"Ich weiß nicht mehr, an welchem Tag mein Papa gestorben ist"

B. ist 17, als ihr Vater plötzlich stirbt. Sie erzählt, wie wenig Platz ihre Trauer hatte, weil in ihrer großen Familie jeder und jede einen Teil der Trauer für sich beanspruchte.

Pusteblume Löwenzahn vor sonnigem Himmel

Komisch, ich weiß nicht mehr, an welchem Tag mein Papa gestorben ist. Ich weiß nur noch, dass ich an diesem Tag nicht in der Schule war, weil ich mit Freunden schwänzte. Das war in der 7. Klasse, mein Fokus lag nicht auf Schulerfolgen, sondern darin, erfolgreich die Schule zu meiden. An diesem Tag also auch. Logisch wäre wohl gewesen, wenn ich – meinem Stundenplan folgend – gegen 16 Uhr nach Hause gekommen wäre. Doch aus einem Grund war ich schon kurz nach 12 Uhr mittags daheim. In der Auffahrt zu unserem Haus stand ein schwarzes Auto der Bestattung. In diesem Moment wusste ich, dass was Schlimmes passiert war. Aber ich wusste weder, dass mein Vater da drinnen tot im Haus lag und bereits für den Sarg angezogen wurde, noch wusste ich, dass mich dieser Moment noch Jahre später einholen würde. Das, was ich fühlte war: Schuld. Schuld weil ich statt Schule Spaß und einen Kaffee genossen hatte während hier mein Papa seinen letzten Atemzug tat. Diese Schuld sollte ich noch lange mit mir herumtragen.

Für alle, die am Land leben oder sogar bäuerliche Struktur kennen, sind die folgenden Zeilen vielleicht bekannt, die allermeisten aber werden sich jetzt wundern. Mein Vater war tot. Aber das war nicht Grund, um sich in den Armen zu liegen, zu weinen oder vielleicht zu versuchen, einfach Ruhe zu geben, sondern es war der Auftakt zu einem Reigen. Nicht nur, dass natürlich Dinge, wie der Sarg, das Begräbnis, die Parte ausgesucht und getextet werden mussten, fühlten sich die nächsten Tage für mich an, als wäre ich plötzlich in einer Catering/Eventagentur aufgeschlagen. Der Tod meines Vaters ging nämlich ziemlich viele Leute was an. In den kommenden Tagen habe ich in erster Linie das Haus geputzt und Gäste bedient: Kuchen, Würstel, Bier, ein Schnapserl, belegte Brötchen, Krapfen, noch ein Bier und ein Schnasperl for the road. Vor dem Gang ins Wohnzimmer/Wirtsstube führte ich gefühlt hunderte Menschen in den ersten Stock unseres Hauses. Dort, im Stiegenhaus, lag er aufgebart.

Mein Papa. Der Mensch, dem ich neben dem ZIB1-Schauen immer einen Zopf in seine Haare flechten durfte, was ziemlich nach cooler Mozartkopie aussah. Mein Papa, der mir dabei half, genug Geld für ein eigenes Pferd zusammenzusparen und der mich im Ausprobieren extremer Dinge immer unterstützte. Der, der meinen Freiheitsdrang zwar total verstand und mir trotzdem oft die absurdesten Verbote auferlegte. Mein Papa eben. Da lag er also, der Sarg war zu. Ein Foto stand daneben, Blumen, Kerzen und dieser komische Geruch von verbrennendem Wachs und abgestandenem Blumenwasser. Wir teilten den Tod meines Vaters mit allen in der Gemeinde und ich teilte die Geschichte seines Todes ebenfalls an die hundert Mal oder öfter. Was passiert war, wie traurig meine Mutter war, weil sie seinen Tod direkt hatte mitansehen müssen. Wie sehr das alles schockierte, wie jung er doch gewesen war. Und jeder und jede hatte eine eigene Geschichte, eine eigene Trauer, die vor diesem Sarg geteilt wurde. Viele weinten. Vor allem Männer. Mein Vater war lustig, er hatte keine Feinde, er hatte Freunde oder Leute, die ihn respektierten. Für viele Männer war es eine Konfrontation mit ihrem eigenen Tod, ihrem eigenen Ende. Für mich war es Stress. All die Geschichten, all die Umarmungen, all die Projektionen. Ich war die Kleinste hier in der Familie und doch zu groß, zu alt, zu sehr Teenager, um die Empathie der Anderen zu kriegen.

