Ich hasse alles an Silvester (außer Raclette)

Silvester ist das beschissenste Fest aller Zeiten (dont @ me) und ich wäre schon längst durchgedreht, würde man mich nicht mit geschmolzenem Käse zumindest ein bisserl besänftigen.

Silvester

Es ist ja so: Was ich an Weihnachten so liebe, hasse ich an Silvester. Nämlich, dass es jedes Jahr dasselbe (Gfrett) ist. Weihnachten ist jedes Jahr gleich schön. Silvester jedes Jahr gleich beschissen. Das schlimmste: Es ist ja nicht nur dieser eine Tag, sondern die Tortur beginnt ja schon viel früher.

Ich könnte mittlerweile die Uhr danach stellen. Sobald die Wetterberichte den "letzten heißen Sommertag" verabschieden und das Pulli-Wetter einläuten, läutet bei mir das Handy mit der Benachrichtigung einer Nachricht in einer WhatsApp-Gruppe von meiner (nicht wirklich) Freundin Nadine: "Leuteeee, was machen wir denn heuer zu Silvester? Wir sollten irgendwas Lustiges anstarten! Bussis" Und wie jedes Jahr möchte ich mein Handy schreiend aus dem Fenster werfen und das einzige, das ich "anstarten" will und "lustig" fände, ist eine Hass-Tirade gegen Menschen wie Nadine. Ich weiß auch ganz genau, dass alle anderen aus der WhatsApp-Gruppe in meinem Team wären (don’t @ me, ihr wisst schon, wer ihr seid!), aber wie jedes Jahr wissen wir, dass es weniger auslaugend ist, das Spiel einfach mitzuspielen. Auf ein Neues also!

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"Wir könnten ja heuer Mal …"

Und so wird wie jedes Jahr bereits im Hochsommer darüber sinniert, wie wir denn Silvester heuer wirklich mal ganz unkompliziert machen und schon früh ein Programm festlegen, damit wir dann gegen Jahresende keinen Stress haben. Und wie jedes Jahr funktioniert das natürlich nicht. Erst werden groß Ideen gesponnen: Man könnte ja einfach mal wegfliegen über Neujahr. Oder heuer wirklich endlich mal eine Hütte in den Bergen mieten (weil – as I said – ja in Wahrheit eh niemand so richtig Bock auf Silvester hat und eigentlich eh alle kollektiv flüchten wollen). Und wie jedes Jahr verläuft die WhatsApp-Konversation dann im Sand, wir ignorieren die Causa alle unausgesprochen gleichermaßen, um dann Anfang Dezember draufzukommen, dass das mit der Hütte auch heuer wohl doch nichts mehr wird, weil diverse Unterkünfte das nächste Mal zu Silvester 2053 verfügbar sind. Das Silvester-Anxiety-Level sinkt noch einmal kurz ab, bevor kurz vor Jahresende dann das Anxiety-All-Time-High kommt.

Ab Weihnachten geht’s bergab

In der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester ist die Welt eigentlich noch in Ordnung. Man weiß nicht, welcher Wochentag gerade ist, man schmökert ein bisserl in den Büchern, die man geschenkt bekommen hat und ein Kilogramm Kekse werden auch von Mama als vollwertige Mahlzeit gesehen. Okay gut, die unangenehmen Smalltalk-Situationen mit Verflossenen und ehemaligen Schulkolleg*innen im Dorfbeisl sind verzichtbar, aber am Ende auch nur halb so wild, wenn der Spritzer daheim immer noch so wie jedes Jahr 1,60 Euro kostet.

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So richtig genießen kann man die Zeit aber trotzdem nicht, weil man ja weiß, dass sie im schlimmsten aller Festtage gipfelt, der wie jedes Jahr gegen 11 Uhr Vormittag eingeläutet wird mit der Nachricht "So Leute, was mach ma jetzt?" (Absender: Nadine, eh klar.) Und dann drucksen alle ein bisserl herum, bis sich dann irgendwer erbarmt, seine Pforten für eine Home Party zu öffnen (Danke, Stefan, du gute Seele!) – was dann von allen schamlos ausgenützt wird und in Dutzenden Nachrichten á la "Kann ich xy mitbringen?" endet, weil alle dankbar sind, dass wieder eine*r so deppert war, sein Zuhause für eine Silvesterparty zur Verfügung zu stellen und man nicht selbst die Person ist, die aus Ungeduld eingeknickt ist.

Und so sitzt man wie jedes Jahr mit ein paar bekannten Gesichtern und noch mehr unbekannten Gesichtern in einem Raum und ist gezwungen gut drauf. Die Krönung sind dann ulkige Party-Spielchen wie Activity oder so wie letztes Jahr: Jede*r schreibt einen Neujahrsvorsatz auf ein Zetterl und gibt ihn in eine Schüssel. Anschließend wird gezogen und jede*r muss den Neujahrsvorsatz von jemand anderem erfüllen. Ich habe "Patriarchat zerstören" aufgeschrieben und in die Schüssel gegeben. Und was soll ich sagen: Man sieht ja, wie gut das 2019 funktioniert hat. Danke für nix, fremder Mann auf dieser Party!

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Während den ganzen Spielereien trudeln dann noch zig Massen-SMS vollgepackt mit Boomer-Humor ein (Es wird nicht lustiger je öfter du den gleichen Schmäh bringst, Onkel Reinhard!) und am Ende steht man um Mitternacht da, busselt fremde Betrunkene ab und bekommt aufgrund der Scheiß Böllerei im 3-Sekunden-Takt nahezu einen Herzinfarkt. Ich hasse es!

The Peer Pressure is real, guys!

Und am meisten hass ich mich selbst, dass ich es Jahr für Jahr einfach nicht schaffe, die Vorhänge zuzuziehen, Ohropax ins Ohr zu stopfen und Silvester zu verschlafen. Weil Peer Pressure und FOMO sind fucking real – und ich verstehe nicht ganz, warum. Während ich unterm Jahr täglich ab 20 Uhr am Handy den Flugmodus aktiviere, um auf "Gemma heut nu fort?"-Nachrichten am nächsten Morgen ohne einen Funken schlechtes Gewissen mit "Oh, jetzt erst gelesen. Sorry, Nadine!" antworten zu können, lass ich mich an Silvester irgendwie doch mitreißen. Der Druck ist einfach zu groß und ich hasse alles. Außer Raclette.

Mein Lichtblick ist auch heuer wieder – so wie jedes Jahr – das Raclette essen. Wie könnte es auch nicht? Es ist einfach ein Festmahl aus Kohlehydraten. Und als ob das nicht an sich schon geil genug wäre, werden alle Kohlehydrate noch zusätzlich MIT GESCHMOLZENEM KÄSE ÜBERGOSSEN. Das rettet dann doch fast ein bisserl durch die wahnsinnig schlechte Party und macht die "Und was sind deine Neujahrsvorsätze so?"-Fragen ein bisserl erträglicher.

Aber um der Vollständigkeit halber die Frage trotzdem zu beantworten: Meine einzigen Neujahrsvorsätze sind, es nächstes Jahr endlich zu schaffen, tatsächlich auf Silvester zu scheißen, dem Druck endlich mal nicht nachzugeben und – so wie jedes Jahr: Mehr Dinge mit geschmolzenem Käse zu übergießen.

 

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