"Ich habe jeden Abend direkt vor meinem Fenster Schüsse gehört"

Sie reist dorthin, wo es brennt; wo Krisen, Kriege und Naturkatastrophen furchtbare Auswirkungen haben. Jennifer Bose über ihren Job als Nothelferin bei CARE Österreich.

Jennifer Bose

Ihr Koffer ist immer "halb gepackt", um im Notfall innerhalb kürzester Zeit in Krisengebiete reisen zu können: Jennifer Bose ist Nothelferin bei CARE Österreich und reist dorthin, wo andere flüchten. Sie berichtet vor Ort über Auswirkungen von Krisen und Naturkatastrophen – sei das in langjährigen Kriegsgebieten wie dem Jemen, in Mosambik, wo ein Wirbelsturm massive Zerstörungen angerichtet hat, oder in Nigeria, wo Boko Haram Angst und Schrecken verbreiten.

Bose, 31, hat Kommunikation studiert und ist eher durch Zufall auf den Bereich der humanitären Hilfe gestoßen. Nach einem Praktikum und später einem fixen Job bei den Vereinten Nationen und UNHCR in Bangkok ist sie heute als Nothelferin bei CARE tätig. 60 Prozent ihrer Arbeitszeit ist sie "entsandt", das heißt direkt in Krisengebieten. Den Rest der Zeit arbeitet sie das Gesehene und Gehörte auf, um medial Aufmerksamkeit für Notlagen in verschiedensten Teilen der Welt zu schaffen, denn sie ist leider überzeugt: "Aktuell schauen wir viel zu wenig hin."

Du bist sowohl bei Naturkatastrophen, als auch bei "vergessenen Krisen" wie jene im Jemen vor Ort. Was sind die Gemeinsamkeiten deiner Einsätze? Gibt es so etwas wie einen Arbeitsalltag überhaupt?

Jennifer Bose: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt keinen wirklichen Alltag. Es kommt auf den Kontext an - je nachdem, ob es eine Naturkatastrophe ist, wo alles superschnell gehen muss, oder ob es eine langjährige Krise ist wie in Nigeria oder die Flüchtlingskrisen in Uganda. Die Gemeinsamkeiten meiner Entsendungen sind: Ich gehe zu den Betroffenen, schaue mir die Situation an, hör mir an, was sie am dringendsten brauchen - und versuche die Geschichten zusammenzuschreiben, damit auch über die Krisen kommuniziert werden kann. Ich mache Foto- und Videomaterial und stehe nach Rückkehr für Interviews zur Verfügung, was gerade in vergessenen Krisen sehr wichtig ist, weil da sehr wenig berichtet wird.

Und es bräuchte aber dringend mehr Aufmerksamkeit; es ist ein bisschen wie eine Spirale: Mit wenig Aufmerksamkeit gibt es wenig Spenden. Mit wenig Spenden können wir unsere Arbeit vor Ort kaum erledigen. Gerade in afrikanischen Krisen ist mir zuletzt aufgefallen, wie klein unsere Teams sind, obwohl die Not sehr, sehr groß ist.

Der Koffer ist immer halbgepackt, ich habe immer eine Ration an Müsliriegeln zu Hause.

von Jennifer Bose, CARE

Wie läuft ein Einsatz ab? Wie bereitet man sich vor?

Bei Naturkatastrophen kann es wirklich sehr, sehr schnell gehen, wie etwa bei Zyklon Idai in Mosambik vor knapp einem Jahr. Da habe ich den Anruf am Morgen bekommen und fünf Stunden später saß ich schon im Flieger nach Mosambik. Der Koffer ist immer halbgepackt, ich habe immer eine Ration an Müsliriegeln zu Hause.

Du bist vor Ort, beobachtest die Lage und sprichst mit Menschen, um die Situation danach gut abbilden zu können. Wenn du nach einem Auslandsaufenthalt nach Hause kommst, kommt es dir dann manchmal so vor, dass Medien ein ganz anders Bild zeichnen als du es vor Ort wahrnimmst?

Ja, aber ich glaube das ist, weil niemand vom Alltag berichtet. Als Beispiel: Eine Krise wie im Jemen, die schon im 5. Jahr ist, da ist der Krieg schon Teil des Alltags. Man kennt die Bilder aus Medien von Schüssen, von Gewaltausbrüchen und hat dieses ganz schlimme Bild. Dann kommt man hin und es ist Alltag. Ja, man sieht Armut und zerstörte Fassaden, aber man sieht den Krieg auf den ersten Blick nicht so, weil eben nicht über den Alltag berichtet wird.

