"Ich hatte das Gefühl, dass ich wie ein Monster aussehe und alle mich anstarren"

Betroffene der körperdysmorphen Störung erleben Teile ihres Körpers als deformiert und sind davon überzeugt, dass auch andere Menschen ihren Makel wahrnehmen. Am häufigsten ist die psychische Erkrankung bei jungen Frauen ausgeprägt.

Körperdismorphe Störung, BDD

Fast alle von uns hadern mal mehr, mal weniger mit dem eigenen Aussehen. Gerade für Frauen, deren Äußeres in unserer Gesellschaft nach wie vor eine unverhältnismäßig große Rolle spielt, ist die Beschäftigung mit dem eigenen Äußeren fast zwingend notwendig – ob sie das wollen oder nicht.

Bei der körperdysmorphen Störung geht die Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen allerdings noch deutlich weiter. Es handelt es sich dabei um einen beunruhigenden psychologischen Zustand, bei dem sich eine Person sehr stark mit einem oder mehreren Merkmalen ihrer körperlichen Erscheinung auseinandersetzt und ihren Körper als unzureichend wahrnimmt. Der Vergleich mit anderen wird dabei als sehr belastend empfunden.

Durch die Sozialen Medien ist der Vergleich mit anderen Menschen noch einfacher geworden und für viele von uns Teil des täglichen Lebens. Ständig scrollen wir durch Feeds, nehmen Bilder von anderen Menschen wahr und setzten uns mit ihnen (bewusst oder unbewusst) in Vergleich. Was hinzu kommt, ist, dass viele der Bilder und Videos, die wir in Sozialen Netzwerken sehen, bearbeitet sind – also nicht der Realität entsprechen. "Makel" werden mit Filtern und Retoucheprogrammen wegradiert.

Die BDD Foundation (body dysmoprophic disorder = BDD) macht auf den gefährlichen Einfluss manipulierter Bilder in den Sozialen Medien aufmerksam. Gemeinsam mit der skandinavischen Brand Monki hat die Organisation eine Petition an das EU-Parlament gestartet, worin Transparenz über veränderte Bilder in sozialen Medien gefordert wird.

Wie sich eine körperdysmorphe Störung anfühlt und was man dagegen tun kann, hat uns Kitty Wallace von der BDD Foundation erklärt:

WIENERIN: Was genau ist Body Dysmorphic Disorder und wie äußert es sich?

Kitty Wallace: Körperdysmorphe Störung (body dysmoprophic disorder = BDD) ist eine psychische Erkrankung, von der etwa 1 von 50 Menschen (2,2 %) betroffen ist. Obwohl sie recht häufig vorkommt, ist sie immer noch relativ unbekannt. BDD besteht aus einer ständigen Beschäftigung mit wahrgenommenen Mängeln oder Fehlern im Aussehen. Menschen mit BDD sind übermäßig unsicher und glauben, dass sie hässlich, deformiert oder entstellt sind, was sie oftmals dazu zwingt, öffentliche und soziale Situationen zu meiden. Die meisten Menschen mit BDD beschäftigen sich mit Aspekten ihres Gesichts, viele glauben, dass sie mehrere Mängel haben. Die häufigsten Beschwerden (in absteigender Reihenfolge) betreffen Haut, Nase, Haare, Augen, Kinn, Lippen und den gesamten Körperbau. BDD verursacht verheerenden Leidensdruck und beeinträchtigt die Fähigkeit einer Person, im Alltag zu funktionieren.

Du hast selbst viele Jahre unter BDD gelitten und versucht, dein Äußeres zu verändern. Wie hat sich die körperdysmorphe Störung für dich angefühlt?

Ich hatte solche Angst vor meinem eigenen Aussehen und vor dem Urteil anderer, dass ich mich nicht mehr aus dem Haus traute. Ich hatte das Gefühl, dass ich wie ein Monster aussehe und dass mich alle anstarren. Ich verbrachte Stunden vor dem Spiegel und versuchte, mich zu schminken, um meine vermeintlichen Makel zu verbergen, aber oft fühlte ich mich immer noch nicht in der Lage, tatsächlich gesehen zu werden, manchmal nicht einmal von meiner Familie.

Die Petition für mehr Transparenz über veränderte Bilder in sozialen Medien könnt ihr hier unterzeichnen: change.org

Handelt es sich dabei um ein Phänomen der letzten Jahre oder hat BDD schon immer existiert?

Wir wissen, dass BDD keine neue Krankheit ist – sie wurde erstmals 1891 von dem italienischen Psychiater Enrico Morselli erkannt. Er bezeichnete es als "Dysmorphophobie", und seine Erklärung der Symptome ist auch heute noch gut nachvollziehbar.

Wer ist am häufigsten davon betroffen?

Alle Geschlechter können fast gleichermaßen von BDD betroffen sein. Jüngste Studien zeigen jedoch, dass die BDD-Rate bei Mädchen im Alter von 17 bis 19 Jahren am höchsten ist: Jedes achtzehnte Mädchen (5,6 %) leidet an BDD. Wir wissen auch, dass BDD am häufigsten in der Pubertät beginnt. Deshalb sind wir so stolz auf unsere "Selfie Love-Kampagne" mit Monki. Die Marke hat eine lange Tradition im ethischen Marketing für junge Frauen, und wir hoffen, dass diese Bewegung nicht nur das Bewusstsein für BDD in dieser Altersgruppe schärft, sondern auch das Gefühl der Isolation bei Betroffenen verringert.

Welche Rolle spielen Soziale Medien dabei?

BDD ist eine komplexe und wenig erforschte Erkrankung, die vermutlich durch eine Kombination von Umwelt und biologischen Faktoren verursacht wird. Obwohl wir nicht sagen können, dass die Zunahme von BDD ausschließlich durch die sozialen Medien verursacht wird, können wir sagen, dass diese die Symptome verschlimmern und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verstärken. Die Verbreitung unrealistischer Bilder, die sich diese Altersgruppe online ansieht, ist sicherlich schädlich, und wir erhalten immer mehr E-Mails, in denen diese Altersgruppe und ihre Eltern um Unterstützung bitten. Wir hoffen, dass die Petition, in der wir Transparenz in Bezug auf verfremdete Bilder im Internet fordern, das Bewusstsein für die Gefahren dieser unrealistischen Bilder schärfen werden.

Was kann man dagegen tun? Einerseits, wenn man selbst betroffen ist oder glaubt, betroffen zu sein, andererseits als Gesellschaft oder Unternehmen mit sozialer Verantwortung?

Monki kooperiert mit der Body Dysmorphic Disorder Foundation

Die gute Nachricht ist, dass BDD mit der richtigen Hilfe und Unterstützung behandelbar und besiegbar ist. Allen, die damit zu kämpfen haben oder sich Sorgen machen, dass sie an dieser Krankheit leiden könnten, empfehlen wir, unsere Website zu besuchen, um weitere Informationen zu Behandlung und Unterstützung zu erhalten. Auch Monki hat auf ihrer Website Links zu Broschüren für junge Menschen, ihre Eltern und Lehrer. Wir hoffen wirklich, dass mehr Unternehmen dem Beispiel von Monki folgen und echte und ungefilterte Frauen für ihre Marketingkampagnen verwenden. Das ist so wichtig für das psychische Wohlbefinden der jungen Generation.

 

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