"Ich möchte gute Geschichten übers Leben schreiben. Und die erzählen nicht nur weiße alte Männer"

Antje Mayer-Salvi ist Gründerin eines der erfolgreichsten Indie-Magazine Österreichs, dem C/O Vienna. Uns hat sie erzählt, warum Print nicht tot ist, welche Frage sich junge Gründerinnen stellen sollten und warum sie ausschließlich das generische Femininum nutzt.

Antje Mayer-Salvi, C/O Vienna

Als 2015 alle das große Sterben der Printmedien ausriefen, gründete sie ein Magazin und wurde von ihrer Umgebung und vielen Kolleg*innen für verrückt erklärt. Dabei ist Antje Mayer-Salvi nur ihrem Gefühl gefolgt, dass da nach 15 Jahren im Journalismus noch was kommen muss. Heute ist ihr CO/Vienna Magazine längst kein Geheimtipp mehr. Mayer-Salvis Zauberformel: ein Mix aus Digital, Print und interessanten Menschen aus Bereichen wie Musik, Design, Art, Fashion oder Fotografie. Wir durften der Gründerin und Chefredakteurin einige Fragen stellen.

WIENERIN: Wie ist die Idee zu C/O Vienna Magazine entstanden?

Antje Mayer-Salvi: Die Zeit war reif! Als gut beschäftigte Kulturjournalistin hatte ich vor der Gründung des Fashion-Art-Design-Interviewmagazins fünfzehn Jahre lang für internationale Medien geschrieben, das eine oder andere Buch publiziert, das eine oder andere Magazin mitgegründet, aber immer waren das mehr oder weniger Auftragsarbeiten.

Ich wollte einen medialen Raum schaffen, in dem ich mit anderen Kreativen fotografisch, grafisch und journalistisch unabhängig experimentieren, Grenzen ausloten und schlicht und einfach coole Geschichten erzählen kann. Das fanden offensichtlich auch andere spannend. Wir haben mittlerweile viele internationale Auszeichnungen in der Kategorie "Editorial" erhalten und sind sicher eines der mit erfolgreichsten Independent-Magazine aus Österreich.

Wie würdest du dein Magazin in drei Worten beschreiben?

Schön, schräg, poetisch.

Wieviel Antje ist im C/O Vienna Magazine?

Siehe oben, es ist mein Baby, das alle meine Charakterzüge geerbt hat. Nein, Spaß beiseite! Ein Magazin ist immer ein Teamwork zwischen guten Fotografinnen, Grafikerinnen und Redakteurinnen. Die Kunst ist, die richtigen Leute zu casten und zu entdecken – international – und dann Regie zu führen. Das kann ich schon ganz gut. Anna Wintour-Attitüden wende ich eher symbolisch an, ich bin grundsätzlich ein gutmütiger Charakter, der allerdings schon auf größtmögliche Exellence pocht.

C/O Vienna Magazine

Welche Botschaft möchtest du mit deiner Arbeit vermitteln?

Ich möchte einfach gute Geschichten über das Leben schreiben. Und die erzählen im Übrigen nicht nur weiße alte Männer mit Lebenserfahrung.

"Bei uns redet eine Nonne auch mal über Feminismus und den Sinn des Lebens, ein NASA-Astronaut über Schönheit oder eine Szene-Wirtin über ihr Leben".

von Antje Mayer-Salvi, Chefredakteurin C/O Vienna

Warum erscheint ihr nur einmal bis zweimal im Jahr?

Weniger ist mehr, dem Trend folgen mittlerweile viele Magazine. Die Zauberformel ist der Mix aus Digital und Print. Online publizieren wir auf www.co-vienna.com jede Woche ein neues Interview mit einer interessanten Persönlichkeit aus dem Bereichen Musik, Design, Art, Fashion, Fotografie oder eben einfach nur mit einem interessanten Menschen. Bei uns redet eine Nonne auch mal über Feminismus und den Sinn des Lebens, ein NASA-Astronaut über Schönheit oder eine Szene-Wirtin über ihr Leben.

Du produzierst Filme, schreibst Bücher, Drehbücher und Texte – wird dir schnell fad, wenn du nicht viele Dinge auf einmal tust?

Ich würde mir nichts mehr wünschen als Muse und Langweile. Leider habe ich immer neue Ideen.

In deiner Biografie steht: Du gründest immer irgendwas – woher kommt dieser Drive zum Gründen? Was motiviert dich?

Eigentlich verspüre ich überhaupt keine Lust, dauernd etwas zu gründen. Das ist furchtbar anstrengend und man beginnt immer – gefühlt – bei null. Als ich um die vierzig Jahre alt war, konnte ich auf 15 Jahren Erfahrung im Bereich Journalismus zurückschauen. Ich fand, es war an der Zeit, Chefredakteurin oder Ressortleiterin eines Magazins zu werden.

