„Ich finde, mit sich selbst zufrieden zu sein ist ein Grundrecht“

12 Jahre hat Schauspielerin und Autorin Sara Schätzl (27) an Bulimie gelitten, ohne dass es aufgefallen ist. Innerhalb einer Minute konnte sie sich übergeben. Erst ihrem zweijährigen Sohn Louis zuliebe hat sie aufgehört. Sara Schätzl im Gespräch über ihr Buch „Hungriges Herz“ und warum sie sich selbst nicht lieben konnte.

Die deutsche Autorin und Schauspielerin Sara Schätzl lebt heute mit ihrem Sohn Louis Tiger in L.A., wo sie auch den Weg aus der Krankheit gefunden hat.

Welches Bild haben Sie heute von Ihrem Körper?

Sara Schätzl: Ich glaube, ich bin so wie ich bin okay. Ich bin eine gute Mitte, ich bin nicht besonders schlank, aber auch nicht besonders dick, sondern habe einen gesunden Körper.


Sie sind mit 14 Jahren in die Bulimie gekippt, gelten seit einiger Zeit als gesund. Wenn Sie nun zurückdenken – was glauben Sie, was der Auslöser?

Definitiv das fehlende Selbstbewusstsein. Wenn man selbst nicht fähig ist, sich selbst zu finden, dann ist man auf ein Bild von außen angewiesen. Ich hatte immer das Gefühl, wenn ich noch dünner wäre, dann würde ich bei anderen besser ankommen. Diese Gedanken sind sehr gefährlich.

Sara Schätzl als Jugendliche

Sara Schätzl als Jugendliche


Beim Lesen des Buches habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Beziehung zu Ihrer Mutter sehr distanziert war …

Die Beziehung war lange sehr distanziert. Wir verstehen uns heute bei vielen Themen besser. Meine Mutter war aber oft nicht da, weil sie arbeiten musste.


Glauben Sie, hat diese Beziehung etwas zur Bulimie beigetragen?

Es gibt bei einer Bulimie nie einen Auslöser, sondern immer mehrere. Wir Bulimiker teilen uns das fehlende Selbstbewusstsein und ein falsches Selbstbild.

Haben Sie von Ihrer Mutter nie gesagt bekommen, dass Sie ein toller Mensch sind?

Das wusste ich ja. Ich wusste, ich bin ein guter Mensch und ich interessiere mich für meine Familie und Freunde. Aber das war nichts wert für mich. Ich wollte dünn sein, weil ich dachte, ich wäre dann mehr wert.

Hatten Sie keine Freunde, die eingegriffen haben?

Ich bin in Donauwörth aufgewachsen. Das ist ein kleines Kaff, da gab es eine Schule und eine fünfte Klasse und wenn du da das unbeliebteste Kind warst, dann bleibst du das auch.


Hat Ihre Mutter nicht versucht ihr Selbstbewusstsein zu stärken?

Meine Mutter hat ihre eigenen Probleme. Sie hatte immer Kleidergröße 34/ 36. Sie ist einfach zierlich, ist aber so gebaut. Sie war immer figurbewusst, perfekt gekleidet. Sie sagt heute selbst, sie könnte sich schwer von diesen Auffassungen lösen. Sie erkennt heute durch meine Therapie, dass ihre Vorstellung zu sehr am Äußeren fixiert ist. In LA habe ich sie einmal morgens aufgeweckt und gab ihr einen Jogginganzug zum Anziehen und wir sind dann zum Bäcker frühstücken gegangen. Das war anfangs sehr schwer für sie.

Sport trägt zu einem gesunden Körperbewusstsein bei. Haben Sie nie Sport gemacht?

Ich bin seit der Grundschule ein Sportmuffel. Damals wurde entdeckt, dass ich Asthmaanfälle bekomme, sobald ich anfange zu rennen. Mit diesem Wissen habe ich einfach nichts mehr gemacht. Irgendwann viel später bin ich drauf gekommen, dass die Anfälle nicht mehr kommen. Aber ich könnte nicht einmal sagen, wann es aufgehört hat, weil ich so wenig Sport gemacht habe. Und mit 14 war die Krankheit da. Da war ich so fertig, dass ich 14 Stunden am Tag nur geschlafen habe.

