"Ich finde es ekelhaft, dass weiße Journalist*innen entscheiden: Das ist gut und das ist schlecht."

Ebow rappt über Sexismus und Rassismus. Sie gilt als Lichtblick im deutschsprachigen Rap. Und kann damit wenig anfangen.

Ebow

Sie krönt sich zu "Wiens neuer Sissi" und verspricht Nazis "Beef mit den Habibitis". Punchline zum Schluss: "Schmeck mein Blut. Ertrink in meiner Flut." Auf ihrem Album K4L textet die RapperinEbru Düzgün alias Ebowüber Sexismus und Rassismus in der Szene und der Gesellschaft. Aufgewachsen in München zog Ebow für das Studium nach Wien und mischt von hier aus den deutschsprachigen Hip Hop auf. Unter Musikkritiker*innen gilt Ebow als Positivbeispiel obwohl sie das gar nicht will.

WIENERIN:Geht es um zeitgenössischen Deutsch-Rap, musst du oft als Positivbeispiel herhalten. Was hältst du davon?

Ebow: Ich finde diese Rolle problematisch, wenn ich als Gegenpart zu Gangsta-Rap oder zu anderen Rap-Gruppen herhalten muss.

Wie meinst du das?

Viele Rapper, die großflächig stattfinden, sind selbst Kanax und BIPOC. Und ja, in der Szene gibt es viele Dinge, die super sexistisch und problematisch sind. Ich finde es aber ekelhaft, dass dieser Diskurs von einer weißen Sicht aus stattfindet; dass weiße Journalist*innen entscheiden: Das ist gut und das ist schlecht. Wir leben in einer sexistischen und rassistischen Gesellschaft. Natürlich spiegelt sich das in der Musik wider. Das spiegelt sich überall wider. Ich sage auch nicht: Alles ist voll geil, ist doch egal. Aber ich weiß, woher das kommt. Es wäre naiv zu denken, dass Musik nicht sexistisch ist.

Wird über Sexismus in der Musikbranche diskutiert, kommt Rap immer besonders schlecht weg.

Es heißt immer: Ja, im Rap. Aber Pop ist genauso sexistisch. Schlager ist wahnsinnig sexistisch. Das alles zeigt nur: Dort, wo viele marginalisierte Gruppen eine Stimme haben, wird nochmals stärker drauf geschaut.

Im Vergleich mit anderen Rap-Gruppen scheint deine Musik für eine weiße Mehrheitsgesellschaft einfacher zu vertreten zu sein. Warum ist das so?

Das ist sehr komplex. Ich denke, dass auch Gangsta-Rap von einer weißen Mehrheitsgesellschaft sehr stark angenommen wird, obwohl es nicht ihrer Lebensrealität entspricht. Abgesehen davon, wie real das bei den Rappern wirklich ist, gibt es eine starke Faszination für dieses 'Gangsta-Leben'. Ich gelte hingegen als Positivbeispiel: Eine Kanakin, die studiert hat und modern ist. Von weißen Autor*innen werde ich deshalb gerne den 'Gangsta-Rappern' gegenübergestellt. Und Leute, die vielleicht sonst keinen Rap hören, hören meine Musik, weil es die salonfähigere Variante ist. Dahinter können sie stehen, ohne sich mit dem kompletten Kontext auseinanderzusetzen.

Du kritisierst die Machtungleichheiten innerhalb Industrie auch in einem deiner Tracks: "Zu viel weiße reiche Jungs im Rap als wär's ein fucking Golfclub-Treff."

In Amk geht es nicht nur um die Rapper selbst, sondern um die Strukturen dahinter. Es sind so viele weiße Männer,die bestimmen, was vermarktet und wo Geld hineingesteckt wird. Das finde ich problematisch. Das war schon in den späten 1980er und 1990ern so, als es N.W.A. und Public Enemy gab. N.W.A. hat diesen 'Gangsta-Lifetsyle' sehr gefeiert. Public Enemy war politisch und auf die eigene Community ausgerichtet. N.W.A. hat aber besser funktioniert, weil viele weiße Vorstadtkids den 'Gangsta-Lifestyle' cool fanden. Ichbin selbst nicht in der Position, das endgültig zu beurteilen. Aber ich finde, dass Rap und Hip-Hop, so wie ich damit umgehe, eine Stimme für marginalisierte Gruppen ist. Undich glaube, Leute mit meinem Hintergrund hören Hip-Hop aus einem anderen Grund als weiße Menschen. Schwarze Kultur aus den Staaten war das Einzige in der Mainstream-Popkultur, womit ich mich identifizieren konnte. Dort wurde über Rassismus und Polizeigewalt gesprochen. Das war auch in meinem Alltag Realität.

Diese Diskriminierungserfahrungen sprichst du in deinen Texten an. Eine deiner Punchlines lautet: "Erdogan und ich sind sicher keine Friends: Trotzdem sitze ich mit Özil immer noch im selben Benz." Nun haben der deutsche Fußballspieler Mesut Özil, der wegen seiner AKP-Sympathien in der Kritik stand, und du wahrscheinlich nicht viel gemeinsam.

Das stimmt. Ich supporte seine Ideologie oder das, wofür er steht, auf keinen Fall. Aber: Egal wie viel wir erreichen, am Ende des Tages sind wir beide nie deutsch genug. Das meine ich auch in K4L. Es ist so leicht, uns zu Außenseitern, zu Feinden zu machen, weil wir nie Teil dieser Gesellschaft waren.

Du bist kurdische Alevitin, eine Frau und queer. Wie prägen diese Identitäten deine Musik?

