"Ich will das Kind behalten, habe aber keine Perspektive"

Was können Frauen in Wien tun, die ihr Kind behalten wollen, aber kein soziales Netz haben? Wir haben eine Hilfsorganisation für Schwangere in Not besucht.

Frau T. stammt aus dem Kongo. Vier Jahre lang ging sie zur Schule, im Alter von fünf Jahren wurde sie verheiratet. Mit 16 Jahren kam ihr erstes Kind zur Welt, dann noch zwei weitere. Als dann der Krieg auch ihr Dorf erreichte, musste sie mit ihren Kindern fliehen. Alle drei hat sie auf der Flucht verloren. Bis heute weiß sie nicht, wo sie sind oder ob sie überhaupt noch leben.

2009 kam sie dann nach Österreich und hat um Asyl angesucht. 2011 wurde sie schwanger, und entschied, das Kind zu behalten. Die Sorge um ihre verschwundenen Kinder bereiteten ihr weiterhin schlaflose Nächte und psychische Probleme. Ihr Freund, der Vater des Kindes, ist Muslim und sie Christin. Er ist noch verheiratet, aber seine Frau lebt im Kongo. Auch wenn er sich scheiden lassen würde, könnten sie nicht heiraten, da seine Familie das nicht wollte.

All das waren Gründe, warum sie das Kind eigentlich nicht wollte. Das Baby hat sie dann im Juli 2012 dennoch zur Welt gebracht. Heute hat sie eine Arbeitsbewilligung in Österreich und ihr Leben wieder selbst im Griff.

Will ich das Kind behalten?

Solche traumatischen Schicksale begegnen den MitarbeiterInnen der St. Elisabeth-Stiftung der Erzdiözese Wien täglich. Es sind Schicksale, über die man sonst nicht viel liest. Schicksale, die so tragisch klingen, dass man sich fragt, wie man das überstehen kann.

Seit über 60 Jahren berät, hilft und unterstützt die Stiftung – früher noch nicht unter diesem Namen - alleinerziehende Mütter und Schwangere in Not, erzählt deren Geschäftsführer Marcus Piringer. Die St. Elisabeth-Stiftung der Erzdiözese Wien besteht seit 2010.

Die Frauen melden sich vor der Geburt, wenn sie Hilfe brauchen und werden dann bis zum zweiten Geburtstag der Kinder begleitet. Doch wie wird die Not der Frauen bemessen? „In Not heißt sowohl in finanzieller Not als auch Beratung bei der Frage, ob sie die Kinder behalten wollen oder nicht.“ Piringer betont, dass den Frauen diese Entscheidung selbst überlassen wird, und diese nicht beeinflusst werden. Trotzdem ist sein Standpunkt zum Thema Abtreibung klar: „Wir sind natürlich für das Leben.“

Oft kein soziales Netz

Es sind oft Frauen, die kein soziales Netz haben, die zur Beratung kommen. Die Schwangerenberatung und die Familien- und Rechtsberatung sind zwei Eckpfeiler der Stiftung. „Uns ist wichtig, dass wir Hilfe zur Selbsthilfe bieten“, so Piringer. Außerdem werden zwei Mutter-Kind-Häuser betrieben und zusätzlich auch noch Startwohnungen zur Verfügung gestellt. In insgesamt 36 möblierten Wohnungen werden Frauen und Mütter mit ihren Kindern betreut, um wieder zu einem selbstständigen und geregelten Leben zurück zu finden.

Die Hilfsangebote reichen dabei von Gutscheinen für Babynahrung und Lebensmittel über Wäschepakete, Kinderwägen und Sprachkurse oder auch Kreativkurse in der hauseigenen Webstube und Kreativwerkstatt zur Förderung der beruflichen Integration.

Frauen auf der Flucht brauchen vermehrt Unterstützung

Der größte Anteil der Frauen, die derzeit Hilfe benötigen, sind Frauen auf der Flucht. Sie haben vor allem ein Problem damit, eine leistbare Wohnung zu finden. Die Mieten in Wien seien derzeit einfach zu hoch, weiß Piringer. Die meisten dieser Frauen haben kein Anrecht auf eine Wohnung von Wiener Wohnen, weil die Vergaberichtlinien verschärft wurden. Man muss dafür nämlich mindestens vier Jahre lang durchgehend in Wien gelebt haben und einen Aufenthaltsstatus besitzen. Das stellt viele Frauen, die erst seit Kurzem in Wien sind, vor große Hürden. Früher gab es einen nahtlosen Übergang aus den Mutter-Kind-Häusern in eine geförderte Wohnung, jetzt werden zusätzlich die Startwohnungen angeboten, um die Frauen lückenlos unterstützen zu können.

