"Ich hätte nie gedacht, dass ich mit einer Genitalverstümmlerin reden würde"

Für ihr erstes Buch hat WIENERIN-Kolumnistin Menerva Hammad mit Frauen aus aller Welt gesprochen. Und erzählt, womit sie dabei nie gerechnet hätte. Auf wienerin.at dürfen wir ein Kapitel abdrucken.

kolumne-wienerin-servus-alaykum-menerva-hammad

"Von fehlender Akzeptanz und starken Frauen" erzählt Autorin und WIENERIN-Kolumnistin Menerva Hammad in ihrem ersten Buch "Wir treffen uns in der Mitte der Welt". Sie hat Frauen auf der ganzen Welt zu ihrem Leben interviewt und bricht damit viele Stereotype: Menerva berichtet von einer Genitalverstümmlerin, die später zur Sexualberaterin wird, von einer jungen Frau, der die Flucht aus der Zwangsehe gelang, und von einem Jungen, der sich im falschen Körper gefangen fühlt.
Als "Ägypterin mit Wiener Schmäh" ist Menerva selbst zwischen den Kulturen aufgewachsen - das zeigt sich in der Vorurteilsfreiheit und Aufgeschlossenheit gegenüber den Geschichten ihrer Gesprächspartnerinnen. Ihre eigene Erkenntnis nach all diesen Begegnungen: Egal, wie unterschiedlich Frauen auch sein und leben, sie haben verdammt viel gemeinsam.

Wir freuen uns, dass wir auf wienerin.at das Kapitel "Der Aufprall" aus "Wir treffen uns in der Mitte der Welt" von Menerva Hammad abdrucken dürfen.

Ich schaffte die Matura erst beim zweiten Anlauf. Die Mathematik und ihre verlorenen x, die ich weiß Gott wieso zu suchen hatte, waren mir nicht nur ein Rätsel, sie interessierten mich schlichtweg nicht. Die Mathematik hatte Schuld daran, dass ich mein Ticket in das Gymnasium fast verpasst hätte. Ich musste im letzten Volksschuljahr jeden Tag nach der Schule und auch an den Wochenenden Mathematik büffeln. Meine damalige Lehrerin meinte, den Zweier hätte ich mir nur durch meine Willensstärke verdient. Als ich sie einmal zufällig nach der bestandenen Matura traf, fragte ich sie, wieso sie sich damals umentschieden hätte, immerhin wollte sie, dass meine Eltern mich in eine Hauptschule steckten. Sie überlegte kurz und sagte dann: „Das wäre ein Fehler gewesen. Heute bin ich froh, dass deine Eltern nicht auf mich gehört haben. Du hast dir den Eintritt ins Gymnasium verdient, ich habe dir nichts geschenkt, das sollst du wissen. Ich bin froh, dass du so hartnäckig geblieben bist. Das eine Fach, das du nicht so gut beherrscht hast, lenkte nicht von dem ab, was du konntest. Ich mochte deine Geschichten. Auch wenn einige eine totale Themenverfehlung waren, so waren sie alle gut. Ich würde mich heute wieder so entscheiden.“

So sehr ich die Bühne liebte und mich auf ihr wohlfühlte, brachte ich als Dreizehnjährige bei einer Klassenaufführung, die vor unseren Eltern stattfand, dennoch nichts heraus, als es zu meinem Part kam. Ich musste nur einen einzigen Satz sagen – aber ich sagte nichts. Der Rest der Klasse konnte seine Zeilen prima und ich stand da, war an der Reihe und sagte nichts. Ich sah verzweifelt zu meiner Mutter, die mir zuflüsterte: „Es ist okay“ und mich anlächelte, als hätte ich gerade einen Oscar gewonnen, sie sah mich nicht so an, als hätte ich versagt. Irgendwer anderer sagte dann meinen Satz, und ich fühlte mich deswegen ziemlich schlecht. Ich hatte damals in meiner Klasse keinen einzigen Freund und keine einzige Freundin. Ich war notenmäßig die Schlechteste und die Außenseiterin. Es war eine Sprachklasse mit über zwanzig Mädchen, die in Gruppen geteilt waren, nur passte ich in keine dieser Gruppen, denn ich war die einzige Skaterin und sah eher aus wie ein Junge. Ich interessierte mich nicht für Make-up, war keine Streberin, auch kein „Normalo“, eher ein Klassenclown ohne Publikum. Diese Klasse zu betreten, war jeden Tag aufs Neue ein einziger Schmerz, und es zerbrach alles in mir. Ich erlebte zum ersten Mal, was es bedeutet, am Boden zu sein, allein zu sein. Dieser Boden war kalt und er machte einsam. Da fing ich an zu schreiben. Ich dachte, ich hätte vergessen, wann und warum ich mit dem Schreiben angefangen hatte, weil mich diese Zeit so sehr gebrochen hatte, dass ich sie verdrängt hatte, aber während eines Interviews erzählte eine Frau davon, wie ihre Depression begonnen hatte, und genau in diesem Moment erinnerte ich mich daran, dass auch ich schon einmal auf diesem Boden gewesen war, ich kannte dieses Gefühl, das sie beschrieb.

