füße der Kolleginnen lecken muss. Oder dass es einen anturnt, der jungen, unschuldigen Babysitterin kräftig den nackten Hintern zu versohlen, bis sie weint, sowie den eigenen Mann wollüstig mit einer dicken Kerze in den Hintern zu ficken, bis er um Gnade bettelt. Auch wenn viele Leute ihre Fantasien vielleicht nie in die Realität umsetzen wollen oder können, so verstehen wir doch in diesem Moment der Wahrheit, dass es okay ist, sie zu haben – denn erst einmal sind es nur Fantasien.

Was in der Realität passieren soll, muss zwischen den Sexualpartnern ausgehandelt werden. Auch darauf möchten Caritia und Mara uns im Workshop vorbereiten.

Einmal werden wir beispielsweise in Tandems aufgeteilt und müssen uns abwechselnd einen Show-Act ausdenken, in dem der Partner die Hauptattraktion ist. Wo hier die Grenzen liegen, wird individuell verhandelt. Das Ergebnis ist, dass ich einem schüchternen, irischen Teilnehmer befehle, sich ein Ballerinakleid aus dem hauseigenen Kostümfundus anzuziehen, natürlich ohne Unterhose, und damit vor der ganzen Gruppe zu tanzen. Am Ende muss er sich komplett entkleiden und mich wie eine Königin auf allen vieren auf seinem Rücken durch den Raum tragen. Er revanchiert sich, indem er mich der Gruppe anbietet, mit dem Versprechen, dass ich alles tun werde, was sie verlangt. Das Ergebnis ist, dass ich mich vor aller Augen selbst befriedigen muss und erst aufhören darf, wenn ich einen Orgasmus habe oder zumindest glaubhaft einen vortäuschen konnte.

Doch alles ist nichts ohne fundierte Technik, deshalb entlassen Caritia und Mara uns auch nicht ohne das Handwerkszeug für verantwortungsvolles Impact Play. Hauen ja, aber mit System.

Wir lernen gefühlte hundert verschiedene „Impact-Instrumente“ kennen: von der klassischen Peitsche über Wäscheklammern, Seile, Hundehalsbänder, Knebel und Masken bis hin zu Objekten, die stark an Fliegenklatschen oder Haarbürsten erinnern. Es gibt eine sehr anschauliche Live-Demonstration dazu, wie man auf welche Körperstellen schlagen soll, um Verletzungen beispielsweise der inneren Organe zu vermeiden. Dann sind wir wieder dran, paarweise, um uns gegenseitig auf technisch und politisch korrekte Art und Weise zu peitschen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viel gelacht habe. Es entsteht so manch absurde Situation, zum Beispiel, als die hübsche junge Estin, mit der ich gerade noch in der Pause über ihr Studium gesprochen habe, mich fragt, wo ich gerne von ihr geschlagen werden will. Sehr ausdauernd und kräftig versohlt sie mir dann den Po. Oder als der Unternehmer mittleren Alters, an dessen Körper ich gerade wie eine Medizinstudentin an einem Versuchskaninchen konzentriert diverse Instrumente ausprobiert habe, mich nun umarmt und mir ein gelöstes „Thank you“ ins Ohr haucht.

Aber das absolute Highlight kommt natürlich zum Schluss. Die gleichermaßen einschüchternde wie faszinierende Institution der Play Session erwartet uns am letzten Nachmittag – quasi eine kleine BDSM-Sexparty, bei der alles geht und alles erlaubt ist, was einvernehmlich gefällt. Am helllichten Tag. Nüchtern. Ich höre es und sehe meine Grenzen bildlich vor mir, wie sie mich angrinsen und mir freundlich zuwinken. Na komm, Kleine! Trau Dich!

Theoretisch ist es ganz einfach: Wähle eine Rolle und das passende Kostüm (ich, klar: endlich Prinzessin). Suche dir eine der vorbereiteten Spielwiesen im Raum aus (zur Wahl stehen: Kuschelparadies, Käfig, die harte Lack- und Leder-Ecke, Handschellen an der Säule und eine Bondage-Ecke) oder bleibe erst einmal in der Mitte und schau zu (yes!). Dann lass dich von der Musik tragen (die ist irgendwie sehr psychedelisch und erinnert an den Erotikfilm „Eyes Wide Shut“), nimm Kontakt zu den anderen auf und fangt an zu spielen. Abgesehen von Respekt, Wertschätzung und den eigenen Grenzen gibt es keine besonderen Regeln.

Ein Gongschlag läutet die Session ein. Am Anfang herrscht noch schüchternes Gekicher und Zurückhaltung, aber dann fließt es auf einmal. Ich lasse es ruhig angehen, schaue mich in allen Bereichen um und finde mich später irgendwo im Raum mit einem sportlichen Yoga-Boy und einer burschikosen Blondine wieder. Ich bin die zarte Prinzessin, und die beiden sind Piratenfrau und Admiral. Wir lächeln uns etwas unsicher an, gehen aufeinander zu, fangen an, uns zu berühren, erst verspielt, dann eindeutiger. Am Ende stehe ich zwischen den beiden, trage ein Hundehalsband mit Leine und diverse Wäscheklammern schmücken meine Unterarme. Der Admiral steht dicht hinter mir, die Leine in der Hand. Er fesselt meine Hände auf dem Rücken, drückt mich sanft runter auf die Knie, mit meinem Gesicht nah an der Piratin. Mein Mund ist genau auf Höhe ihres Schritts. Sie steckt zwar in einer Netzstrumpfhose, aber als ich noch näher an sie gepresst werde, spüre ich deutlich ihre feuchten Schamlippen an meiner rechten Wange. Der Griff um meine zusammengebundenen Hände wird fester, und ich merke, dass wir gerade dabei sind, vom harmlosen Workshop-Spiel in eine sehr heiße Nummer abzudriften. Wow. Was für eine Power dieses Spiel entfalten kann! Der Gong holt uns abrupt zurück in den Workshop, bevor es richtig ernst werden kann. Was mir wie Minuten vorkam, waren eineinhalb Stunden. Erhitzt sitze ich in der Abschluss-Runde und kann keinen klaren Gedanken fassen.

Am Ende soll jeder noch etwas zu seinen Erfahrungen sagen und dem Gefühl, mit dem er nun nach Hause geht. Es sprudelt nur so aus mir heraus. Das Thema hat in den vier Tagen seinen Schrecken verloren. Ich habe so viel verstanden, entdeckt, ich war geil, ich war fröhlich, ich war traurig, wir haben gerauft wie die Kinder und waren mutig wie Erwachsene. BDSM ist eine Reise, meine Reise. Ich habe gerade eingecheckt.

 

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