Ich will mal keinen Plan haben! So funktioniert's

Ohne Navigationsgerät, ohne Terminkalender und ohne Coach sind Sie verloren? Dann wird’s Zeit, vom Weg abzukommen. Denn nur wer hin und wieder bewusst „verloren“ geht, findet ans Ziel und sich selbst. Wir zeigen, wie’s geht.

Sich zu verirren, macht Angst. Und das muss gar nicht mal im finsteren Wald sein. Schon ein verfehltes Tagesziel kann einen aus der Fassung bringen. Deshalb achten wir penibel darauf, Trampelpfade nicht zu verlassen. Das Problem dabei: Wer immer dieselben Wege geht – sei es nach Hause oder im Job –, nimmt sich die Chance, Neues zu entdecken. „Wir wissen gar nicht, wozu wir alles fähig sind, weil wir nur tun, was wir eh schon kennen und können“, sagt Psychologin Martina Gebhard.

Der Weg ist das Ziel

Ab und zu vom selbstgesteckten Weg abzukommen, kann also heilsam sein und helfen, sich selbst zu finden. Verloren zu gehen, ist nämlich nicht nur ein physiologischer Zustand, sondern auch ein emotionaler. Wir fühlen uns verunsichert und ängstlich. „Aber genau diese Gefühle sind so wertvoll“, sagt Psychologin Gebhard. „Sie erlauben uns, vollkommen ehrlich mit uns selbst zu sein. In unserem durchgeplanten Alltag leben wir die Illusion von Unabhängigkeit und Machbarkeit. Erst wenn wirklich nichts und niemand da ist, erfahren wir, wer wir wirklich sind und was wir wirklich wollen – und ob der alte Pfad auch wirklich der für uns richtige war.“

Auf der Suche nach dem Weg zurück entwickeln wir zudem Strategien, wie wir mit Ungewohntem umgehen können. „Das gilt auch im übertragenen Sinn für unser Leben“, sagt Gebhard. Ein Beispiel: Wer sich verirrt hat, wird auf Zeichen achten, die die Richtung weisen. Das schärft die Sinne. Und wenn wir uns einmal auf dem Karriere- oder Liebespfad verlaufen, erinnern wir uns daran, wie wichtig es ist, auf kleine Details zu achten.

Verlieren und Finden

In der heutigen Zeit bewusst verloren zu gehen, ist nicht gerade einfach, aber möglich. Dafür müssen Sie nicht einmal einen Survival-Trip buchen. Lassen Sie Ihre Rüstung wie Navi, Armbanduhr und Handy zu Hause. Und machen Sie sich zu einem algorithmischen Spaziergang auf. Legen Sie sich dafür ein Muster zurecht, z. B. zweite Gasse rechts, zweite Gasse rechts, erste links, erste rechts – und wiederholen Sie es zehnmal. Sie werden sehen: Sie entdecken dabei Plätze in Ihrer Nachbarschaft, die Sie nie zuvor gesehen haben. Zunächst wird Ihr panikgeschütteltes Hirn das Verlorengehen als unangenehm empfinden. Doch mit der Zeit wird es den Zustand genießen lernen – und Sie leben voll im Hier und Jetzt.

 

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