"Ich fühle mich von dem Land betrogen"

Die in den USA lebende Wienerin-Autorin Julide Tanriverdi schildert, wie sich der Triumph von Donald Trump anfühlt.

Der Morgen danach ist noch schlimmer als die Wahlnacht. Als ich den Fernseher einschaltete und realisierte, dass es wirklich kein Albtraum war: Hillary Clinton hat die Wahl verloren. Ich muss das so ausdrücken, denn es wird noch eine Weile dauern bis ich zugeben kann, dass er gewonnen hat.

Meine Email-Inbox war auch gerammelt voll von Freunden aus Europa, Kanada und Südamerika. Alle fragen „Hat Amerika den Verstand verloren? Kannst Du uns das erklären wie das sein kann?“ Ich lebe seit September 1996 in Amerika. Ich habe die Amis immer verteidigt. Zum Beispiel nach 9/11 als sie auf dem Kriegspfad waren und alles bomben wollten. Oder ihre hirnlosen Waffengesetze, wenn man wieder eine Schießerei irgendwo war. Aber diesmal habe ich keine Antworten, die irgendwie Sinn machen.

Der angebliche Milliardär – genau wissen wir es ja nicht, da er seine Steuererklärung nicht öffentlich gemacht hat – ist ein Rassist, ein Lügner, ein Bully, ein Internet-Troll. Er hat Frauen genauso beleidigt wie Minderheiten oder Muslims. Trotzdem hat Amerika ihn in das mächtigste Amt der Welt gewählt. Nun ist das halbe Land traumatisiert, der Rest feiert.

Es ist mir ein Rätsel wie das sein kann. Ich fühle mich jetzt betrogen von dem Land, wo ich arbeite, lebe und Steuern zahle. Ich sehe plötzlich eine Seite, die mir so nicht klar war – nicht weil ich in New York lebe und deshalb verblendet bin und nicht weiß, was Mittelamerika denkt. Ich habe nur nicht gedacht, dass so viele nicht das Beste für ihr eigenes Land wollen. Denn eine Stimme an den orangefarbenen Clown bedeutet, dass Entscheidungen über die Umwelt, das Supreme Court, Obamacare, Rechte für Frauen (zum Beispiel Abtreibung) oder Schwule in seiner Hand liegen. Laut seinen Ankündigungen will er Immigranten deportieren, Handelsabkommen neu verhandeln, Europa zur Kasse bitten. Das wird nur mehr Krisen auslösen. Wie kann man das wollen?

Video: Die schlimmsten Aussagen von Donald Trump

Filmemacher Michael Moore sagt, das Volk ist wütend auf das politische System. Und sie seien eigentlich nicht der selben Meinung mit dem Populisten, aber sie sähen ihn als „menschlichen Molotowcocktail“, den sie aufs System werfen. Das mag sein. Aber die Amerikaner haben den Molotowcocktail nicht auf das System, sondern auf ihn eigenes Land geworfen. Nun wird es mindestens eine Amtszeit – also vier Jahre lang – politisch abfackeln und Amerika circa um 50 Jahre zurück werfen.

In New York City, Washington, D.C., Los Angeles, Seattle, Boston, Chicago, Philadelphia, Atlanta und diversen anderen Städten sind Tausende auf den Straßen und protestieren gegen das Wahl-Ergebnis. Auf Social Media benutzen viele #notmypresident. Kalifornien will sogar ein „Caliexit“ – die USA verlassen und unabhängig werden. Aber es ist zu spät. Genau wie beim Brexit gibt es nun mal kein Do-Over. Ich kann nur hoffen, dass die US-Wahl keine Vorbild-Funktion für andere Länder hat. Denn der rechtpopulistische Trend gefährdet die Demokratie und damit uns alle.

President Tr... Ich kann es noch immer nicht sagen. Ich werde es noch für eine paar Tage verdrängen. Und dann geht’s wieder zurück in die traurige Realität, dass Amerika seine Chance verpasst hat „to make America great again“, indem sie eine Frau an die Spitze wählen. Ich werde es wohl irgendwie durchstehen müssen. Au Backe.

Julide Tanriverdi ist WIENERIN-Autorin, die sich auf Film und Kultur spezialisiert hat. Die seit 1996 in den USA lebende Journalistin interviewte bereits zahlreiche Filmgrößen und berichtet regelmäßig von bedeutenden Filmfestivals wie der Berlinale oder dem Sundance Film Festival. Sie schrieb bereits unter anderem für die Welt, die Berliner Morgenpost oder Bild am Sonntag.

 

Aktuell