Nun gab zu der Zeit weder ein entsprechendes Stellenangebot, noch ein für mich interessantes Magazin im Bereich Art und Design. Also habe ich eben selbst ein Magazin gegründet und war – zumindest anfangs – nicht nur Chefredakteurin, sondern auch Geschäftsführerin, Head of Marketing, Social Media Editor und ein bisschen Art Direktorin auch. Mir hätte einer dieser Job absolut gereicht!

Print ist so sinnlich. Ich würde nie im Leben einen E-Reader benutzen.

von Antje Mayer-Salvi, Chefredakteurin C/O Vienna

Was würdest du jungen Gründerinnen raten?

Diene. Frag dich, was du für andere tun kannst, nicht jene für dich. Bemühe dich, überdurchschnittlich gut in dem zu sein, was du für Geld anbietest. Vergiss deinen Hang zur Optimierung bitte privat. Schwimme gegen den Strom und vor allem: gib nicht so schnell auf. Jetzt müsste ich noch sagen, habe Spaß dabei! Ja, logisch! Viel Spaß bitte! Aber die Gründerinnen-Werbevideo-Idylle mit durchwegs gut gelaunten, top gestylten und hochmotivierten Teams ohne Geldsorgen und Überstunden ist unrealistisch.

Wie kann man heute noch jemanden mit einem Printmagazin locken? Wird Print aussterben?

Als wir 2015 das C/O Vienna Magazine gründeten, wurde der Tod der Printmedien prophezeit und wir für verrückt erklärt. Mein Motto ist: Man ist seiner Zeit voraus, wenn man azyklisch denkt. So kam es auch: Print ist im Trend wie nie zuvor, wenn es, das ist die Voraussetzung, hochwertig produziert ist. Wir sind mit dem C/O Vienna Magazine mittlerweile – allen Unkenrufen zu Trotz – sehr erfolgreich, vor allem bei den Digitale Natives, was wir uns nie erträumt hätten. Es werden mittlerweile relativ hohe Preise im zweistelligen Bereich für gute Magazine gezahlt. Das sind richtige Sammlerobjekte.

Was kann Print besser als Online?

Es ist magisch, Fotos bekommen im Print eine ganz andere Präsenz als im Digitalen und die Texte eine viel größere Tiefe. Man sieht Details, erkennt Finessen und kann Design, Text und Bild zu einer Dramaturgie orchestrieren. Print kann man sehen, fühlen, riechen. Print ist so sinnlich. Ich würde nie im Leben einen E-Reader benutzen.

Was war der beste Rat, den du je bekommen hast?

Ich höre sehr gerne auf den Rat anderer. Ich sehe meinen Mann vor meinem inneren Auge gerade laut lachen. Ja, mein Lieber, nur auf einen guten! Ich habe im Sommer mit dem bekannten, derzeit unfassbar erfolgreichen, deutschen Schauspieler Lars Eidinger, der heuer den Jedermann gespielt hat, unsere Titelstory für unsere neueste Printausgabe geshootet. Er gab mir beim Bier danach einen Rat. Ich mag das Bild, auch wenn es etwas derb ist: "Du musst so lange in die Ecke pissen, bis es stinkt."

Bist du besser darin, Dinge anzufangen oder zu beenden?

Habe ich schon mal was beendet? Ich schaffe nicht einmal meinen völlig überteuerten Handyvertrag zu kündigen.

Wir benutzen seit Anfang an nur die weibliche Form, kein Binnen-I. Natürlich mit einem zwinkernden Auge. Wir finden, die männliche Schreibweise war ja jetzt lang genug in Gebrauch.

von Antje Mayer-Salvi, Chefredakteurin C/O Vienna

Welchen Job würdest du gerne einmal einen Tag machen?

Wir beide könnten doch mal unsere Jobs tauschen! Du leitest für einen Tag das C/O Vienna Magazine und ich die Wienerin. Das wäre sicher spannend. Ich habe großen Respekt vor Deiner Arbeit.

Bist du Feministin?

Ein großes Wort! Inflationär in Gebrauch zurzeit. Wer unser Magazin liest, wird bemerken, dass Frauen und genderqueere Menschen bei uns in der Überzahl repräsentiert werden, dass ist vor allem der außerordentlichen kreativen Qualität derer Projekte geschuldet. Wir benutzen im Übrigen seit Anfang an nur die weibliche Form, kein Binnen-I. Natürlich mit einem zwinkernden Auge. Wir finden, die männliche Schreibweise war ja jetzt lang genug in Gebrauch. Wir kommen deswegen sogar in Diplomarbeiten vor.

Ich hatte es als berufstätige Mutter zweier Kinder nicht immer leicht in einer – zumindest früher – vollends männerdominierten Medienwelt. Ich bemühe mich deswegen mit Verve, junge Journalistinnen zu unterstützen. Meine Strategie ist: einfach machen. Bin ich deswegen schon eine Feministin? Ich lasse das mal als Frage so stehen.

 

Aktuell