Ich leb jetzt ohne Nachrichten

Was passiert, wenn man nicht weiß, was in der Weltgeschichte so alles passiert? Das fühlt sich richtig gut an! Hat jedenfalls WIENERIN-Autorin Ursula Neubauer herausgefunden, als sie sich selbst eine Art Nachrichtensperre verhängt hat und für eine Woche mal ganz ohne Nachrichten gelebt hat.

Ich muss nicht alles wissen

Es waren die Anschläge von Paris, die vielen Diskussionen drüber, die Unmengen an Infos zu Ermittlungen, dass ich irgendwann dachte: Phu, ich mag nicht mehr. Ich kann es nicht mehr hören. Lasst mich doch mal in Ruhe, die Sonne scheint! Ich kann mich nicht ständig mit den Sorgen der ganzen Welt belasten. Oder mag es grad nicht.

Jedenfalls hab ich beschlossen: Ich leb jetzt einfach mal komplett ohne Nachrichten, probier, ob das überhaupt geht, denn Nachrichten erreichen einen heutzutage ja nicht mehr nur via TV, Radio oder Zeitung ...

Mich rausnehmen, eine echte Challenge

Also, was soll ich sagen, so ganz ohne Nachrichten zu leben, das ist ganz schön schwierig. "Breaking News" sind wirklich immer überall. Und ihnen zu entkommen bedarf es echter Anstrengung. Heißt konkret: Ich musste mich zwingen, nicht auf den Nachrichtenscreen in der Straßenbahn zu schauen. Obwohl er eine magische Anziehung auf meine Augen hatte. Genauso wie das Zeitungstitelblatt meines gegenüber Sitzenden. Nur nicht hinschauen, Ursula, reiß dich zusammen, du willst es nicht wissen. Das Radio musste ich kurz vor der vollen und halben Stunde abdrehen und sogar im Theater war ich nicht gefeit vor unerwünschten Infos - denn meine Freundin wurde per Whatsapp-Nachricht über die Absage eines Fußball-Länderspiels informiert. Bravo. Facebookseiten von Medienunternehmen musste ich wieder entliken und mich selber ordentlich zwingen, die Zeitungsapp am Handy in der Früh nicht zu öffnen.

Zwischenhoch

An Tag drei ungefähr hatte ich dann ein richtiges Hoch - in meiner Welt gab es keinen Terror und keine Angst. Sehr angenehm. Und außerdem hatte ich mich langsam dran gewöhnt, auf meinem Smartphone keine Nachrichten zu lesen und war im Nachrichtenausweichen schon ganz geschickt. Zum Beispiel hab ich meine Masseurin - weil Radio eingeschaltet während der Massage - einfach in ein Gespräch verwickelt, damit ich nicht höre, was der Herr Nachrichtensprecher verkündet. Man lernt dazu! Und es fühlte sich wirklich großartig an! Befreiend. Als dann eine Kollegin in einem Telefongespräch von einer "Terrorwarnung" für Mailand redete und Ohren zumachen halt leider nicht so gut geht, dachte ich nur: Genau deshalb bin ich grad abstinent. Es ist für mich in Wien im Moment nicht wichtig zu wissen, ob in Mailand eine Terrorwarnung ausgegeben wurde oder nicht. Das muss mich grad nicht betreffen oder belasten.

Die Neugierde is a Hund

Ein bissl neugierig wird man nach ein paar Tagen allerdings dann schon auch. Man nimmt nämlich ständig irgendwelche Infobrocken wahr und kriegt Sehnsucht nach dem vollständigen Bild. Was so viel heißt wie: Nach dieser äußerst angenehmen Woche kompletter Abstinenz in seliger Ruhe und einer wirklich schönen Welt, werde ich nicht mehr gaaaaanz so streng zu mir sein. Aber, und das ist mein Fazit: Ich muss wirklich nicht in Echtzeit wissen, was irgendwo passiert und ob grad das berühmte Radl in China umgefallen ist. Und deshalb werde ich diese Seiten, die ich auf Facebook entfernt habe auch nach dem Experiment nicht wieder liken. Sondern vielmehr zu meinem alten, ursprünglichen, altmodischen Nachrichtenkonsum von vor ein paar Jahren zurückkehren, also mir nur eine Nachrichtensendung am Tag anschauen oder nur zu bestimmten Zeiten News lesen. Früher ging das auch. Und gut sogar. Für mich zumindest und meine subjektive Welt.

Der Digital News Report vom britischen Reuters Insitutute zeigt das Nutzungsverhalten von Nachrichten heuer auch für Österreich auf. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Gedruckte Zeitungen und Zeitschriften sind in kaum einem anderen Land so beliebt wie in Österreich
  • Die Hauptquelle für Nachrichten ist in Österreich das Fernsehen, gefolgt von der gedruckten Zeitung
  • Die jüngere Generation nutzt zunehmend Nachrichten-Angebote aus dem Internet
 

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