„Ich mag nicht, wenn Feminismus so ein Ghetto ist“

Stefanie Sargnagel ist Autorin, österreichische Pop-Kultur und eine der interessantesten Feministinnen des Landes.

30 Jahre Wienerin – 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 starken Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Porträt: Stefanie Sargnagel.

„Mit 15 hab ich mal mit einer Freundin eine Gruppe von Mädels beobachtet, die mit Burschen Basketball gespielt haben. Und die waren halt so auf absichtlich süß, und haben sich patschert gestellt. Und meine Freundin meinte so: ‚Mah, diese dummen Tussen‘. Ich versteh das schon, ich denk mir dann auch ‚Oida, comets on‘. Aber dann denk ich mir, man sollte eigentlich nicht kritisieren, dass die das machen, sondern wodurch das entsteht.“


Das sitzt. Sie hat es wieder einmal geschafft, einen sensiblen Knackpunkt des zeitgenössischen Feminismus (Für alle mit Judith Butler-Buch und Soziologie-Seminaren ohne ECTS: Vierte Welle Feminismus) so simpel und nachvollziehbar auf den Punkt zu bringen, dass sogar Ronja Rönne ihn verstehen müsste. Feminismus ist aber eigentlich gar nicht Stefanie Sargnagels Ding, sondern Humor. Genau das macht sie zu einer der interessantesten Feministinnen Österreichs. In einem Land, in dem Popkultur mit feministischer Leere, jovialen Alpen- und Austrorockern und sexistischen Telenovelas glänzt, lechzen junge Frauen und Männer nach jemandem mit Identifikationspotential.

Facebookstar aus dem Callcenter


Primär muss man über Stefanie Sargnagel wissen, dass sie verdammt lustig ist. Meistens auf Facebook. Das hat ihr eine treue Fangemeinde und zwei Buchverträge beschert. Nach ihrem Erstlingswerk „Binge Living“ kommt nächsten Monat „Fitness“ (dessen Cover übrigens kein – wie von uns fälschlicherweise angenommen – seltsames Stock-Foto, sondern ein Foto vom Körper ihres Freundes vor einer Fototapete ist) heraus. Beide sind eine Sammlung ihrer Facebook-Statusmeldungen, Comics und Alltagsbeobachtungen aus dem Callcenter. Sie arbeitet bei der Rufnummernauskunft, was sie mag, weil es anspruchslos ist und ihr finanzielle Unabhängigkeit verschafft. Aufträge für längere Texte, die sie unter anderem für Vice, die Süddeutsche Zeitung oder den Bayrischen Rundfunk produziert, nimmt sie nur an, wenn sie auch wirklich Lust darauf hat.

No Labels, Please


Stefanie Sargnagel hat eigentlich überhaupt keinen Bock darauf, irgendwelche Etiketten angeheftet zu bekommen. Sie will weder als politische Autorin noch als Feministin positioniert werden. Als kritisches Frauenmagazin nehmen wir uns trotzdem heraus, diese Seite zu thematisieren. „Na sicher bin ich Feministin, aber ich mag das nicht, wenn das immer so gelabelt wird. Ich war zum Beispiel einmal auf einer Veranstaltung über Humor und Feminismus. Da waren ich, eine Stand-Up-Comedienne und eine queere Burlesque-Tänzerin. Wieso kann man das nicht einfach Humor nennen? Dann würden da auch andere Leute kommen. Ich find zum Beispiel, meine Mama könnte sich sowas auch anschauen. Bei sowas kommen immer nur Lesben, Transgender-Menschen und Feministinnen, dabei war das so ein toller Abend, dass es auch schön wär, wenn das eine breitere Öffentlichkeit sehen würd. Ich mag das nicht, wenn das so ein Ghetto ist. Kunst, die sich nur um das dreht, ist dann auch schnell langweilig.“

Auffallen im Sumpf der Unoriginalität


Ähnlich langweilig wie die in Österreich gängige mediale Abhandlung von Feminismus. Es ist ja auch wirklich erfrischend, wenn eine potentielle Bundespräsidentenanwärterin nach der Bundeshymne und dem generischen Maskulinum gefragt wird. Wahrscheinlich bekommt Andreas Gabalier morgen eine Kolumne über das Binnen-I, die parallel von der Kronen Zeitung und Die Welt gedruckt wird. Von dem feministischen Momentum, das sich in der medialen Öffentlichkeit der USA durch breitenwirksame Persönlichkeiten wie Beyoncé, Jennifer Lawrence und Lena Dunham manifestiert, spürt man hier nichts. Aber wir haben Steffi Sargnagel.