Ich wollte mich nicht mehr daran erinnern, dass damals die Lehrer und andere Schüler weggeschaut hatten. Ich hatte auch weder die Schule noch die Klasse wechseln wollen, obwohl meine Eltern darum gebeten hatten. Ich hatte dem Ganzen begegnen wollen. Der kalte Boden wurde von einer Seelenqual zu einer Quelle der Inspiration. Dieser Boden, auf dem ich aufprallte und der den Schmerz der Abweisung, der Einsamkeit und der sozialen Kälte in mir weckte, wurde mein bester und einziger Freund. Mit der Zeit nährte er meine Feder, mein Dasein, und ich blieb so lange dort liegen, bis es nicht mehr wehtat. Am Anfang war es schwer, da ich noch jung war und es sich um eine Angelegenheit handelte, durch die man allein durchmusste. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass man fällt und lernt, wieder aufzustehen, damit man nach dem nächsten Fallen besser aufstehen kann. Dass man diesen Boden spürt und mehrmals dort aufprallt, ist pures Überlebenstraining.

Als ich das erste Mal auf dem kalten Boden des Lebens aufprallte, sah ich die Gesichter jener Klassenkameraden, die mich tagtäglich mobbten, ich sah jene Menschen, die mich auf der Straße aufgrund meiner Hautfarbe verspotteten, ich sah den Mann, der mich einmal in einer Straßenbahn fast vergewaltigt hätte, und viele andere, die mich gegen meinen Willen berührt hatten, ich sah die Lehrer, die meine Träume ausgelacht hatten, ich sah jeden Menschen, der mein Erscheinungsbild nach seinen eigenen Regeln definierte und mir meine Existenz absprechen wollte, und jeden Menschen, der versuchte, mein Geschlecht gegen mich zu nutzen. Ich sah sie. Alle. Gleichzeitig. Ich hörte sie. Laut. Und es tötete mich. Jedes Mal ein bisschen mehr – bis ich es in Worte fasste. Ich ließ es auf diese Art und Weise nicht nur raus, ich ließ mich damit frei. Ich hatte mit dem Schreiben angefangen, um mich zu heilen. Mit jedem Wort erwachte ein Teil von mir, der schon gestorben war. Und mit den Jahren wurde dieser Boden nicht nur mein Seelenverwandter, wir wurden eins. Ich wurde mein eigener Boden. Wenn ich heute falle, dann in mir selbst. Wenn ich heute schreie, dann nicht aus meinen Lungen, sondern aus meiner Feder. Ich habe gelernt, dass es dabei keineswegs um die Lautstärke geht, sondern um Wirkung, Veränderung und die eigene Entwicklung.

So unterschiedlich ihre Geschichten auch sein mögen, so ähnlich sind sie.

von Menerva Hammad

Auf der Suche nach Geschichten ging ich in die weite Welt mit dem Gedanken hinaus: Was kann es da draußen noch geben, was ich nicht schon kenne? Und da war sie, die menschliche Überheblichkeit, gegen die niemand immun ist, außer jene, die sich ihrer bewusst sind und sie zu bekämpfen lernen. Niemals hätte ich gedacht, dass das Interview mit der ägyptischen Jüdin in einem Buch veröffentlicht würde. Niemals hätte ich gedacht, dass ich eine ehemalige Genitalverstümmlerin treffen würde, ohne ihr eine zu scheuern. Niemals hätte ich gedacht, dass ich eine Deutsche treffen würde, die glücklich in einer Mehrehe lebt. Niemals hätte ich gedacht, dass jemand so offen über Bulimie sprechen kann, niemals hätte ich gedacht, dass ich Frauen in Amerika, Indonesien, in Zügen oder sonst wo treffen würde und ein Small Talk, zufällige Begegnungen und ein bisschen Verständnis für das Leben anderer, auch wenn man selber anders handeln würde, mich innerlich so sehr befreien würden.

