"Ich nehme mir heraus, mich manchmal so zu fühlen, als ob ich Eier hätte!"

Edita Malovčić ist die lässigste Migrantin von Wien und hat sich nie in Rollenklischees drängen lassen. Heute ist die Mutter eines Sohnes gefragt und erfolgreich. Im WIENERIN-Interview fordert sie mehr Vielfalt für Frauenrollen.

Edita Malovčić (38) ist Schauspielerin. Für die Serie Altes Geld von David Schalko war sie für eine Romy nominiert, mit Til Schweiger gab sie im Tatort die strenge Staatsanwältin, und jetzt nimmt sie ihr erstes deutschsprachiges Musikalbum auf. Die Tochter einer Serbin und eines Bosniers lehnte Rollenangebote, die bezüglich ihrer Herkunft klischeehaft waren, wie etwa die Prostituierte mit Migrationshintergrund, meist ab.

Edita, du arbeitest gerade an einem Musikprojekt, eine Platte, die zum ersten Mal auf Deutsch ist. Was ist das und warum Deutsch?

EDITA MALOVČIĆ: Mein letztes richtiges Album war 2010, seitdem ist viel passiert, ich hab mich von meinem Produzenten und Partner getrennt, musste eine neue Identität finden und die Zeit war von vielen Filmprojekten auch schön unterbrochen. Durch die neue Akzeptanz der deutschen Sprache in der Musik - Stichwort Wanda und so - hab ich mir gedacht, dass die Zeit reif ist für ein deutsches Album. Und das kommt jetzt.

Worum geht's in deinen Liedern?

Naja, zwischenmenschliche fucking Beziehungen, das deppate Leben und das schöne Leben und all das, was einen so ausmacht. Es ist recht persönlich, es geht immer auch darum, sein Gegenüber zu knacken oder bei sich zu bleiben, zu sein. Ein weiteres Thema ist Verlust, meine Großeltern sind beide gestorben in der Zeit, ich hab sehr viel loslassen müssen und begreifen müssen, dass vieles eh in mir drinnen ist und bleibt. Wir erwarten uns halt immer, dass wir einen Retter finden …

...in Mann-Frau-Beziehungen?

Ja, aber auch in Freundschaften. Ich unterscheide da nicht so groß, denn ich habe genauso Trennungsschmerzen, wenn ich mich mit einer Freundin zerstreite. Ich habe erlebt, dass ich dachte, jemand zieht mir den Boden unter den Füßen weg, weil es zu einem Verlustgefühl gekommen ist, aber eigentlich geht es auch darum, wie stabil ich selbst in diesen Situationen bleibe.

Was hast du aus diesen Verlusten, der Trennung von deinem Partner, dem Tod deiner Großeltern, gelernt?

Ich hab gelernt, dass wir auf einer Reise zu uns selbst sind und dass wir die Verantwortung darüber haben ob es uns gut geht.

Und wann wird dein Album erscheinen?

Album oder Ep oder erst mal Single, ich hoffe, dass es dieses Jahr noch passiert.

Du bist in der Schauspielerei ja ziemlich erfolgreich …

Bei so einem Satz muss ich immer lachen, nach außen hin schaut das wohl manchmal so aus, aber du erntest die Lorbeeren ja oft erst drei Jahre später, weil der Filmstart verschoben wird und plötzlich kommen drei Sachen hintereinander raus und alle denken sich: Boah, die muss ja hackeln, aber das größte Problem im Filmmarkt Österreich für mich ist doch eigentlich eine gravierende Unterforderung.

Warum denn das?

Weil es wenig Projekte gibt, weil wenig gedreht wird und weil es nur eine gewisse Auswahl an Darstellern gibt. Man kann ja nicht immer die gleichen Gesichter besetzen. Ich will den Leuten auch nicht ständig mit mir auf den Arsch gehen.

Es gibt dafür auch Filmemacher wie David Schalko, die interessante Projekte machen, du selbst warst für Altes Geld für eine Romy nominiert – ist das auch unterfordernd?

Nein, das war natürlich ein total cooles Projekt. auf so was habe ich auch schon lange gewartet. Damit will ich die anderen Projekte nicht schmälern, aber es gibt Dinge, die sind eben ganz speziell. Fast sektenhaft, eben mit einer starken Ideologie, Geschichte und look, wo es menschlich und kreativ halt so flutscht...

Und wie war es mit Til Schweiger im Tatort als Staatsanwältin zu arbeiten? Er gilt ja als nicht ganz unkompliziert...

Also, wenn er unangenehm wurde, hab ich das immer verstanden. Denn das grundsätzliche Problem ist ja: Sobald du eine konkrete Meinung hast und einfach weißt, was du willst und was du aber auch nicht willst, wird das als „nicht easy“ wahrgenommen. Dann ist man jemand, der Probleme macht. Ich habe mich in seiner Gegenwart nie gehemmt gefühlt, im Gegenteil. Er kann viel, ist Multitasking...

Stichwort Emanzipation im Filmbusiness: Du hast am Beginn deiner Karriere einige Rollen abgesagt, weil du eben nicht in Schubladen gepfercht werden wolltest. Auch aufgrund deiner familiären Herkunft…Wie geht's dir mit diesem Klischee?