Machen Sie heute Sport?

Ja. Heute mache ich so viel Sport wie normale Menschen in meinem Alter. Ich gehe mindestens dreimal pro Woche für zwei Stunden raus, um schnell zu spazieren oder zu wandern. Am Tag bevor ich aus L.A. abgereist bin, hatte ich meine erste Tennisstunde, da habe ich das Okay vom Kardiologen dazu bekommen.


Sie hatten in den vergangenen zwölf Jahren mehrere Lebenspartner. Wie kann es sein, dass all die Männer von der Bulimie nichts mitbekommen haben?

Das ist schwer nachzuvollziehen, aber ihnen hat einfach die nötige Sensibilität gefehlt. Einem habe ich es sogar anvertraut. Der hatte aber so gar keinen Bezug zu der Krankheit. Er hat dann nur gesagt „Dir Abendessen zu kaufen ist eigentlich die reinste Verschwendung“ und dann haben wir nie wieder darüber geredet.

Was ist mit Michael, dem Freund in L.A., von dem sie im Buch schreiben, dass sie ihm von ihrer Bulimie erzählt haben? Hat Ihnen das geholfen?

Er war keine Hilfe. Ich habe es ihm erzählt und wir haben einmal darüber geredet, aber das hat nichts geändert. Man muss auch selbst an den Punkt kommen, dass man damit aufhören will, sonst nützt das alles nichts. Für mich war dieser Punkt erst erreicht, als ich wegen Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wurde und mir gesagt wurde, dass wenn das noch einmal passiert, ich das Sorgerecht verliere.

Sara Schätzl mit Sohn Louis Tiger

Sara Schätzl mit Sohn Louis Tiger

Sie sind 2013 in Therapie gegangen?

Nein, das war Anfang 2014. Seit sieben Monaten gelte ich jetzt als medizinisch gesund.


Wann haben Sie den Punkt in der Therapie erreicht, an dem Sie wussten, Sie haben es geschafft?

Diesen habe ich noch nicht erreicht. Ich war zwölf Jahre krank und es ist erst ein Jahr her, dass ich mit der Therapie begonnen habe. Das ist im Vergleich dazu nicht lang. Es gab Momente, wo ich gemerkt habe, dass perfekt sein nicht möglich ist. Aber ein normaler Mensch missbraucht sich nicht absichtlich. Also der Moment, an dem ich den Punkt erreicht habe, an dem ich weiß, dass ich es endgültig überstanden habe, liegt noch vor mir. Vielleicht erreiche ich ihn in einem Monat, in zwei oder in sechs Monaten, wer weiß das schon. Aber: Momentan läge mir nichts ferner als mich zu übergeben.Ich bin dankbar dafür, dass mein Körper funktioniert. Das hat ein bisschen gedauert bis ich von dem Menschen, der mit Verdacht auf Herzinfarkt eingeliefert wurde, so wurde wie heute.

Wie geht es Ihnen heute?

Gut. Ich kann jetzt viele Sachen, die ich vorher nicht konnte. Ich bin vor einiger Zeit zum ersten Mal aufgewacht und habe mich umgeschaut und habe das Gefühl gehabt, dass das Leben okay ist. Das alles gut ist wie es ist. Mein Sohn und ich sind ein liebevoller Haufen und wer uns so will, der ist uns willkommen. Das ist jetzt drei, vier Monate her. Dieses Gefühl kannte ich vorher nicht. Es ist eine ganz schöne Reise von diesem Hass gegen sich selbst bis zu dem Punkt, an dem man glücklich ist. Deswegen habe ich das Buch geschrieben. Es ist ein Buch für jeden, der denkt, er ist nicht gut genug. Es ist nicht genetisch so zu denken, das kann man sich selbst zurück arbeiten. Es gibt so viele Frauen, die sich nicht mögen, weil sie sich an den Models in Magazinen und Werbungen orientieren. Die Liebe zu sich selbst kann man in einem halben, dreiviertel Jahr mit etwas Engagement zurückholen. Man lernt das Leben zu schätzen, so wie es ist, und ich würde gerne dafür sorgen, dass das jeder fühlt.

