"Ich habe meine Aura lesen lassen und das habe ich erfahren"

Unsere Kollegin Andrea Burchhart hat mit Esoterik nichts am Hut – für uns war sie beim Aura-Reading, ließ sich aus der Hand lesen und hat einen Schamanen samt Räucherset in ihre Wohnung gelassen.

Kartenlesen Aura Reading

"Wird dieser Text gut?" - "Ich sag mal Nein, aber unterschreiben würde ich es nicht" – das Orakel (onlineorakel.com) hat gesprochen. Auf die Frage, ob ich gerne putze und Lebensmittel einkaufe, sagt es "Natürlich!" bzw. "Davon gehe ich aus!". Ich hasse beides, also einen gewissen Schmäh kann man ihm nicht absprechen – die Antworten reichen aber nicht, um diesen Text besser zu machen, daher kontaktiere ich echte Menschen.

Als Erstes Sabine: Die ausgebildete Physiotherapeutin bietet neben Shiatsu-Behandlungen auch Aura-Chakra-Reading an. "Die wichtigen Informationen über uns sind im Energiesystem gespeichert, sie geben uns Botschaften über die Vergangenheit und die Zukunft. Im Aura-Reading lese ich deine Intuition und kann in deine Themen reingehen, sie sehen und aus allgemeiner Sicht erklären", erzählt sie mir am Telefon.

Und was kostet es, in einer etwa einstündigen Sitzung meine verborgenen Talente, meine Berufung und meine Bestimmung zu erfahren und inspirierende Lösungsansätze für meine Blockaden zu erhalten? "Es muss ein Energieaustausch stattfinden. Wer etwas erhält, sollte dafür auch etwas geben", meint Sabine. Also Geld? "Ja, das ist die gängigste Form von Energie."

Wenige Tage später nehme ich auf einem bequemen Sofa in der Praxis Platz. Als Journalistin will ich mich nicht outen, daher eigne ich mir Namen und Biografie meiner Schwester an und habe ein bisschen Panik davor, dass Sabine, die mir noch dazu wirklich unsympathisch ist, mich enttarnen könnte. Sie bleibt aber ganz cool, sagt, sie werde jetzt die Augen schließen und lesen. Ich müsse gar nichts tun, könne aber das von ihr Gesagte gerne mitschreiben.

Sie spricht ruhig und monoton, erzählt von einer gut verwurzelten Blume mit einer riesigen lila Blüte. So viele Talente, so viele Lebewesen nähren sich an ihr; auf den ersten Blick ist sie total offen, sie ist empfänglich für Neues, aber nicht alle dürfen näher ran. Sie braucht keinen Schutz, sie steht in ihrer Kraft, die Blüte entfaltet sich. Sie kann wagen, herauspicken, sich ausprobieren. "Erkennst du dich darin wieder?", fragt Sabine, ohne meine Antwort abzuwarten.

Gruselig

In Bezug auf meine Lebensaufgabe erfahre ich, dass ich aus Angst vor der eigenen Kraft aufgehört hätte, zu brüllen. Es werde keinen Gegenangriff geben und ich könne ruhig brüllen. (Wenn die wüsste, wie oft ich daheim brülle!) Eine Anek­dote aus meinem früheren Erdenleben sieht Sabine ebenfalls: Ich bin ursportlich und klettere auf einen Berg, als eine Steinlawine über mir losbricht. Ich schaffe es zwar, mich unterzustellen, nicht aber, nach Hilfe zu schreien. Es sind Menschen da, die mir helfen würden, aber ich schaffe es nicht, auf mich aufmerksam zu machen. Was bedeutet das für mich heute?

"In Situationen, die wichtig sind, kannst du nicht sagen, was du dir denkst. Obwohl es keinen Grund gibt, nicht um Hilfe zu fragen, tust du es nicht. Du musst lernen, den Mut aufzubringen und deine Meinung zu sagen." Puh. Ich bin echt verwirrt.

Auch eine Woche später beim Lesen meiner Mitschrift bekomme ich Gänsehaut. Irgendwie ist die Vorstellung gruselig, dass die Frau, die wirklich null Vorwissen über mich hatte, mich dennoch in so vielen Details extrem gut beschrieben hat, ohne dabei nur schmeichelhafte Worte zu finden. "Dafür werde ich ja nicht bezahlt", sagt sie zum Abschied. Eine besondere Fähigkeit brauche es übrigens nicht, um Aura-Reading zu erlernen. "Mit ein bisschen Übung kann das jeder", sagt Sabine emo­tionslos.

Grausig

Selina wurde mir von einer Freundin empfohlen – sie sei die Beste im Tarotkarten-Legen und Handlesen. "Die Karten lügen nie", sagt Selina zur Begrüßung. Wir treffen uns in einem Kaffeehaus, "wo vormittags nie was los ist". An jenem Vormittag aber schon – daher verzichte ich aufs Kartenlegen und lasse mir nur kurz aus der Hand lesen.

"Du hast vier Kinder, sehe ich." Ich protestiere und erfahre, dass natürlich nicht nur meine leiblichen Kinder, sondern auch Kinder, denen ich nahestehe, als Linie auf meiner Hand auftauchen. Meine unterbrochene Lebenslinie steht für ein schwaches Immunsystem. "Du warst viel krank in deiner Kindheit, doch langsam erholt sich dein Körper", meint Selina. Wieder falsch! Ich nicke, verabschiede mich aber rasch wieder. 30 Euro habe ich echt schon besser investiert.

80 Euro bezahle ich für die schamanische Reinigung unserer Wohnung. "Alle Energien, die weggehören und belasten, werden fachgerecht entsorgt", verspricht das Angebot von Matthias. Mein Kraftplatz, das pendelt er für mich aus, liegt inmitten der Küche – ich dachte ja bisher eher ans Klo, weil nirgendwo sonst in der Wohnung kann ich ungestört alleine sein.

Dass meine Kinder miteinander streiten, sei bei dem Energiefeld kein Wunder. Mit einer supergrausigen Räuchermischung arbeitet Matthias dagegen und empfiehlt zusätzlich eine Ölmischung. Als er anfängt, mit Kraftgesängen im Schlafzimmer zu tönen, denke ich kurz an Versteckte Kamera. Das kann doch nicht sein Ernst sein?

Geister oder Seelen, die beim Übergang in eine andere Dimension stecken geblieben sind, halten sich glücklicherweise aber nicht bei uns auf. Einem harmonischen Familienleben steht also nichts mehr im Wege. Was sagt das Orakel? "Vermutlich nicht. Aber ich bin unsicher!" Wie gut, dass mein Glaube an die Wissenschaft überwiegt.

 

Aktuell