Ich, männlich, 29 habe die neuen Gilmore-Girls-Folgen in 6:12 Stunden durchgeschaut

Wie kann Rory sich das leisten? Warum kann ich Lorelai nicht mehr leiden? Mein Selbstversuch in dem kleinen Städtchen namens Stars Hollow.

Achtung, dieser Selbstveruch beinhaltet Spoiler. Glaube ich zumindest. Warum mache ich das? Ich sitze um 18.35 Uhr vor meinem Fernseher, Netflix schlägt mir als Beschäftigung die neuen Folgen der Gilmore Girls oder die Serie Paranoid vor. Ich zögere kurz, die beiden Serien könnten ähnlicher sein als vermutet. Dann aber wähle ich das Jahr im Gilmore-Klan.

Winter. Spring. Summer. Fall - alle Folgen um die 90 Minuten lang, ich will es an einem Abend durchziehen und werde somit nach Mitternacht noch sitzen.Die Stimmen der Darsteller aus dem Off, die die Serie zu Beginn für eine Art nostalgischen Auftritt nutzt, klingen vertraut. Sie sind in meinem Kopf als die Beschäftigung zwischen den Programmpunkten "Jetzt is die Hausübung a schon wuascht" und "noch zwei Stunden bis zu Simpsons" abgespeichert. Soll heißen: Die Gilmore Girls waren jahrelang ständige Begleiterinnen, ein Dauerrauschen auf ORF 1 (als der Einser noch grün war), so wie die Lebensweisheiten schleudernden Ärzte bei Scrubs.

Aber nochmal: Warum? Ich will wissen, wie das Ganze endet. Ich will sehen, dass nicht nur ich gealtert bin, sondern auch die Anderen. Darum geht man ja auch zum Klassentreffen. Ich will sehen, was über die Jahre hinweg geschah. Und zwar über einen Zeitraum hinweg, in denen The Big Bang Theory Nerd-Klischees cool machte, dank Breaking Bad Lehrer im Hinterzimmer scheinbar zu allem fähig sind und ein Typ namens Ted seine Kindern offenbarte, dass ihre Mama gar nicht so leicht zu finden war.

Ich will sehen, dass nicht nur ich gealtert bin, sondern auch die Anderen. Darum geht man ja auch zum Klassentreffen.

Luke, was ist los mit dir?

Um 18.37 Uhr, ausgestattet mit Bier und einer Packung Prinzenrolle bin ich mittendrin in Stars Hallow. Eindeutiges Erkennungszeichen der weltweiten Gilmore-Girlianer: "Lalala lalala -aha". Mein Kopf analysiert die Gesichter, manche wirken älter, andere komplett unverändert.

Wie Luke, die wandelnde Holzfeller-Hemden-Garderobe. Fragen beschäftigen mich: Wie kann ein Mann, der ein Restaurant führt (ein harter Job), äußerlich nicht altern? Ist es das verkehrtherum aufgesetzte Baseballcap? Warum kann er das und ich sehe aus wie die mieseste Kopie von Moneyboy? Ein Schluck Bier. Und gleich noch einer, weil dieser kitschige in Schnee gehüllte Ort mit dem Jeder-kennt-Jeden-Getue in mir kurz den Wunsch hochkommen lässt, selber in dem Kaff meiner Jugend zu sein.

Nach 30 Minuten habe ich erstmals Konzentrationsprobleme mit den Dialogen - dem Kernstück der Serie. Lorelai spricht im Rekordtempo über dreckige Toiletten, ich bin auf Facebook. Der Background-Chor singt "Bababa" als ich mich an einen ersten Zwischenbericht wage: Haufenweise Mama-Komplexe (95 Prozent der Streitigkeiten sind gleich), die große "Ich bin über 30: Wer und was bin ich jetzt?"-Thematik bei Tochter Rory und alle fünf Minuten ein Gastauftritt für die Nostalgie-Fans da draußen. Logan, Paris - ihr erfüllt den "ajo schau, de gibts auch noch"-Wunsch in mir! Die Suche nach dem Spannungsbogen habe ich schon aufgegeben.

Wie komme ich an diesen Job?

Um 20.40 Uhr bin ich mitten in der zweiten Folge. Es wird noch schwieriger den Dialogen zu folgen - das Facebook-Video mit der Ninja-Katze macht es auch nicht gerade einfacher. Um 21.30 Uhr unterbreche ich den Verzehr der 13. Prinzenrolle: Rory schwimmt ihr Leben davon. Ich bin interessiert. Ist das schräg?, frage ich mich. Egal, es gibt genug andere Fragen, die mich beschäftigen:

Woher bekommt Rory ihre Kohle? Wer bezahlt ihre ständigen Transatlantik-Flüge und wie verdammt gut muss die internationale Anbindung in Stars Hollow sein? Wie kann Lorelai zu jederzeit überall sein und ein Hotel führen? Wie zur Hölle komm' ich an so einen Job? Von was lebt dieser Kirk? Wie viele Einwohner hat diese Stadt? Warum musste ich mir gerade ein 20 minütiges Musical ansehen?!? Ich weiß, zu viel Realismus, aber um 22.40 Uhr mit dem zweiten Bier in der Hand und noch lange vom Schluss entfernt fängt man schon an zu Grübeln.

Um 00.30 Uhr - jetzt mit Gin Tonic - bin ich fast durch. Die ständige Themen-Wiederholung der Mutter/Tochter-Streitigkeiten und die "wir streiten aber es is eh nicht so schlimm"-Taktik macht mich nach sechs Stunden und der ganzen Packung Prinzenrolle unrund. Von den Menschen, die unzähligen Akustik-Untermalungen eingespielt haben, wünsche ich mir plötzlich Nirvana ähnliches Gitarren-Zertrümmern.

Ich mag Lorelai nicht mehr

Um 00.49 Uhr bin ich fertig - auf jede erdenkbare Art und Weise. Der Ausflug in die Kitsch-Welt ist zu Ende. Noch nie hat mich ein solcher Cliffhanger so wenig geschert. 6 Stunden und 12 Minuten haben Spuren hinterlassen, die Fassade bröckelt: Ich mag Lorelais ständige Flucht vor dem Leben nicht, finde Rorys Handlungen durchsichtig und verstehe nicht, warum Luke bei Beziehungsproblemen nicht viel früher die Klappe aufmacht. Vielleicht ist es aber auch der Neid auf sein Baseballcap-Style. Oder ein kleines Stückchen Wut, dass Streitigkeiten sich nirgendwo also so belanglos herausstellen, wie in Stars Hollow.

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Daniel Kendler ist 29 und Produktmanager von wienerin.at. Er hat Theater-, Film und Medienwissenschaft studiert, ehe er während des Studiums zum Onlineschreiber wurde. Die Streaming-Leidenschaft begann mit House of Cards und setzte sich mit Bloodline, Narcos, Stranger Things und neuerdings "The Crown" immer weiter fort.

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