Welche körperlichen Folgen haben Sie im Verlauf der Krankheit an sich bemerkt?

Nach sechs bis sieben Jahren musste ich dreimal am Tag Schmerzmittel nehmen, nach 5 Jahren ist die Haut trocken, da musste ich täglich viel schmieren. Auch die Haare fallen aus. Manche Menschen haben dann richtig kahle Stellen Ich zum Glück nicht, weil ich schon immer dichtes, dickes Haar hatte. Aber ich habe zum Beispiel innerhalb von einem Jahr ein Dioptrin an Augenlicht verloren. Auch Herz, Nieren, Kreislauf und der Stoffwechsel leiden. Und man schläft 14 Stunden am Tag, weil man keine Kraft mehr hat. Ich konnte zum Schluss ja nicht einmal mehr die zwölf Stufen zu meinem Apartment hochgehen, ohne eine Pause zu machen.

Was davon ist geblieben?

Mein Herz hat ein Jahr gebraucht, um sich zu erholen. Jetzt mache ich dreimal pro Woche leichten Sport. Es hat lange gedauert bis ich zum ersten Mal Joggen konnte. Auch jetzt wechsle ich zwischen Joggen und Gehen ab. Meine Nägel sind bis heute brüchig, ich habe Gelnägel drauf, weil meine Nägel nicht richtig nachwachsen.

Hat Ihr Sohn mitbekommen, dass Sie sich übergeben?

Nein, dazu war er noch zu klein. Aber es war auf den letzten Drücker. Aber von zwei auf drei Jahre ist es ein großer Schritt, viel länger hätte ich nicht warten dürfen. Hätte er es mitbekommen, wäre er womöglich so geworden, wie ich es war. Und das wollte ich nicht. Ich wollte ihm eine großartige Welt vorleben. So wie ich früher war, so will keiner leben.

Ich frage mich manchmal wozu es die ganze Emanzipation bei Jobs gibt, wenn wir sie beim Äußeren nicht umsetzen können. Es braucht nur ein Mann kommen uns schief anschauen und wir Frauen kriegen eine Depression. Ein Mann mit Bierbauch hingegen gilt als gemütlich. Das ist keine Emanzipation.

Sie sind eine sehr hübsche Frau. Wie kommen Sie zu der Ansicht, dass Sie nicht hübsch sind?

Essstörungen sind immer mit einer Körperbildstörung verbunden. Zum Schluss, als ich nur noch 50 Kilo hatte, und das sind mehr als zehn Kilo weniger als jetzt, hatte ich noch immer das Gefühl, dass ich viel zu dick wäre. In der Therapie gab es eine Übung, bei der haben wir Post-its in drei Farben verwendet: Grün für gut, Gelb für neutral und Rot für widerlich. Bei der Übung musste man die Post-its am ganzen Körper befestigen, und die jeweiligen Stellen damit quasi bewerten, so wie man sie sieht. Zu Beginn hatte ich kaum grüne Zettel, einzig meine Handgelenke konnte ich anschauen, ohne sie widerlich zu finden. Ich fand mich widerlich, ich konnte nicht an den Strand gehen, nicht Baden, könnte mich nicht in Unterwäsche sehen. Im Verlauf der Therapie wurden es immer weniger rote Post-its.

Falsche Körperbilder haben viel Frauen. Fast alle Frauen haben schon einmal eine Diät gemacht, das ist nicht normal. Viele jagen von einer Diät in die nächste. Jeder Shake oder panische Angst von Zucker ist genauso eine Essstörung. Das ist es ab dem Moment, in dem Essen zur Obsession wird. Und das ist in Wahrheit eine Epidemie, von der nicht gesprochen wird. Ich finde, es ist ein Grundrecht, mit sich selbst zufrieden zu sein. Keine Gesellschaft hat das Recht jemandem einzureden, dass es nicht so ist. Wir sollten Essen auf Gesundheit überprüfen und nicht auf Kalorien!

