"Ich lasse mir mein Leben von niemandem diktieren"

Die Künstlerin Jessyca R. Hauser spricht mit uns darüber, wie wichtig Frauensolidarität ist, wie groß die Machokultur in der Kunstszene wirklich ist und wie sie versucht, sich Kategorisierungen zu entziehen.

Wir gehen saufen mit Frauen: in unserer fortlaufenden Serie „Ein Spritzer mit...“ treffen wir uns mit Künstlerinnen in ihren Lieblingslokalen auf einen guten Hauswein mit Mineralwasser. Heute: Jessyca R. Hauser.

Sie ist Videokünstlerin, Performerin, Regisseurin, Schauspielerin und Tänzerin. Jessyca R. Hauser ist wohl das, was man vielseitig nennen könnte. Oder einfach eine Frau, die in keine Schublade passt. Dass man das immer machen muss, sich selbst als etwas zu definieren, nervt die junge Künstlerin. Ihre Projekte sind eigenwillig, folgen keinen Regeln und hinterfragen gesellschaftliche und persönliche Tabus. In ihrem Kurzfilm „Continue (Chapter 20-24)“ schneidet sie Webcam-Aufnahmen von sich selber zusammen – eine männliche Stimme wertet dabei ihr schauspielerisches Talent. Unklar bleibt, welche Gefühlszustände „echt“ sind und welche nicht – doch darum geht es auch nicht, betont Hauser. Es geht ums Funktionieren sollen/müssen, um das Bewertetwerden, um Grenzerfahrungen, die doch irgendwie ganz normal sind. Aber was ist schon normal?

Ein weiterer Film, ANTI PREDATOR ADAPTATION, den Jessyca R. Hauser gemeinsam mit Lisa Stuckey kreiert hat, handelt von ihrem Arbeitsalltag, den prekären Bedingungen, mit denen Künstlerinnen zurechtkommen müssen, zum Beispiel. Und von der ständigen Frage danach, in welche Kategorien wir gezwängt werden. „I like to shift, to move around between them“, heißt es darin. Keine Narrative, keine Kohärenz, lieber das ständige Spiel mit der Ambivalenz. Vor einigen Wochen wurde der Film in New York beim Austrian American Shortfilm Festival im Austrian Cultural Forum New York mit einer Special Mention ausgezeichnet.

An welchen Projekten sie derzeit noch arbeitet, was sie an Wien nervt und wie groß die Machokultur in der Kunstszene wirklich ist – darüber sprachen wir mit der jungen Künstlerin bei einem Spritzer im Café Rüdigerhof.

Bist du in Wien aufgewachsen?

JESSYCA R. HAUSER: Ja. Born and raised.

Schon einmal das Gefühl gehabt, woanders leben zu wollen?

Extrem. Eigentlich regelmäßig. Ich habe nur einmal woanders gelebt, in Schottland, als ich an der Glasgow School of Art ein Erasmusjahr gemacht habe. Am Anfang hat es mir so getaugt, dass ich nie wieder zurückwollte. Dann hat mich die Winterdepression dort extrem ruiniert, und natürlich die finanzielle Sache. Als ich dann zurückkam, war es echt hart für mich. Ich hatte lange Schwierigkeiten, wieder in Wien anzukommen, zu akzeptieren, dass ich da bin. Ich will auf jeden Fall einmal woanders leben, auch wenn es schwierig und gleichzeitig befreiend ist, die Basis hinter sich zu lassen. Ich habe ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Wien.

Was nervt dich denn an Wien?

Die Grundstimmung. Die Stadt macht mich müde. Nur im Frühling und im Sommer habe ich das Gefühl, dass es hier ein Tempo gibt. Ich hab‘ das Gefühl, dass es den Leuten hier zu gut geht, um etwas zu verändern – und gleichzeitig nicht gut genug, um wirklich zufrieden zu sein.

Hast du es als junge Künstlerin in Wien heute schwer, Fuß zu fassen?

Bei mir ist es etwas komplizierter, weil ich nicht in einem Satz beschreiben kann, was ich wirklich mache. Weil ich so viele Sachen mache. Viele Leute wollen aber gerne ihre Schubladen. Wenn man in Wien nicht in den richtigen Freundeskreisen drinnen ist, stellt man auch nicht aus. Das ist ein bisschen ein Wien-Ding – und es gibt schon irgendwie so ein Faible für Kanon. Immer die gleichen Leute, immer die gleichen Gesichter. Es gibt zu wenig Risikobereitschaft. Es geht halt immer darum, mit wem man Bier trinken geht.

Ist es für dich persönlich schwieriger unter solchen Umständen „dabei“ zu sein?

Es ist eine Frage des Typs. Wenn man es unbedingt forcieren will, dann macht man es auch. Mich persönlich kotzen halt Eröffnungen ziemlich an. Ich kann auch nicht so tun, als würde es mich interessieren. Ich versuche zum Glück auch nicht, in Orte hineinzukommen, wo für mich das Umfeld nicht passt. Ich mag Projekte, die keinen Ablieferungscharakter haben, Gruppen, die sich solidarisieren und wo es um Prozesse geht. Ich persönlich finde es wichtig, dass man weiß, in welchem Kontext man arbeitet.

