Ich möchte, dass mein Körper wieder mir gehört

Unsere Kollegin ist müde von der Diät- und Selbstoptimierungskultur. Sie will ihren Körper zurück und hat keine Lust mehr darauf, sich einreden zu lassen, dass sie nicht richtig ist. Ein Kommentar.

Kommentar zum Weltfrauentag: Ich möchte, dass mein Körper wieder mir gehört

Ich stieg gestern auf die Waage und danach wollte ich weinen. Nicht unbedingt wegen der Zahl. Vor allem wollte ich weinen, wegen diesem riesigen Schwung an Enttäuschung, den ich wegen der Zahl empfand. Als hätte ich versagt. Als hätte ich wieder etwas falsch gemacht und gar nicht das Recht, einen guten Tag zu haben.

Das war der Moment, in dem mir wieder mal bewusst wurde, dass mein Körper nicht mir gehört. Denn diese Enttäuschung, die war nicht meine. Sie gehört der Beauty-Industrie, die einem ständig sagt, wie man aussehen sollte. Sie gehört der Diät-Industrie, die mich mit Werbung zu verschiedenen Diäten überschwemmt und es Selbstoptimierung nennt. Sie gehört der Gesellschaft, die schon als ich als kleines pummeliges Mädchen Ballettunterricht nahm und davon träumte Primaballerina zu werden klar machte, dass das nicht ging.

Mein Körper gehört nicht mir. Und vor allem die Meinung, die ich über meinen Körper habe, ist nicht meine eigene. Sie wurde geformt von Plakatwänden, Fernsehen, Instagramfiltern und Kleidungsmarken, die dünne Frauen Plus Size Mode präsentieren lassen.

Ich gehöre nur mir

Heute, am Internationalen Anti-Diät-Tag, möchte ich vor allem eine Sache: Ich möchte meinen Körper zurück. Ich möchte herausfinden, wie ich mich selbst finde, wenn niemand mir sagt, was ich denken soll. Ich will, dass eine Zahl auf der Waage nur eine Zahl ist. Am allerliebsten möchte ich eigentlich diese Waage aus dem Fenster schmeißen. Aber das kann ich nicht. Ich habe es probiert.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich heuer zum Jahresbeginn keine Diät begonnen. Es gibt dafür viele Gründe, aber der Hauptgrund ist vielleicht: Ich habe keine Lust mehr, mich dauernd selbst zu hassen. Ich bin so müde. So unendlich müde.

Seit ich ein sehr junges Mädchen bin, bin ich in diesem Diät-Optimierungs-Zyklus gefangen. Ich kenne nichts anderes. Die Zahl auf der Waage hatte so lange darüber entschieden, ob ich das Recht hatte, mich gut zu fühlen oder nicht. Es ging dabei nicht um den Blick in den Spiegel, ob die Sonne schien oder mein Outfit süß war. Es ging allein um diese Zahl. Und das will ich nicht mehr.

Kampf mit sich

Aber ich bin auch ganz ehrlich: Keine Diät zu machen, ist vielleicht härter als diesem Kreislauf aus Selbsthass und Optimierung zu folgen. Denn das ist das, was ich und viele Frauen ihr Leben lang gelernt haben. Wir sind so gut darin, uns zu denken: "Ach, die Hose ist zwar zu klein, aber kaufe ich sie einfach, dann bin ich motiviert Gewicht zu verlieren."

Ohne diese selbstzerstörerische Tradition, gehe ich irgendwie nackt ins neue Jahr. Ich wäre schon mehrmals fast eingeknickt und hätte beinahe noch eine Diät begonnen. Ich habe schon Ernährungspläne runtergeladen und kurz davon geträumt, wie großartig dieser Sommer werden könnte, wenn ich endlich Idealmaße habe. Dann habe ich sie wieder gelöscht. Weil ich lernen muss, dass die Qualität meines Sommers nicht an meinem Bauchfett hängen darf. Ich fühle mich wie ein Süchtiger auf Entzug. Ich weiß, dass es nicht gut für mich ist. Es ist nicht gesund, keine Kohlenhydrate zu essen oder jedes Gramm Essen abzuwiegen und die Kalorien in eine App einzutragen. Aber es gibt mir Kontrolle.

Und genau aus diesem Grund, weil dieser komplette Kontrollverlust in Bezug auf Essen und meinem Körper mir das Gefühl von Kontrolle gibt, genau aus diesem Grund, verlange ich, dass ich meinen Körper zurückbekomme. Ich will, dass er wieder mir gehört. Ich weiß, dass das Verhältnis zu meinem Körper und Essen gestört ist, weil ich eigentlich Normalmaße habe. Aber ich befürchte, es geht vielen Frauen so. Und es ist egal, wie viel wir über Body Positivity und Body Neutrality sprechen und andere Körperformen feiern, wenn wir unsere eigene weiter verteufeln. Wenn unser eigener Körper weiterhin nicht uns gehört, ist alles andere sinnlos.

Dieser Text ist für alle, die an sich selbst merken, dass es nicht so einfach ist, sich plötzlich positiv gegenüberzustehen. Denn eine Bewegung kann so vieles verändern. Aber manchmal nicht die eigenen toxischen Gedanken. Dieser Text ist für alle, die nicht mehr möchten, dass Essen ihr Leben bestimmt. Vor allem ist der Text für alle, die, so wie ich damit kämpfen, weil diese zerstörerischen Gedanken so tief verankert sind. Aber auch für alle, die ihren Körper zurück möchten. Die wieder Herrin über diesen wichtigen Teil ihres Lebens sein möchten.

Es ist nicht einfach. Aber wir kriegen das hin. Es braucht Zeit und es braucht Geduld und ich glaube, es braucht auch, dass wir anerkennen, dass es ein Kampf ist. Aber wir schaffen das. Irgendwann werden wir uns selbst im Spiegel genauso anfeuern können, wie wir unsere besten Freundinnen und ihre unperfekten Körper anfeuern. Wenn wir ihnen sagen, wie großartig sie aussehen, meinen wir es so. Irgendwann werden wir es auch uns gegenüber meinen. Aber es ist eine Reise. Und vielleicht können wir diese Reise ja gemeinsam machen.

 

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