Wie ist heute ihr Verhältnis zu ihrer Mutter heute?

Wir haben ein guter Verhältnis. Während der Sucht war ich sehr isoliert. Ich war nach außen fröhlich und laut – eine Kunstfigur. Also so, wie ich gerne gewesen wäre. Aber in Wahrheit war zwischen mir und dem Rest der Welt eine große Mauer. Mein bester Freund war meine Krankheit. Seit ich mich mehr geöffnet habe und ehrlicher geworden bin, hat sich auch die Beziehung zu anderen verändert.

Das war auch der Grund warum ich wollte, dass im Buch drei Menschen aus meinem Umkreis, ein Kapitel schreiben. Damit man sieht, dass das alles gute Menschen sind, die vielleicht hie und da Fehler gemacht haben. Das gibt dem Ganzen mehr Tiefe und Gerechtigkeit. Ich habe das Buch auch so geschrieben, als ob es niemand lesen würde. Ich wusste, wenn ich den Leuten erklären will, wie sich Sucht anfühlt, muss ich ehrlich sein. Normal legt man über Texte einen Filter, aber das habe ich nicht gemacht. Um das zu erreichen hatte ich wahrend des Schreibens keinen Kontakt zum Verlag. Ich sage auch ganz offen, dass die Zeit als ich mit 50 Kilo auf den roten Teppichen gestanden bin, war für mich die schlimmste Zeit. Da glaubt jeder, dass wäre ein Traum. Aber ich wäre beinahe daran krepiert.

Buchcover Hungriges Herz

Das Buch: Hungriges Herz von Sara Schätzl, Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag, um € 10,30.

Was wollen Sie anderen Bulimiekranken sagen?

  1. 1) Hole dir Hilfe. Alleine schafft man es nicht, von der Bulimie los zu kommen. Ich habe dazu eine Kombination zwischen einer Therapie vor Ort und Kontakten im Internet gewählt. Ich war auf einer Plattform für Betroffene
  1. 2) Suche dir Therapiefreunde. Ich habe mir gleich die Handynummern von Therapiefreunden geben lassen und wenn es mir schlecht ging, dann habe ich eine SMS verschickt und sofort Antworten bekommen, die mich vor einem Rückfall abgehalten haben.
  1. 3) Gib echten Menschen eine Chance. Die Sucht wirkt wie ein Freundesersatz, aber das ist sie nicht. Es ist eine Sucht. In Amerika werden die Bulimiekranken mit Heroin- und Kokainabhängigen zusammen therapiert. Ich habe am Anfang protestiert, aber sie haben recht. Es ist genau das gleiche, bei allen ist die Wurzel die Leere, der Selbsthass, die Verunsicherung, die Angst. Bei Essgestörten ist sogar die Rückfallquote viel höher als bei den Drogenabhängigen. Und zwar deswegen, weil es gesellschaftlich akzeptiert ist. Aber der Körper braucht keine Shakes, keine Smoothies und den ganzen Bullshit, der Körper braucht Essen.

Was können Angehörige dazu beitragen?

Setzen Sie die Betroffenen nicht unter Druck. Es reicht nicht zu sagen, „Iss etwas Gemüse, dann brauchst du das Essen nicht auszukotzen“. Schauen Sie einmal auf Instagram wie viel Bilder es von abgemagerten Mädchen gibt. Da stehen viele Kommentare darunter, von wegen „Iss etwas, du bist viel zu dünn.“ Dass kommt bei den Betroffenen nicht an. Die Krankheit ist ein Familienersatz. Man muss verstehen, was diese für den Betroffenen ist und ihn dann mit Liebe überschütten. Der Betroffene muss irgendwie zu dem Punkt kommen, dass er sich selbst so viel wert ist, dass er sich nicht mehr misshandelt. Auch Komplimente bringen nichts, diese kommen nicht an. Mir hat mein Stammbäcker vor Kurzem gesagt: „Ich freue mich jedes Mal, wenn du kommst, weil dein Lachen kommt direkt aus dem Herz.“ So etwas freut mich viel mehr, als wenn jemand etwas zu meinem Äußeren sagt.

 

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