Ich hab‘ das Gefühl, dass es den Leuten hier zu gut geht, um etwas zu verändern – und gleichzeitig nicht gut genug, um wirklich zufrieden zu sein.
Jessyca R. Hauser

Für dich ist Kunst schon ein politisches Statement?

Auf jeden Fall. Immer. Alles ist politisch. Meine Arbeit ist extrem kontextbezogen. Wenn mich jemand einlädt, mache ich etwas ganz Neues, speziell für diesen Ort. Deshalb male ich auch nicht oder produziere keine Objekte. Das hat für mich so etwas Absolutes, Geschlossenes. Ich mag es lieber, wenn etwas zusammenspielt und sich gegenseitig informiert. Vielleicht mach ich deshalb trotzdem Filme, obwohl die ja eigentlich extrem absolut sind...

Das heißt auch, dass deine Werke sehr persönlich sind?

Ich arbeite viel autobiografisch, auch wenn das manchmal mehr verschleiert ist und manchmal weniger. Ich bin nicht der Typ, der sich ein Thema sucht, das nichts mit mir zu tun hat. Der letzte Film, den ich zusammen mit Lisa Stuckey gemacht habe, ANTI PREDATOR ADAPTATION, handelt auch auf eine Art von unseren Lebensumständen als junge Künstlerinnen. Vor einigen Wochen haben wir den Film in New York präsentiert und eine „Special Mention“ erhalten, was ganz cool ist. Damit kann man sich zwar nichts kaufen, aber wir wurden in weitere Screenings aufgenommen.

ANTI PREDATOR ADAPTATION

Welche großen Probleme siehst du in der Kunstszene?

Es ist halt einfach ein Markt. Ich habe kein Interesse an Konkurrenzdenken und Selbstvermarktung. Und es ist halt schon immer noch eine extreme Machodomäne. Es ist mir nicht selten passiert, dass irgendwelche Typen Interesse an meiner Arbeit geäußert haben und dann eigentlich an etwas ganz Anderem interessiert waren. It happens. Und es ist grindig.

Welche Strategien entwickelst du dagegen?

Ich umgebe mich mit inspirierenden, coolen Frauen! Solidarität ist sauwichtig. Kollaborationen und gemeinsames Arbeiten – da kommen auch viel spannendere Sachen dabei raus. Auch die Formen, die ich mir mit meiner Arbeit ausgesucht habe, zeigen stark, welche Position ich vertrete. Meine Kunst ist keine Ware, kein Konsumgut. Noch. Ich versuche mich der Marktlogik zu entziehen. Das erspart mir zwar weitere politische Sinnkrisen aber ja... ich hab halt trotzdem Hunger. Und muss Miete zahlen.

Was antwortest du, wenn dich Leute fragen: Und was machst du so?

Worst question. Ich sag‘ oft, dass ich „Sachen“ mache. Ich habe lange damit gekämpft, dass mich Leute in ein Eck gestellt haben. Aber mittlerweile scheiß ich auf Definitionen. Ich mache die Erfahrungen, die ich mache und ich mache auch die Fehler, die ich mache. Es ist besser, Dinge auszuprobieren, anstatt sich ständig Gedanken darüber zu machen, was man für irgendjemanden repräsentiert. Dafür bin ich viel zu neugierig. Ich will einfach nicht mein Leben davon diktieren lassen, dass mich irgendjemand irgendwo hineinzwängen will.

Es ist mir nicht selten passiert, dass irgendwelche Typen Interesse an meiner Arbeit geäußert haben und dann eigentlich an etwas ganz Anderem interessiert waren.
Jessyca R. Hauser

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Ich habe ständig das Gefühl, ich muss mehr machen, obwohl ich ur viel mache. Aber viel davon sieht eben auch keiner und keiner nimmt es als Arbeit wahr. Jahrelang habe ich in meinem Schlafzimmer gearbeitet, und nicht gut geschlafen. Jetzt habe ich zum ersten Mal ein Atelier, das ich mir grad irgendwie leisten kann. Es ist extrem schwierig für mich, abzuschalten. Und ich bin leider auch nicht wahnsinnig gut darin, mir anzurechnen, dass ich etwas geschafft habe. Aber ich kann nicht alles gleichzeitig machen. Im meinem letzten Film kommt das auch vor. In Gestalt eines Oktopusses, der seine Farbe verändern und jedes andere Lebewesen imitieren kann - sozusagen eine Art Überkreatur ist. Es ist arg, dass man im Leben ständig versucht, so eine Überkreatur zu sein. Aber es passiert halt leider auch mir immer wieder.

Der Film in dem du mitgespielt hast, der heute Wien-Premiere hat, „Menandros & Thaïs“, ist laut Beschreibung ein „experimentelles Sandalen-, Liebes- und Actionroadmovie”. Was kann man sich darunter vorstellen?