Es wird auch oft vieles nicht erwähnt. Ich war dieses Jahr in Nigeria. Man hört kaum etwas über den Konflikt von Boko Haram, vielleicht gerade mal, wenn über 400 Schulmädchen entführt werden, aber es werden dort tagtäglich Menschen entführt. Wenn es so ein langjähriger Krieg ist, interessiert es auch keinen mehr so wirklich. Es ist dann eben immer NOCH eine Entführung, NOCH ein Anschlag.

Aber die Sicherheitslage schwankt immer. Es kann einem wie ganz normaler Alltag vorkommen und dann bricht auf einmal wieder etwas aus. Genau auf den gleichen Straßen, auf denen Kinder eine Woche zuvor noch gespielt haben.

In allen Krisen, in denen ich bisher unterwegs war, waren es eigentlich Frauen und Mädchen, die am meisten gelitten haben. Es sind immer wieder Frauen und Mädchen, die als Kriegswaffe benutzt werden - wo ganz taktisch im Krieg vorgegangen wird.

von Jennifer Bose, CARE

Hast du Angst?

Ich habe auf jeden Fall Angst. Das wäre gelogen zu sagen, das würde nichts mit mir machen. Ich vertraue unseren Sicherheitsteams vor Ort, aber man hat natürlich trotzdem Angst. Ich habe bei einem Einsatz jeden Abend direkt vor meinem Fenster Schüsse gehört und ich wusste nicht genau, woher die kommen. Mir wurde dann gesagt, dass die Schüsse auch bei Hochzeiten fallen können, aber ich kann das natürlich nicht unterscheiden. Einer unserer Mitarbeiter hat auch mal gesagt: "Ach ja, mein Kind kann schon zwischen einer AK47 und anderen Gewehrmaschinen unterscheiden", was natürlich absolut traurig ist, dass ein Kind das schon kann. Also ich nehme das nicht auf die leichte Schulter.

Warum machst du den Job?

Weil man auch superviel zurückbekommt. Es ist nicht so, dass ich nur das Leid der Menschen sehe, sondern ich sehe auch das Allerschönste der Menschen. Ich sehe, dass man Menschenleben verändern kann. Ich sehe wie dankbar Menschen sind, wenn sie Hilfe bekommen. Wie dankbar sie CARE sind, wenn wir sie stärken, wieder auf eigene Beine bringen und zur Eigenständigkeit führen. Das gibt mir unheimlich viel zurück. Wenn man mal gesehen hat, wie man Leid reduzieren kann, dann kann man einfach gar nichts anderes mehr machen. Also ich kann mir keinen anderen Job mehr vorstellen.

Welche Rolle spielt das Thema Gewalt an Frauen bei deinen Einsätzen?

Eine sehr, sehr große Rolle. In allen Krisen, in denen ich bisher unterwegs war, waren es eigentlich Frauen und Mädchen, die am meisten gelitten haben. Es sind immer wieder Frauen und Mädchen, die als Kriegswaffe benutzt werden - wo ganz taktisch im Krieg vorgegangen wird. Frauen und Mädchen sind die, die Familien ernähren. Die die Kinder großziehen, die die Familie strukturieren. Sie sind der Anker der Familien. Und in so vielen Krisen, in denen ich war, wurde Gewalt an Frauen ausgeübt, weil man weiß, dass es die Familien am meisten trifft. Da gibt es ganz schlimme Geschichten von Vergewaltigungen, von Massenvergewaltigungen, die teilweise vor den Augen der Familien geschehen - als Mittel, um Angst zu streuen.

Und Frauen leiden einfach am meisten. In Naturkatastrophen - etwa bei Tsunamis - sind es oft sie, die nicht schwimmen können. Die wenigsten haben ein Recht auf Schulbildung. Sie sind in der Hierarchie ganz unten und haben sehr wenig Zugang zu alltäglichen Dingen, die für Männer ganz selbstverständlich sind.

Fällt dir eine konkrete Geschichte ein?

