Ich will mehr Zeit

Zeit sparen? Völlig sinnlos! Der Clou ist, mit dem scheinbar kostbarsten Gut verschwenderisch zu sein. Und öfter mal etwas zuzulassen, das man als Zeitvergessenheit bezeichnet. Wie man lernt, sich das Zeit-Sparen zu ersparen und warum man erst über die Langeweile zur Kreativität kommt, erklärt Zeitforscher Karlheinz Geißler.

Wenn ich nur mehr Zeit hätte, ja, dann würde ich ... meine Freunde öfter treffen ... mal Sport machen ... endlich das Buch lesen, das auf meinem Nachtkästchen liegt ... den Spanisch-Kurs beginnen ... Diese Liste kann jede oder jeder für sich selbst noch neu schreiben. Denn fast alle haben so eine stille „To-do-Liste“ für den Fall, dass einmal mehr Zeit da sein sollte.

Das Problem dabei ist: Wir haben nicht mehr oder weniger Zeit, wir haben nur die Zeit, die wir gerade erleben. Und dieser ungewisse Rahmen zwischen Geburt und Tod wirkt auf uns oft angst­einflößend. Denn wenn wir nicht unbegrenzt Zeit haben, dann muss man diese doch erst recht richtig nützen, oder?

Vor einigen Jahren entstand aus diesem Dilemma der Trend des „Zeitmanagements“. Motto: Alles lässt sich managen, man muss nur wirklich wollen. Dagegen sprechen allerdings ständig steigende Burnout-Raten und dass etwa Österreich im „Better Life Index“ zur Work-Life-Balance der OECD nur im untersten Drittel herumdümpelt. Wir sind also nicht sehr erfolgreich im Managen unserer Zeit.

Dabei gibt es vielleicht einen recht unspektakulären Weg aus diesem Teufelskreis. Der deutsche Zeitforscher Karlheinz Geißler, der selbst seit 30 Jahren ohne Uhr und Handy lebt, meint, dass wir erst einmal bewusster zwischen der Arbeits- und der Lebenszeit unterscheiden sollten. Die "Time is money"-Zeit wird als Gradmesser für wirtschaftlichen Fortschritt gewertet und die "Time is honey"-Zeit ist jene, die wir erleben, in der wir uns langweilen, trödeln und keine messbaren Ergebnisse von uns verlangen. Darum heißt sein neues Buch auch Time is honey (€ 18,50, oekom verlag, ab 16. 3.). Der WIENERIN hat der Zeitforscher schon mal ein paar Tricks verraten:

Wie kann ich mich enthetzen?

Termine einhalten, Essen kaufen, ­Facebook checken, Mails schicken, Mann finden, Überstunden schieben, Kinder großziehen und gleichzeitig immer schön das Leben genießen? Ist ein bisschen viel verlangt auf einmal. Karlheinz Geißler sagt: „Wenn wir sehen, dass unser Körper ganz selbstverständlich Pausen machen möchte, dann ist im Kopf schon viel getan. Eine Pause, die immer sein muss, ist schlafen. Wir gönnen uns also einmal am Tag eine Pause, ohne die wir auf Dauer nicht überleben. Das könnte man erfreut zur Kenntnis nehmen.“

Der nächste Schritt ist, manchmal Beschleuniger wegzulassen. „In der Wohnung wären das etwa Fernbedienungen, Handys, iPads – also Dinge, die uns ständig animieren, schnell zu sein“, rät Geißler. Statt­dessen ist es hilfreich, sich von Ritualen zu neuen Zeiteinheiten verleiten zu lassen. „Ich beginne meinen Tag immer gleich: Erst aufstehen, dann Zeitungen lesen, dann mache ich mir einen Espresso. Danach beginne ich zu arbeiten. Es ist jeden Tag dasselbe, diesen Rhythmus mag ich. Und vor allem: Ich bestimme, was ich wann mache.“ Das geht natürlich nicht in allen Lebensbereichen, aber einen zu schaffen, in dem man selbst den Takt vorgibt, kann schnell entspannen.

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Ist mir ohne Stress langweilig?

Die Vorgabe, Zeit perfekt zu nützen und das ganze Leben so effektiv wie möglich zu gestalten, bringt uns in einen wilden Strudel. Je mehr wir tun, desto stärker haben wir das Gefühl, dass noch mehr gehen müsste. Und: Wenn wir mal nichts tun, scheint es fast, als könnten wir mit der Langeweile schlechter umgehen als mit der Überforderung.

Die Lösung? Karlheiz Geißler: „Die Zeit ist eine sehr treue Freundin, die uns von der Geburt bis zum Tod begleitet. Aber: Sie existiert eigentlich gar nicht, wir alle haben nur eine Vorstellung von ihr. Die Industrialisierung hat mit der Uhr die Zeit in Arbeitszeit geteilt. Damit wurde aus der einstigen Vorstellung etwas Messbares. Seit dem ist diese Zeit in Geld zu messen. Das ist in Ordnung, solange man sich daneben auch die Qualitätszeit bewusst macht. Wenn jemand also plötzlich Zeit hat und die Langeweile kommt auf, dann kann ich nur raten: Lassen Sie diese Langeweile zu, denn nach der Langeweile kommt die Muße und danach wartet auf uns die Kreativität. Dieser Prozess ist wirklich spannend.“

Warum ist Zeitsparen Blödsinn?

Der Zeitforscher meint dazu pragmatisch: „Es ist nicht Blödsinn, es geht nur einfach nicht. Die Vorstellung, Zeit zu sparen, ist eine, die uns zwangsweise unzufrieden macht. Wer Zeit sparen will, hat kein sehr freundliches Verhältnis zu sich selbst. Denn was man spart, sind Erfahrungen, Gelegenheiten, Gedanken, Erkenntnisse. Also eigentlich durchwegs ganz schöne Dinge. Wer Zeit sparen will, misst Zeit als etwas, was es zu minimieren gilt. Als ob man sie verjagen wollte.“ Was der Forscher als Erkenntnis in Aussicht stellt, „die Zeit qualitativ zu erfahren, ermöglicht dann auch, die Natur in sich selbst zu spüren“.

Wieso schweben Verliebte denn im zeitlosen Raum?

Sie erinnern sich: Schmetterlinge im Bauch, Dauergrinsen, Probleme in weiter Ferne, Zeit in Hülle und Fülle. Richtig: So geht es einem, wenn man verliebt ist. Für den Zeitforscher ein Zustand der „Zeitvergessenheit“. Das Gegenteil heißt für ihn „Zeitversessenheit“, mit der wir uns scheinbar den Rest des Lebens herumschlagen. Geißler umreißt das schönste Phänomen der Welt so: „Das Attraktive an der Liebe ist, dass sie die Vergänglichkeit vergessen macht. Und wir erleben in diesen Momenten eine Art Erleichterung, als ob uns die Endlichkeit egal wäre. Und das stimmt ja auch: Verliebtheit ist eine Vorwegnahme der Ewigkeit, also der Zeitlosigkeit.“ Himmlisch, oder?

 

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