Es war ein irres, intensives Projekt an dem über 300 Leute fünf Jahre lang unbezahlt gearbeitet haben. Ich finde es immer noch erstaunlich, dass es den Film nach so langer Zeit jetzt tatsächlich zu sehen gibt, trotz super-low Budget, oft werden solche Projekte dann einfach nicht fertig. Es erfordert schon starkes Durchhaltevermögen sowas durchzuziehen. Die Handlung stammt von dem gleichnamigen Roman von Ondrej Cikan, lehnt sich an antike Romane an und erzählt eine Liebesgeschichte mit sehr viel Kunstblut. Und obwohl es einige krasse Szenen gibt, hat der Film trotzdem viel Humor. Für mich ist es wie ein Bilderbuch, das ur viele Sprachen hat. Ich kann ihn eigentlich mit nichts vergleichen, das ich kenne. Er fährt über alles drüber und macht sein Ding. Aber ich denke, man muss das selbst sehen, um es zu verstehen. (LINK zum Trailer!)

Gibt es Phasen, in denen du mal zurückschraubst?

Ja schon, es gibt Zeiten, da bin ich mal über längere Strecken ganz stark mit Gedanken, Gefühlen, Gesprächen und Dingen beschäftigt ohne sie öffentlich zu machen. Es ist generell schon absurd, Kunst zu machen. Warum ist meine Meinung es wert, sich eine Bühne zu generieren und die der Hofer-Kassiererin, die meine Bananen über das Fließband zieht, nicht? Ich hab‘ da nach wie vor keine Antwort drauf.

Kannst du dich da an Momente erinnern, die dir besonders nah gegangen sind?

Beim Filmfestival Diagonale ist mein letzter Film „Continue (Chapter 20-24)“ gelaufen. Er besteht aus Photobooth-Aufnahmen von mir selber, in einem Zeitraum von vier Jahren. Bei den Screenings hatte ich leider das Pech von männlichen Moderatoren beschissene Fragen gestellt zu bekommen, die sie niemals einen Mann fragen würden. Es war ein bisschen so als hätten nicht verstanden, dass ich den Film selber geschnitten habe. Sie haben mir beide auf ihre Art und Weise unterstellt, dass ich narzisstisch sei. Dabei ist genau das ein Thema im Film – sich selber überwachen, beobachten, unter der Präsenz dieser Webcam zu leben. Das hat mich echt ziemlich geärgert. Aber das Schöne waren dann die SchülerInnenvorstellungen. Nicht nur dass diese jungen Leute ziemlich geschnallt haben, worum es geht – sie haben auch ganz viele neugierige Fragen gestellt. Die Mädchen haben gesagt, sie finden das so mutig von mir, dass ich mich so zeige. Dass ich zeige, dass nicht alles immer cool ist im Leben. Das hat mir so viel mehr gegeben als diese offiziellen Screenings.

continue (chapter 20-24)

Welche dummen Fragen waren das zum Beispiel?

„Warum verwendest du eine Webcam und keine gescheite Kamera?“

Woher ziehst du deine Inspiration?

Unterschiedlich. Selten sehe ich ganz tolle Sachen, die begleiten mich dann eine Weile. Wie zum Beispiel Agon/Recovery von Florentina Holzinger, dieses Stück sollten alle sehen! Oft ärgere ich mich aber auch einfach über Dinge und daraus entsteht etwas. Und öfter noch aus Traurigkeit. Dem Leben an sich einfach. Ich muss auch rausgehen. Wenn ich mich nur einsperre, kann ich auch nicht arbeiten. Der Tod für mich ist, wenn ich in einem Gedankenstrudel feststecke, der sich dauernd um dieselben Fragen dreht. Eine Mischung aus Selbstzweifel und politischer Verdrossenheit. Meine Arbeit geht meistens von einem Gefühl aus – und nicht von der Form. Man muss aber auch akzeptieren können, wenn man mal nichts macht. Schließlich passiert trotzdem so viel, im Kopf. Und das ist auch wichtig.

Dort waren wir:Café Rüdigerhof, Hamburgerstraße 20, 1050 Wien

Der Spritzer bekommt: 5 von 5 Sternen

Jessyca R. Hauser wurde 1990 in Wien geboren. Sie wird im Herbst 2016 an der Akademie der Bildenden Künste diplomieren und studierte 2014/2015 auch an der Glasgow School of Art. Ihre Kunst liegt zwischen Video, Performance, Film und Installation. Oft kollaboriert sie, zuletzt mit der Künstlerin Ipek Hamzaoglu, mit Performancekünstlerin Lilly Pfalzer arbeitet sie zur Zeit an einem größeren Projekt, das 2017 realisiert wird, und immer wieder performt sie mit dem feministischen Rapduo KlitClique. Link zu ihrer Homepage: http://cargocollective.com/jessycarhauser

Aktuelle Termine

Sehen können Sie Jessyca R. Hauser als Darstellerin im neuen Spielfilm „Menandros & Thaïs“, am 2.6. und von 4.6.-8.6.2016 im Burgkino, Opernring 19, 1010 Wien. Regie: Antonín Šilar, Ondřej Cikán

Im Sommer wird ihre Videoarbeit ANTI PREDATOR ADAPTATION beim FrameOut Festival im MuseumsQuartier gezeigt.

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