Ich empfinde das Spiel mit meinem Migrationshintergrund und meiner Sexualität als Frau in dieser Branche für mich persönlich schon schwer.

Inwiefern war das Thema Frau und Sex größer als das Thema Herkunft?

Ich bediene ungern Klischees auch wenn sie manchmal Gold wert sind. Weiters habe ich etwas gegen Selbstverständlichkeit von Nacktheit, die nichts erzählt, aber von Frauen sehr oft eingefordert wird. Und da hab ich versucht, so weit es geht herauszubewegen. Die Migrantin ist nicht immer Putzfrau oder eine Sexarbeiterin.

Werden Frauen noch sehr als Objekt besetzt?

Ganz bestimmt. Mir sagen neuerdings immer mehr Leute - auch Frauen - dass meine Karriere jetzt eh quasi auf dem Prüfstand ist, weil wer es bis 40 nicht voll und ganz geschafft hat, der ist weg vom Fenster. Da kann man dann aussehen wie man will.

Interessant, weil die Gesellschaft doch insgesamt immer älter wird ...

Das ist ja der Wahnsinn. Wieso glaubt man, dass sich ausgewachsene Frauen mit diesen halbausgewachsenen Frauen identifizieren können? Wir brauchen Frauen, die anderen Frauen sagen, dass wir alle älter werden und eine gewaltige gesellschaftliche Rolle spielen!

In Hollywood gibt es immer mehr Stimmen, die sich für Frauen und Variabilität stark machen. Wo sind deine Mitstreiterinnen in Österreich?

Es gibt schon starke Charaktere wie die Uschi Strauss, die viel Kraft hat und sich von diesen Klischees befreit.

Du bist Mutter, erziehst deinen Sohn (13) alleine – was ist dir wichtig, ihm im Punkt „Umgang mit Frauen“ mitzugeben?

(lacht) Ich sehe ja oft, wie Mütter ihre Söhne erziehen. Nämlich so, wie sie ihre Männer nicht haben wollen. Das fängt beim Wäsche aufhängen im Haushalt an und geht bis zur Diskussion, ob man „die Weiber“ sagt oder „schwul“. Diese Debatten kommen natürlich erst nach und nach und viele Wörter sind einfach eine Modeerscheinung. Ich versuche mit ihm drüber zureden, um zu verdeutlichen, dass es Menschen geben kann, die sich von „das ist schwul“ oder „das ist voll hetero“ diskriminiert fühlen könnten. Er geht in eine Waldorfschule und ich hab dort schon das Gefühl, dass es wichtig ist zu verbinden und nicht zu trennen. Es ist zum Beispiel selbstverständlich, dass Mädchen einen Zyklus haben und dass Männer das mitkriegen und dafür Respekt entwickeln. Ich finde das leiwand und für mich ist diese Schule auch eine erzieherische Unterstützung.

6 Fragen an Edita Malovčić

Was hast du von einer Frau in deinem Leben gelernt?

Zu lieben, ganz ehrlich. Ich hatte keine wirkliche Vaterfigur und was mich in meinem Leben aufgefangen hat, war eine Frau. Und das war meine Großmutter, die ihrerseits in ihrem Leben eigentlich extrem wenig Liebe bekommen habe. Dafür, dass sie für mich dieses Erleben von Liebe möglich gemacht hat, bin ich ihr sehr dankbar.

Was kotzt dich momentan an?

Dass die FPÖ mit ihrer Wahlwiederholung Recht bekommen hat. Es kotzt mich an, dass es in Österreich wirklich diese Schlampereien gibt, die dazu geführt haben. Ich mein, wo samma.

Was bedeutet Feminismus für dich?

Es gibt ja diesen Begriff der Lipstick-Emanzipation und ich finde, dass eine Frau alles darf. Ich bin gerne Frau, ich setz mich gern in diesen Thron der Weiblichkeit, aber ich nehme mir heraus, mich manchmal so zu fühlen als ob ich Eier hätte.

Welche Frage sollen sich Frauen in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Ob wir genauso viel verdienen wie Männer.

Warum würdest du nicht mit deiner Großmutter tauschen wollen?

Meine Großmutter hat Kinderlähmung überlebt, Tuberkulose überlebt, war körperlich daher auch behindert, hat ihre Mutter verloren als sie 13 Jahre war. Sie bekam eine Stiefmutter, die sie wie eine Aussätzige behandelt hat. Sie ist erst mit Anfang 40 nach Österreich gekommen und hat hier noch ihren Job gemacht. Sie hatte einfach ein irre schweres Leben und zu sagen, ich will damit nicht tauschen, wäre ja echt sehr frech. Und andererseits hab ich genau bei ihr gesehen, dass sie trotz dieser Traumata so ein liebevoller Mensch geworden ist. Aber ich denke, tauschen würde ich sowieso nicht gerne. Auch nicht mit einem von außen betrachtet besseren Leben, weil es dort sicher auch Probleme gäbe, mit denen ich vielleicht viel schlechter umgehen könnte, als mit meinem Paket.

 

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