"Ich habe dich betrogen": Reaktionen auf den Satz, den man nie hören wollte

Zu entdecken, dass der eigene Partner einen betrügt, setzt bei vielen Menschen elementare Ängste frei. Die Telefonseelsorgerin Ina Schwarz spricht fast täglich mit Betroffenen. Sie sagt, worauf es im Fall der Fälle ankommt.

"Unsere Zeit ist die Nacht. Von Sonnenuntergang bis zum frühen Morgen erreichen uns die meisten Notrufe: Hilfesuchende mit den verschiedensten Problemen. Diejenigen aber, die gerade entdeckt haben, dass ihr Partner sie betrügt, melden sich meist am Tage. Bei Frauen sind es die Morgenstunden. Wie die Frauen von der Untreue ihres Mannes erfahren, ist natürlich höchst individuell, aber der im Sakko vergessene Liebesbrief oder die unachtsam liegen gelassene Hotelrechnung über ein Doppelzimmer sind keine Klischees. Fast immer stoßen Frauen zufällig auf ein Indiz des Seitensprungs. Schnüffeln tun die wenigsten.

Ruhe ist besser als Tränen

Anders Männer: Viele von ihnen melden sich spätnachmittags, wenn sie alleine zu Hause sind, während die Frau unterwegs ist. Dann werden Dateien auf dem Computer geknackt, versehentlich vergessene Handys auf Nachrichten untersucht. Es scheint, als würden Frauen vorsichtiger mit ihren Affären umgehen, während die Männer sich sorglos in die Gefahr begeben, erwischt zu werden. Vielleicht ist das der Grund, warum zwei Drittel der Anrufer Frauen sind.

In fast allen Fällen ist die schreckliche Erkenntnis ganz frisch - wir sind die erste Anlaufstelle, weil der Betroffene keinen Rat weiß. Und das ist gut so. Ein professioneller Zuhörer ringt einem aufgebrachten Menschen weit schneller Ruhe ab, als ein Vertrauter, der aus Solidarität mit in Tränen ausbricht. Doch gerade Ruhe ist es, die man dringend braucht, um sich in der neuen Situation zurechtzufinden.

Frauen sorgen sich um die Familie, Männer um die eigene sexuelle Qualität

Dabei raten wir telefonisch zur Systematik: Welche Sorgen sind surreal, mit welchen Konsequenzen muss man rechnen, wenn sich herausstellt, dass der andere nicht nur untreu war, sondern es auch künftig sein möchte? Und wie geht es weiter, nachdem man jetzt weiß, was man nie hatte erfahren wollen? Die Ängste sind äußerst geschlechtsspezifisch. Frauen neigen dazu, sich um das große Ganze zu sorgen. Nicht selten sind die Kinder, das Haus und die gemeinsame Familie die größten Faktoren der Verzweiflung. Männer sind da zentrierter. Es geht um Zweifel an der eigenen sexuellen Qualität und die gesellschaftliche Scham, von der Partnerin hintergangen worden zu sein. Nur eines ist bei Frauen und Männern gleich: die Angst vor dem Verlust des Menschen, den man doch am meisten liebt.

Trösten können wir nicht, denn der Liebesbruch steht offen im Raum. Doch helfen können wir, indem wir dem Anrufer einen Leitfaden für die nächsten Stunden geben. Wer nicht im Job oder für die Familie funktionieren muss, der braucht ein Verhaltensgerüst, um nicht aus der Fassung zu geraten. Wir schlagen vor, als eigener Anwalt zu fungieren, sachlich zusammenzutragen, was man weiß und sich auf eine Aussprache vorzubereiten. Oft sieht man nach Stunden schon wesentlich klarer und weiß, ob Trennung oder Vergebung dem eigenen Bedürfnis näherstehen. Wir bitten jeden Anrufer, sich am nächsten Tag erneut zu melden - doch das geschieht fast nie. Für uns ist das ein gutes Zeichen.“

 

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