„Die syrische Flüchtlingswelle merken wir ganz stark. Und das sind oft Menschen aus gut situierten Kreisen, gebildete Frauen, die einfach Startschwierigkeiten haben“, sagt Nicole Meissner, die stellvertretende Geschäftsführerin. „Der Staat Österreich sagt, aufgrund dieser Flüchtlingswelle, dass er nicht alle unterstützen kann“, so Meissner. „Natürlich steigen Armut und Hilflosigkeit durch Gesetzesverschärfungen.“ Doch aus politischen Diskussionen halte sich die Stiftung eher heraus. Es gehe um die echte karitative Hilfe.

Häusliche Gewalt ist auch ein Randthema

Der Schutz der Frauen hat oberste Priorität. Nicht selten sind diese nämlich in der Vergangenheit mit Gewalt konfrontiert gewesen. So auch Frau D. Sie stammt aus Äthiopien und lebt seit 2010 in Österreich. In Äthiopien brachte sie schon einmal Zwillinge zur Welt, die sie jedoch zur Adoption freigeben musste, weil sie kein Geld hatte. Und die nun, wie sie später erfuhr, in Amerika leben. Zudem leidet sie, seit ihrer Kindheit, an schwerer Epilepsie, weshalb sie sich nicht zutraute, für ein Kind sorgen zu können. Als sie nun ein weiteres Mal schwanger wurde, stürzte sie dies in eine tiefe persönliche Krise. Der Kindesvater war zudem aggressiv und alkoholabhängig.

Nach der Geburt ihres Sohnes, im Februar 2016, musste sie sehr lange Zeit auf sein Visum und auf die Bearbeitung ihres Antrags auf Familienbeihilfe und Kinderbetreuungsgeld warten. In dieser Zeit hatte sie keinerlei Einkommen, keine Krankenversicherung und war gänzlich auf die Hilfe von Freunden angewiesen. Ihr fehlte es am Notwendigsten und jeden Tag wachte sie mit der Angst auf, nichts zu essen für ihr Baby zu bekommen, denn Stillen konnte sie den Kleinen, auf Grund ihres emotionalen Stresses, von Anfang an nicht.

Ihre laufenden Kosten konnte sie in dieser Zeit ebenfalls nicht bestreiten, weshalb sie vermehrt Probleme mit ihrem Vermieter bekam und Angst hatte, jeden Moment aus der Wohnung geschmissen zu werden. Der Kindesvater wurde immer wieder gewalttätig – und ging eines Tages sogar mit einem Messer auf sie los. Ihre Situation endete damit, dass sie im Juli vergangenen Jahres mit ihrem Sohn, schließlich in ein Frauenhaus ziehen musste. Von der Beratungsstelle der St. Elisabeth-Stiftung wurde sie in dieser schweren Zeit in Form von psychosozialer Betreuung und finanzieller Aushilfe zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts unterstützt. Durch Beratung und gezielte Hilfe wird Frau D. auf ihrem steinigen Weg ein Stück weit begleitet.

Geschichten, die Mut machen

Mit solchen Geschichten umzugehen, kann manchmal sehr belastend sein. Doch Meissner sieht in ihrer Arbeit vor allem Positives: „Wenn man in diesem Job arbeitet, dann verschmilzt man mit der Sache. Auch wenn wir hin und wieder Schicksalsschläge haben, wo es manchmal nicht gut geht, ist der Tenor: wir bringen Menschen weiter.“

Denn es gibt auch jene Geschichten, die Mut machen und zeigen, dass die Arbeit für Frauen in Notsituationen Sinn macht. Kürzlich kam etwa eine Bewerbung von einem jungen Zivildiener herein, so Meissner. An sich sei das ja nichts Ungewöhnliches. Doch ein kleines Detail zeigte ihr, wie nachhaltig soziale Arbeit sein kann. Der junge Mann war nämlich selbst vor vielen Jahren Bewohner eines der beiden Mutter-Kind-Häuser der Stiftung. „Er will jetzt das Gute zurückgeben, das er hier erfahren hat.“

 

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