Ich muss zu Dr. Viola: Wenige Worte, die Leben retten können

Am Uni-Klinikum Innsbruck wurde ein neues Sicherheitskonzept für Opfer von häuslicher Gewalt eingerichtet, dank dem Betroffene unkompliziert und diskret Hilfe bekommen.

Ich muss zu Dr. Viola: Wenige Worte, die Leben retten können

Es bringt nichts die Augen vor den offensichtlichen Problemen in unserem Land zu verschließen. 17 Femizide passierten bis zum heutigen Tag in diesem Jahr in Österreich. Ungefähr einmal die Woche kommt ein*e Patient*in ins Landeskrankenhaus Innsbruck, bei der*dem Spuren von häuslicher Gewalt festgestellt wird. Die Opfer sind wenig überraschend mehr Frauen als Männer.

Und obwohl weniger Patient*innen aufgrund der Lockdowns ins Krankenhaus kommen konnten, so blieben die Zahlen auch während dieser Zeit gleich hoch. Was sich allerdings veränderte, waren die Verletzungsmuster. Denn diese waren deutlich schwerer. Die Schlussfolgerung des Teams der Opferschutzgruppe war, dass dementsprechend mehr Menschen in einer Notsituation sind und Hilfe brauchen. Darauf haben sie nun reagiert.

Ich muss zu Dr. Viola

Es sind nur wenige Worte, die ein Leben retten können. Genau so gehen die Tirol Kliniken an Gewaltschutz heran und haben einen Code entwickelt, der sofort einen internen Notfallplan aktiviert. Sobald eine Person, egal welchen Alters und Geschlechts, auf dem riesigen Areal der Uni-Klinik Innsbruck jemand vom Krankenhauspersonal, einen Portier oder jemand vom Sicherheitspersonal erklärt sie*er müsse zu Dr. Viola wird alles in Gang gesetzt, um den betroffenen Menschen an einen sicheren Ort zu bringen. Diese Person wird nicht mehr aus den Augen gelassen und die Abläufe zum Schutz gegen Gewalt sind in den Kliniken seit Jahren gut trainiert und bekannt.

Die Idee dahinter war, dass Betroffene oft stark von ihren Partner*innen kontrolliert werden und kaum allein unterwegs sein dürfen. Da das Klinik-Areal so groß ist und sich darauf auch Lebensmittelmärkte und ähnliches befinden, könne man als Ausrede am Sonntag Milch kaufen gehen und sich dann entsprechende, diskrete Hilfe holen.

Nur drei Fragen

Die Kliniken Tirol sind führend im Opferschutz in Österreich und haben vor einigen Jahren ein Modell aus Skandinavien übernommen. Bei jedem Krankenhausaufenthalt wird gefragt, ob jemand wisse, dass sie hier sind, es jemand nicht wissen solle oder ob sich die Person bedroht fühle. Das solle Personen, die häusliche Gewalt erleben, geholfen haben, sich seither vermehrt dem Krankenhauspersonal zu öffnen.

Was danach passiert, ist abhängig von der Situation. Wenn der Ehemann zum Beispiel mit im Krankenhaus ist, wird manchmal von Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen Theater gespielt, wie Pressesprecher Johannes Schwamberger weiß: "Hier muss jede Situation individuell bewertet werden. Manchmal wird dann von Ärzt*innen vorgeschlagen, dass es am nächsten Tag einen Check-up gibt mit MRT, wo der*die Patient*in nur allein hinein darf. Es geht wirklich darum die Person allein abzufangen und zu schauen, wie man helfen kann."

Mehr häusliche Gewalt

Besonders während der Pandemie und den Lockdowns befürchteten Expert*innen einen Anstieg häuslicher Gewalt. Dass die Zahlen der Patient*innen trotz der Ausgangssperren und Lockdowns gleichbleiben, deutet darauf hin, dass es zu viel mehr Vorfällen kam. "Schon in der ersten Pandemiewelle begann die Opferschutzgruppe des LKI mit einem Konzept, die Klinik als sicheren Ort in der Bevölkerung bekannt zu machen", erläutert Alexandra Kofler, Ärztliche Direktorin der Klinik Innsbruck.

Der Satz "Ich muss zu Dr. Viola" gibt Betroffenen (Jugendlichen wie Erwachsenen) die Möglichkeit, selbst wenn sie nicht freisprechen können oder wollen, einen Hilferuf abzusetzen.

Wieso genau Dr. Viola?

Es war wichtig, dass die Aussprache des Namens für Menschen aller Nationalitäten einfach sein, auch jene, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Außerdem hat Viola eine Verbindung zu dem englischen Wort Violence, also Gewalt. Der niederschwellige Zugang dieses Notrufs war für die Entwickler des Konzepts von großer Bedeutung.

Aus Erfahrung wisse man, dass die Angst vor Vorurteilen und davor nicht ernst genommen zu werden und selbst als Schuldige*r verurteilt zu werden, die größten Hemmschwellen sind, um Hilfe zu bitten. Der Satz "Ich muss zu Dr. Viola" funktioniert wie ein Codewort, das vom geschulten Personal der Klinik dechiffriert wird. Das Konzept soll im Laufe der Zeit innerhalb der Tirol Kliniken auf die anderen Krankenhäuser ausgeweitet werden.

 

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