Sargnagel schreibt, was ihr gerade einfällt. Das kann inhaltlich alles zwischen Kommentaren zum politischem Geschehen, dem Fernsehprogramm und Alltagsanekdoten aus dem Callcenter sein. Mit wachsender Reichweite kam auch ein moralischer Anspruch dazu: „Diese Aufrufe zur Flüchtlingshilfe poste ich jetzt, weil ich darüber nachdenke, dass das 6000 Leute lesen, die ich nicht einmal kenne. Früher waren meine Follower ein paar Hipster und mein Bekanntenkreis, da weiß ich, dass die sich sowieso über sowas Gedanken machen.“


Hintenrum


Genau da liegt ihre Stärke. Niemand geht auf Stefanie Sargnagels Facebookseite, weil er an dem Tag Bock auf Diskurs über Flüchtlingspolitik hat. Aber wie sie selber sagt, kommen ihre Texte und Meldungen aus einer bestimmten Haltung heraus, die eben mitschwingt. Damit erreicht sie das, was sie mit der Ghettoisierung von Feminismus angesprochen hat: Leute, die sich sonst nicht damit beschäftigen würden.


Nicht ganz bedingungslose Solidarität


Mit diesem Einfluss geht sie mittlerweile ziemlich bewusst um: Einer ihrer überraschenderen Fans ist die junge Autorin Ronja Rönne, die durch den Kommentar „Warum mich als Frau der Feminismus mich anekelt“ in der konservativen Tageszeitung Die Welt bekannt wurde. Den Vorschlag, beim diesjährigen Bachmannpreis über einander zu schreiben, fand sie ziemlich interessant, „damit sich junge Autorinnen pushen“. Da die sich aber nicht öffentlich von ihrem Anti-Feminismus-Statement distanzieren wollte, sagte sie ab. „Das hätte nur ihr was gebracht. Sie ist eigentlich ziemlich opportunistisch. Sie merkt ja, dass sie für das ganze Anti-Feminismus-Ding Ärger kriegt, deswegen relativiert sie es immer wieder halbherzig. Aber wirklich distanzieren möchte sie sich auch nicht, weil sie dann all ihre Chauvi-Follower auf Facebook verlieren würde, die sich jetzt freuen, dass endlich einmal ein junges Mädchen sagt, was die sich immer schon gedacht haben.“

Medienliebling


Medial findet aktuell ein kleiner Hype um sie statt (Coverstory Falter, Coverstory The Gap, Wiener Zeitung, News, naja und hier). Auf die Frage, ob sie langsam zur beliebtesten Person Wiens avanciert meint sie „Nein, nein, das ist nur wegen dem neuen Buch“. Das ist stimmt wahrscheinlich, aber mit News und diesem Magazin sind nun wohl auch „mainstreamigere“ Medien auf sie aufmerksam geworden, und The Gap und Falter hat auch niemand gezwungen, sie auf das Cover zu platzieren. Stefanie Sargnagel macht das, was sie tut – nämlich unterhalten – extrem gut. Dabei nimmt sie eine Rolle ein, die ein Vakuum in der österreichischen Populärkultur füllt. Irgendwo zwischen Stermann und Grissemann, KC Streichel und Money Boy gibt es einen luftleeren Raum, und junge Frauen dürsten nach einer lokalen Antwort, für die global Broad City, Tina Fey und Amy Schumer steht. Das von Comedy Central produzierte „Inside Amy Schumer“ ist für seinen scharfen Humor, der sich kritisch mit Geschlechterrollen und Popkultur auseinandersetzt, bekannt und hat ein 50 Prozent männlich und 50 Prozent weibliches Publikum. Es fühlt sich an, wie die österreichische Internetversion davon, wenn Stefanie Sargnagel dann unter pseudofeministische Rechtfertigungen von Österreichs Chauvi-Erfolgsband WandaWer wos gegen mei Oide sogt, den hau i mit mein Judith Butler-Buch“ schreibt.


Sorry, not sorry


Weil sie drei Zeilen und einen Callcenter-Internetzugang braucht, um auf den Punkt zu bringen, was viele denken. Und dabei den ganzen Ernst noch in einen Witz verpackt. Weil sie sich, 15 Minuten nachdem eine Titelgeschichte über politische Satire online ging, ohne falsche Bescheidenheit hemmungslos hinein reklamiert. „Warum werd ich wenn’s um satire/humor in österreich geht eigentlich nie erwähnt? Weil ich wirklich lustig bin? Weil euch das mit facebook zu stark verwirrt? Weil ich kein mann bin, der komische grimassen macht?“ [sic]


Sie gehört definitiv erwähnt. Wenn es nach uns ginge, könnte jedes österreichische Medium eine Cover-Story über Stefanie Sargnagel schreiben. Gerade weil sie eine Frau ist, die sich niemals dafür entschuldigt, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

 

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