Ich hatte in Nigeria jetzt zum Beispiel ein Mädchen getroffen, 17 Jahre alt, das 5 Jahre lang eingesperrt wurde. Sie wurde entführt von Boko Haram Kämpfern und fünf Jahre mit anderen jungen Frauen in einem Käfig gehalten. Drei Mal wurde sie mit Kämpfern verheiratet. Sie hatte kein Essen, sondern haben Blätter von den Bäumen mit Wasser aufgekocht. Mit der Asche von den Blättern haben sie sich gewaschen. An dem Tag, an dem sie geflohen ist, war sie im 8. Monat schwanger von ihrem Mann, von ihrem Vergewaltiger - und an dem Tag hätte sie eigentlich umkommen sollen. Sie wurde morgens gefesselt und dann hat eine andere Frau sie befreit und sie rennen lassen. Und ich hab keine Ahnung, wie diese Frau mit ihrem Trauma umgehen soll. Sie ist jetzt mit ihrem Kind in einem Camp im Nordosten Nigerias. Sie hat keine Ahnung, wo ihre Eltern sind, ob sie überhaupt noch Leben.

Und das ist nur eine Geschichte. Nur ein Schicksal von so vielen Frauen, die betroffen sind.

Jennifer Bose

Wie ist das Heimkommen? Wie schließt man mit solchen Geschichten ab?

Nie so richtig. Ich komme meistens zurück nach Deutschland und erst dann beginne ich zu realisieren, was ich vor Ort gesehen und erlebt habe. Oft trifft mich das dann, wenn ich zu Hause bin und die Geschichten runterschreibe.

Ich glaube, man schließt nie so richtig damit ab. Ich glaube diese Geschichten werden auch irgendwie Teil von meiner eigenen Geschichte. Ich versuche natürlich trotzdem, meine Realität beizubehalten, um einfach Grenzen zu ziehen.

Eine sehr große Frage: Welche Veränderungen wünschst du dir gesellschaftspolitisch?

Mehr Aufmerksamkeit - gerade für vergessene Krisen, wo niemand mehr hinschaut. Und auch einfach generell wieder hinzusehen. Wir sind mittlerweile so überlagert von innenpolitischen Problemen und ich glaube, dieses Augenmerk geht immer mehr in Richtung Individuum - was betrifft mich als Deutsche oder Österreicher*in? - aber ich glaube wir müssen wieder mehr über den Tellerrand schauen, weil diese Probleme auch einfach mitgesteuert werden von uns und von unseren Entscheidungen.

Wir wählen die Politiker*innen, die ganz klare Auswirkungen auf Länder wie Syrien und Jemen haben. Und wir steuern auch ganz klar die Finanzen und daran mangelt es immer noch am meisten. Im Jemen sind gerade mal 30 Prozent finanziert von dem was wir als CARE brauchen würden, um auch nur das Nötigsten zu geben.

Ich habe oft das Gefühl, dass erst hingesehen wird, wenn es uns selbst betrifft - wie etwa mit der Flüchtlingskrise 2015. Erst dann wurde sehr groß über Syrien berichtet.

Wie bewertest du Charity-Reisen, wie etwa jene aktuell von Stefanie Giesinger?

Ich finde es generell gut, wenn man als Person mit großer Reichweite auch sein Publikum für gute Zwecke verwendet. Und ich bin mir sicher, dass auch diese Reise mit einem guten Hintergedanken gemacht wurde. Ich finde es aber genauso wichtig, dass man die Informationen dann auch klar übermittelt und die wichtigsten Kernbotschaften sind einfach: Wie es den Menschen geht und was gebraucht wird. Wenn das nicht geschieht, dann finde ich, dass die Charity ihr Ziel verfehlt hat. Und dann wird das natürlich auch etwas kritisch - wie etwa bei Voluntourismus, wo Menschen nur wo hinreisen, um sich selbst besser zu fühlen. Deshalb bin ich auch so stolz, für CARE zu arbeiten, weil wir auch zu 95 Prozent lokale Mitarbeiter haben - und man so die Wirtschaft ankurbeln kann. Es ist wichtig daran zu denken, dass die meiste Arbeit von Menschen vor Ort gemacht werden kann.

Welchen Appell hast du?

Auf jeden Fall: spenden. Dran denken: Alle unsere Entscheidungen haben Auswirkungen. Wenn wir an das Klima denken: Es werden erst Dörfer in Bangladesch überflutet und nicht in Österreich. Oder auch Rüstungsexporte, die ganz klare Auswirkungen auf den Krieg im Jemen hat. Seien es politische Entscheidungen, wen wir wählen oder worüber wir sprechen - alles hat Auswirkungen auf die Krisen und Konflikte der Welt. Mein Appell ist: Schaut hin - und übernehmt Verantwortung. Und überlegt: Was ist wichtiger - ein Instagram-Bild zu posten oder sich mit dem Leid in der Welt zu befassen?

 

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