Die Zeitspanne, in der diese Gespräche geführt wurden, beträgt dreizehn Jahre. So alt war ich gewesen, als ich zum ersten Mal so richtig zu Boden gefallen war. Niemals hätte ich gedacht, dass meine Notizen, Übersetzungen, Gefühle und die Geschichten dieser Frauen eines Tages gesammelt ihren Weg zu dir finden würden. Auf der Suche nach den Geschichten anderer Frauen habe ich nicht nur meine Auslegung von „Verständnis“ und „Akzeptanz“ neu definiert, sondern auch mich selbst. In den Gesprächen musterte ich jede Frau genau und hörte – so wie mir meine einzige ägyptische jüdische Freundin damals riet – zwischen den Zeilen. So unterschiedlich ihre Geschichten auch sein mögen, so ähnlich sind sie. Manche der Frauen sahen einander sogar auf eine gewisse Art und Weise ähnlich. Manche verwendeten fast die gleichen Phrasen für die Erläuterung der gleichen Lebenssituation. Wieso? Weil wir ähnlich aufprallen, nur was wir aus dem Schmerz machen, ist unterschiedlich. Wichtig ist dabei nicht der Aufprall, nicht der Schmerz, und es sind auch sicher nicht die Narben, sondern dass man sich dem Ganzen stellt. Und das ist das Verbindende jeglicher Weiblichkeit – wir werden vielleicht nicht all ihre vielen Ausprägungen verstehen, doch sollten wir sie akzeptieren.

Vor diesen Gesprächen war ich der festen Überzeugung, dass so viele Dinge ihre festen Regeln hätten. Auf dem Weg zu diesen Frauen fand ich nicht nur eine bisher verborgene Tür zu mir selbst, sondern ich entdeckte, dass „jede Regel eine Ausnahme ist“, und nicht wie vorher angenommen, dass „die Ausnahme die Regel bestätigt“. Es gibt nicht nur eine Definition von Freiheit. Es gibt nicht nur eine Definition von Frausein. Du bist nicht mittelmäßig. Deine Ideen sind es auch nicht. Das ist nur deine Einstellung dir gegenüber. Auch wenn du später damit anfängst, deine Träume zu verwirklichen, zu alt gibt es nicht. Auch wenn du dich von der Norm zu sehr unterscheidest. Auch wenn du denkst, keine Mittel zu haben oder der Zug des Lebens sei abgefahren. Geh zu Fuß, denn da spürst du den Weg an deinen Fersen, anstatt nur aus dem Fenster zu schauen. Auch wenn du vom Weg abgekommen bist, du hast ein Recht darauf zu leben, so wie du bist, ohne Rechtfertigungen, ohne Entschuldigungen, das ist dein menschliches Grundrecht: zu sein! Und zwar nach deinen eigenen Regeln. In deiner eigenen Sprache. Die Richtung bestimmt dein Herz. Deine Geschichte ist besonders, einzigartig, und erst die Details, die dich von anderen unterscheiden, machen dich zu dir.

Wir versuchen es seit Jahrhunderten mit der Regel der Assimilation, damit sprechen wir anderen Frauen so viel „Ich“ ab. Wir hören anderen nicht mehr zu, um ihnen Aufmerksamkeit und Gehör zu schenken, sondern um zu kontern. So wachsen wir auf. So sollte es aber nicht sein. Wenn wir lernen, dass unsere Gemeinsamkeit die Liebe zum Leben ist und das die Basis bildet, auf der wir stehen, fiele es uns viel leichter, Menschen sie selbst sein zu lassen.

Dies ist kein Buch über außergewöhnliche Frauen. Schau in deinen Bekanntenkreis, schau in dich hinein und dort wirst du zum Teil auch deren Emotionen, Erlebnisse und Gedanken finden. Dies ist ein Buch über Geschichten, die tagtäglich geschehen, überall auf der Welt. Anfangs dachte ich zwar, es seien Geschichten über mir fremde Frauen, aber als mich ihre Worte berührten, entdeckte ich, dass jede Einzelne auch irgendwie etwas in mir offenbarte, und vielleicht offenbaren dir diese Geschichten auch etwas über dich selbst.
In ewigem Respekt und unendlicher Bewunderung für das Wunder Weiblichkeit und in schwesterlicher Liebe für jede Frau,
Menerva Hammad

menerva hammad wir treffen uns in der mitte der welt

"Wir treffen uns in der Mitte der Welt. Von fehlender Akzeptanz in der Gesellschaft und starken Frauen" von Menerva Hammad ist im Braumüller Verlag erschienen.

Am Sonntag, dem 10.11., ist Menerva Hammad im Rahmen der BUCH WIEN zu sehen (14.30 Uhr, Mastercard-Bühne).

Eine Woche später, am 17.11., zettelt Menerva gemeinsam mit der WIENERIN den Aufstand der Mütter an: Beim ersten WIENERIN #aufstand - alle Infos gibt's hier, der Eintritt ist frei!

Wir finden: Es ist Zeit für einen #aufstand!

Komm zum 1. WIENERIN #aufstand und diskutiere mit uns, welche Veränderungen wir in Österreich brauchen. Zum Programm.

aufstand füße

WIENERIN #aufstand
Sonntag, 17. November 2019
opendoors 13 Uhr, Beginn 14 Uhr
RadioKulturhaus, 1040 Wien

Eintritt frei, Plätze limitiert - hier geht's zur Anmeldung!

 

Aktuell