"Ich kann und will mir eure Heiraterei nicht leisten!"

Wann sind Polterabende und Hochzeiten zu budget-sprengenden Events geworden? Warum muss ich reich sein, um bei den wichtigen Ereignissen im Leben meiner Freunde dabei sein zu können?

Wann wurde es eigentlich zum Trend, dass Junggesellinnenabschiede mit einem Langstreckenflug und Hochzeiten mit sündteuren Übernachtungen in Schlosssuiten verbunden sein müssen? Heiratet denn niemand mehr aus Liebe, sondern um möglichst viel Geld aus dem Fenster zu schmeißen?

Ein Plädoyer gegen Polterabende und Hochzeiten, die mein Urlaubsgeld auffressen

Freundin D. erzählt mir von einem ihr bekannten Paar, das mit dem Geld Ausgeben schon bei der Verlobung begonnen hat: Die fand in Barcelona statt und die besten Freundinnen waren aufgefordert, dem Happening beizuwohnen. Auf eigene Kosten, klar.

Freundin N. war vor kurzem auf einer Hochzeit eingeladen, die auf einem Schloss stattfand. Die dortigen Zimmer zur Übernachtung waren begrenzt, also wurde schnell reserviert. Um am Morgen danach beim Auschecken eine gesalzene Rechnung über 350 Euro präsentiert zu bekommen. Aber hey, das Brautpaar hat dafür Hochzeitsfotos vor Schlosskulisse.

Freundin P. feierte vor kurzem ihren Junggesellinnenabschied. Mit einem Wochenendtrip. Für Unterkunft und Anreise wurden um die 400 Euro pro Person veranschlagt. Gin Tonic hatte da noch keine von uns eines getrunken. Die Hochzeit würde zwei Wochen später stattfinden, zwar in Österreich, aber auf einem Weingut in der Südsteiermark. Die Gäste wurden gebeten, schon am Tag vor der Hochzeit anzureisen, weil man ein gemeinsames Dinner plante. Für das Budget heißt das: Zwei Übernachtungen plus Anreise. Dazu kommt das Geschenk für das Brautpaar, hier wird Bares immer beliebter, das in etwa, so die Faustregel, den Wert haben sollte, den die Brautleute pro Gast ausgeben. Also unter 150 Euro tut sich nix.

Gast auf der Hochzeit einer Freundin zu sein kann einen also durchaus rund um die 800 Euro kosten. Wenn man das Glück hat, viele verliebte und verlobte Paare zu seinen Freunden zu zählen, die just alle im selben Jahr heiraten, kommt man bei, sagen wir mal, vier Hochzeitseinladungen auf rund 3000 Euro, die dafür drauf gehen.

Muss ich reich sein, um bei den für dich wichtigen Ereignissen in deinem Leben dabei sein zu können?

Wem das jetzt alles zu gehässig klingt: Ich respektiere, wenn jemand bei seiner Hochzeit richtig auf den Putz hauen möchte. Auch ein Schloss oder das Hotel am See als Location ist natürlich super, nicht nur für die Fotos. Aber letztlich ist mir in den vergangenen Jahren über all der Budgetierung und „Wedding Plannerei“ die Liebe abhanden gekommen. Viele Hochzeiten sind zum Event geworden, je exklusiver, desto wertvoller. Letztlich hängt es aber vom Gefühl ab, von der Atmosphäre, ob ich mich danach an eine schöne Hochzeit erinnere oder eher an ein gut organisiertes Fest. Und dieses Gefühl spürt man in den Reden auf das Brautpaar, in den Blicken, die sich die beiden zuwerfen, in den kleinen Gesten. Und die sind orts- und budgetunabhängig.

Ich habe schon Einladungen zu Polterabenden absagen müssen, weil ich nicht in der finanziellen Lage war, mir das Dabei Sein leisten zu können. Ich musste also einen lustigen Abend mit einer Freundin auslassen, weil es mehr ums Programm und die Größe des Hotelzimmers ging als um die Gästeliste.

Mag sein, dass ein Brautpaar sich keine Gedanken darüber machen muss, auf wie vielen weiteren Hochzeiten seine Gäste in diesem Jahr noch eingeladen sind ergo wie viel Geld sie noch anderswo ausgeben müssen. Bei Freundinnen und Freunden wäre das allerdings nicht so abwegig.

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