Es beeinflusst mich stark. Mir ist es wichtig eineMessage nach außen zu tragen, weil ich zu so vielen marginalisierten Gruppengehöre. Ich bin Minderheit der Minderheit. Ich weiß, dass, wenn ich aufder Bühne stehe, ich nicht nur für mich selbst spreche, sondern immer auch eine Gruppe von Menschen repräsentiere. Das ist zum Teil auch schade. Eine weiße Person repräsentiert nie eine Gruppe von weißen Menschen. Natürlich beschränkt ein solches Label immer die Art und Weise, wie man wahrgenommen wird.

In Wien griffen türkische Faschisten im Sommer mehrmals Kurd*innen auf Demonstrationen an. Wie hast du das erlebt?

Es war für mich Horror, das mitzubekommen. Vor allem in diesem Ausmaß. Was ich aber noch viel schlimmer finde, ist, dass im deutschsprachigen Raum kurdische Gruppierungen, die politisch aktiv sind, sehr schnell als terroristisch eingestuft werden. Faschistische türkische Gruppierungen, wie die Grauen Wölfe, werden hingegen nicht als Gefahr dargestellt. Das ist schon immer so gewesen. Es wird nicht differenziert zwischen Menschen, die auf brutalste Art verjagt und umgebracht werden und einer Gruppe von Faschisten, die versucht, diese Menschen zu eliminieren.

Warum findet diese Differenzierung nicht statt?

Ich glaube, dafür gibt es keine Sensibilisierung. In Österreich setzt man sich nicht damit auseinander, wofür diese Gruppierungen stehen. Zum anderen hat es damit zu tun, was ich bereits im Zusammenhang mit Mesut Özil gesagt habe. Auch er ist Erdogan-Anhänger, wir beide sind total unterschiedlich. Aber am Ende des Tages sind wir für die Politik und für die weiße Mehrheitsgesellschaft 'one and the same'.

Mit deinen Tracks richtest du dich explizit an deine Community. Warum ist dir das wichtig?

Mit meiner Musik und Labelarbeit (alvozay) will ich Räume schaffen, die es für uns noch nicht gab. Wo wir einfach wir sein können, ohnedass jemand darüber schaut und sagt, ob es okay ist, wie wir sind. Wenn man Teil einer marginalisierten Gruppe ist, ist man traumatisiert. Räume, in denen man sich entfalten kann, sind sehr wichtig für eine Heilung. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig supporten und dabei helfen freier zu kreieren.

Deine Musik wird oft als Soundtrack einer neuen migrantischen Selbstbehauptung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft bezeichnet. Woher kommt dieses Selbstbewusstsein?

Wir sind die erste Generation, die selbst für sich sprechen kann und die gehört wird. Und das nicht nur über Medien, die uns zu Interviews einladen. Wir haben die Medien selbst in der Hand. Über Social Media können wir über bestimmte Diskurse aufklären, ohne von irgendwelchen weißen Chefredakteur*innen abhängig zu sein. Das ist ein riesengroßer Change. Wir haben die Möglichkeit für uns selbst zu sprechen. Unsere Eltern konnten das nicht.

Wie reagiert die Mehrheitsgesellschaft auf dieses neue Selbstbewusstsein?

Es gibt extrem viel Gegenwind. Leute aus der Mehrheitsgesellschaft hören nun zum ersten Mal Meinungen, die sie noch nie gehört haben, weil alles immer auf sie angepasst war. Ich bekomme das selbst nicht so stark mit, weil ich zum Beispiel die Kommentare unter meinen Interviews nicht lese. Freund*innen von mir haben damit aber stark zu kämpfen. Sie bekommen auch Drohbriefe. Und es ist sehr beängstigend, wie wenig ernst das genommen wird.

Deine Musik wird auch von Menschen außerhalb deiner Community gefeiert. "Für euch ist es ein Trend, den ihr bald wieder ablegen könnt", sagt Hengameh Yaghoobifarah in diesem Zusammenhang in einem Skit auf K4L. Wo liegt die Grenze zwischen Bewunderung und kultureller Aneignung?

Ich glaube, das ist gerade in der Musik schwer zu sagen. Es gibt ganz dünne Grenzen. Wenn zum Beispiel weiße Zuschauer*innen zu meinen Konzerten kommen, sollten sie nicht unbedingt "Kanak for Life" mitrappen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass Leute, die meine Musik hören, schon sehr sensibilisiert für diese Themen sind. Sie fragen nach dem Konzert: Wie stehst du dazu? Wir brauchen auch nicht so zu tun, als gäbe es diese Diskurse schon immer. Oder anders formuliert: Es sind vielleicht keine neuen Diskurse, aber sie sind erst nun im Mainstream angekommen. Wir alle sind in einem Prozess.

Viele fühlen sich davon angegriffen. Warum ist das so?

Es ist das erste Mal, dass ihnen jemand sagt: Du hast nicht das Recht, etwas zu machen. Man muss verstehen: Du bist so privilegiert, dass du über Generationen machen kannst, was du willst. Und dann kommt eine Gruppe von Menschen, die bisher keine Stimme hatte, und sagt: Es ist nicht cool, was du machst. Natürlich fühlst du dich angegriffen. Das hat mit Ego zu tun. Es hat aber auch viel mit Rassismus zu tun. Du denkst dir: Diese Leute sind nicht in der Position, mir zu sagen, was ich zu tun habe, weil sie es zuvor auch nicht waren.

Wie sollen wir diesen Diskurs in Zukunft führen?

Wir müssen uns einfach angewöhnen, auf jene Leute zu hören, die betroffen sind. Sie fragen, ob es okay für sie ist, was wir machen. Und wir sollten nicht immer denken, dass wir zu allem sofort eine Meinung haben müssen. Wir sollten uns angewöhnen, einfach die Klappe zu halten, wenn wir keine Ahnung haben.

 

Aktuell