Meine Familie ist groß, wir sind viele Kinder. Die meisten meiner Geschwistern waren zu diesem Zeitpunkt schon liiert, manche verheiratet, es gab also Schwiegertöchter, Enkel, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Wenn Trauerarbeit so einen Event-Charakter bekommt, ist das gut, hab ich gehört. Die Organisation von Essen und Trinken lenkt die Familie davon ab durchzudrehen. Ja, das stimmt vielleicht. Ich aber kam so wenig zum Nachdenken, dass ich mich täglich zehn Mal im Spiegel des Badezimmers betrachtete und versuchte zu weinen. Vergeblich. Es ging auch nicht, als der Begräbnistag gekommen war, als mehr als 1000 Menschen erst in die Kirche, dann zum Friedhof gingen. Als Reden gehalten wurden und Musiker gespielt hatten. Das einzige, das mich an diesem Tag mit meinem Papa verband, war das Wetter. Ich musste lächeln, denn es war saukalt und es stürmte fürchterlich. „Genau dein Wetter, stimmst?“, dachte ich bei mir. Er liebte es, wenn sich die Natur so unfreundlich zeigte, dann wollte er immer spazieren gehen und ich verstand nie, warum.

Nach dem Reigen kam der Einbruch – und der Alltag wurde wieder aufgenommen. Ich ging zur Schule und alle waren nett. Naja, meine Deutschprofessorin fragte schon noch mal nach, warum ich denn an dem Tag nicht in der Schule gewesen war. Immerhin hatte meine Familie x-Mal angerufen, um mich vom Tod meines Vaters zu informieren und ihr war es peinlich gewesen. Ob ich wüsste, in welch komischen Situation ich sie durch meine Abwesenheit gebracht hätte? Ihre Peinlichkeit war mir dann doch eher egal. So richtig groß wurde das Thema ohnehin nicht. Weder für die Schule, noch für meine Familie.

Nur ich kam über meine Scham nicht hinweg und sprach oft mit meinem nunmehr imaginären (Schutzengel?)-Vater darüber, ob er mir denn böse wäre. Ich bekam keine Antwort. In den ersten Wochen war ich oft am Friedhof, um rauszufinden, ob ich wirklich trauern konnte. Am Friedhof war es zumindest leise. In meiner Familie nämlich begann jetzt der große Verteilungskampf der Trauer. Wer hat mehr Recht, traurig zu sein? Wem hört man zu, wer darf das Wort führen, wem gilt die Aufmerksamkeit? Meiner Mutter, als seine Ehefrau, meinen älteren Geschwistern, den näheren und ferneren Verwandten, den Freunden, der Gemeinde? Meine Rolle war nicht klar, aber ich entschied mich dafür, meiner Mama beizustehen. So habe ich es angelegt, hier habe ich Energie aufgewendet, hab versucht zu trösten und ein gutes Kind zu sein. Als jüngste Tochter meines Vaters wurde ich von niemandem in den Mittelpunkt gerückt. Wie bei großen Familienessen musste hier schon jeder selbst schauen, genug zu erwischen - egal ob beim Silvesterfondue oder beim Mitgefühl für den Verlust des Vaters.

Komisch, ich weiß tatsächlich nicht mehr, an welchem Tag mein Papa starb. Aber was ich heute sicher weiß ist, dass ich nicht schuld war. Meine Schuld war ausschließlich in meinem Kopf, sie wurde niemals thematisiert, weil es sie in der Wahrnehmung aller anderen gar nicht gab. Und ich weiß auch, dass so ein unerwarteter Schicksalsschlag eine Familie komplett in den Abgrund reißt. Es hatte niemand Schuld, dass für meine Trauer so lange kein Platz bliebt, es waren einfach alle überfordert. Meine Trauer kam, als ich Monate später den Mittagstisch deckte und sein Besteck mit seinem Monogramm wie selbstverständlich auflegte. Da waren sie, meine Tränen. Und sie gingen lange nicht mehr weg. Was für eine Erleichterung.

 

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