Ich liebe die Wiener Linien - und ihr solltet es auch

Warum jammern so viele Wiener über die Wiener Linien? Das haben sie nicht verdient. Eine Liebeserklärung.

Nachdem unser neuer Wien-Teil und damit auch meine Kolumne vergangenen Monat feierlich inauguriert wurde, wurde ich mit überwältigend positivem Feedback überhäuft. Sprich: Meine Eltern haben bei der Lektüre wohlwollend geschmunzelt. Sonst hat sich eigentlich niemand geäußert, allerdings scheint der Kolumnentitel wohl für verwirrte Blicke gesorgt zu haben.

Ich bin der Inbegriff der Durchschnittswienerin


Der ist schnell erklärt: Als zarte Blume in Transdanubien aufgewachsen, eignet sich einfach niemand besser, um von allen Seiten - also sowohl dies- als auch jenseits der Donau - über Wien zu berichten, als ich, die Blume aus Stadlau. Als Nachfahrin böhmischer Arbeiter, die sich über zwei Generationen vom Favoritner Gemeindebau zum Reihenhaus am Stadtrand hochgearbeitet haben, würde ich mich ja fast als den Inbegriff der Durchschnittswienerin bezeichnen. Nur Häupl ist wienerischer als ich, und wäre ich als Frau Ende zwanzig nicht einem höheren Schönheitsdruck ausgesetzt, würde ich wahrscheinlich sogar mehr Spritzer trinken als er.

Die schrecklichen Teenagerjahre in Stadlau


Und weil man das vermutlich nicht in ganz Österreich in der Volksschule gelernt hat: Stadlau ist ein Bezirksteil von Donaustadt. Wer dort aufwächst, hat zuerst eine idyllische Kindheit im Grünen und dann schreckliche Teenagerjahre, in denen man seine Eltern hasst, weil man nach dem Fortgehen sehr, sehr lange mit der Nightline nach Hause braucht. Das restliche Wien blickt aufgrund unrühmlicher Sehenswürdigkeiten wie dem Bollwerk (vormals Nachtschicht) und den Plattenbauten am Rennbahnweg (wo Natascha Kampusch entführt wurde) eher abschätzig zu uns rüber, doch verdient ist das nicht.

Jedenfalls ist wohl diesen Jahren abseits des Zentrums eine ganz besondere Liebe in meinem Leben zu verdanken. Kaum eine Rechnung zahle ich lieber als die 30,50 Euro, die die Wiener Linien monatlich von meinem Konto abziehen. Ich liebe alles an den Wiener Linien. Sie kommen so oft. Das Reinigungspersonal mit den giftgrünen Westen macht dauernd alles sauber. Wirklich große Teile Wiens sind einfach super erreichbar, ja selbst die Werbekampagnen sind so charmant und ansprechend. Wenn es eine Kontrollrazzia gibt, hebe ich stolz meine Jahreskarte und schreite durch.

So sehr liebe ich die Wiener Linien


Am Wochenende fahren die U-Bahnen die ganze verdammte Nacht! In letzter Zeit sehe ich immer diese Werbung für Wiener Linien-Fanartikel, wo man sich Shirts mit seiner Lieblings-U-Bahn-Station kaufen kann. Ich bin nicht abgeneigt, so etwas zu erwerben - so sehr liebe ich die Wiener Linien. Und ich habe überhaupt kein Verständnis für Leute, die jammern, weil sie mal über fünf Minuten auf einen Bus warten oder eine unklimatisierte Bim erwischt haben. Überhaupt geht mir das dauernde Gejammere über die Wiener Linien extrem auf die Nerven. Waren diese Leute jemals in irgendeiner anderen Stadt? In Berlin kostet das verdammte Monatsticket 81 Euro! Noch heute denke ich melancholisch an den 84A, der mich in Zeiten vor der U2-Verlängerung mit dem Leben verbunden hat. Die Wiener Linien verdienen so viel Liebe. Warum gebt ihr sie ihnen nicht einfach? Wär mir wichtig.

 

Aktuell