"Ich bin selbst mehrmals an die gläserne Decke gestoßen"

Der Kunstmarkt ist männlich. Kunstkuratorin, -managerin und Netzwerkerin Ema Kaiser-Brandstätter will das ändern.

Ema Kaiser mit Pappfigur vor einem Kunstwerk

Künstlerinnen vor den Vorhang holen und ihnen eine Bühne bieten ist zentraler Aspekt in Ema Kaiser-Brandstätters Arbeit. Die Kunstkuratorin, -managerin und Netzwerkerin hat national und international mit so ziemlich allen, die in der Branche Rang und Namen haben, gearbeitet. Ihren beruflichen Schwerpunkt Female Empowerment bezeichnet sie als Lebensaufgabe. Denn: Noch immer erzielen Arbeiten von Frauen am Kunstmarkt niedrigere Preise und werden weniger oft ausgestellt. Wir haben sie gefragt, warum die Kunstszene weiblicher werden sollte.

WIENERIN:Wie bist du zu Female Empowerment als Schwerpunkt deiner Arbeit gekommen?

Ema Kaiser-Brandstätter: Ich bin selber mehrmals privat wie auch beruflich in der Situation gewesen, wo ich nur wegen der Tatsache, dass ich eine Frau bin, an die gläserne Decke gestoßen bin. Es ist oft ein Drahtseilakt und ich habe beschlossen, dass ich gerne ein Game Changer für andere Frauen wäre und mein Wissen und meine Erfahrungen mit anderen teilen möchte. Ich will Frauen unterstützen, indem ich gesellschaftliche Veränderungen, Anerkennung und Zusammenhalt von Frauen fördere.

Wie wählst du die Künstlerinnen aus, mit denen du arbeitest?

Ich habe mir jahrelang Expertise angeeignet, indem ich in verschiedenen Kunstinstitutionen auf mehreren Kontinenten gearbeitet habe. Ich besuche jedes Jahr viele internationale Messen und schaue mir regelmäßig die für mich wichtigsten Ausstellungen auf der ganzen Welt an. Durch den internationalen Austausch und die Kommunikation mit anderen Expert*innen der zeitgenössischen Kunst sammle ich viele wichtige Inputs, ich lerne gerne von anderen, gehe aber immer meinen eigenen Weg und liebe es, junge Künstler*innen in ihren Ateliers zu besuchen, um neue Talente zu entdecken, die am globalen Markt innovativ und konkurrenzfähig sind. Am Ende muss aber das Zwischenmenschliche passen, ich bin ein harmonischer Mensch und liebe meinen Beruf und genieße jede Sekunde des Zusammenarbeitens, und deshalb lege ich sehr viel Wert auf eine korrekte Arbeitsweise auf Augenhöhe und ein respektvolles und beidseitig inspirierendes Zusammenspiel.

Ich möchte ein Game Changer für andere Frauen sein und mein Wissen mit anderen teilen.

von Ema Kaiser-Brandstätter

Wie siehst du die Chancen für weibliche Kunstschaffende in Österreich, aber auch auf dem Weltmarkt?

Die neue Generation von Künstlerinnen aus Österreich hat schon tolle Wegbereiterinnen und spannende Vorbilder vorzuweisen, von Valie Export bis hin zu Maria Lassnig, die akzeptable Verkaufszahlen aufweisen, aber noch lange nicht vergleichbar mit männlichen Künstlern. In Österreich gibt es momentan eine perfekte Ausgangslage, um eine völlig neue Künstler*innengeneration heranzuziehen. Wunderbare Ausbildungsmöglichkeiten auf den beiden Universitäten, tolle Professor*innen wie Brigitte Kowanz, die mit Leidenschaft ihr Wissen vermittelt, um hier nur eine zu nennen. Gepaart mit der politischen Lage im Land ist es eine explosive Mischung, die möglicherweise vergleichbar wird mit dem Wiener Aktionismus, der damals aus einer ähnlichen Lage entstanden ist und heute, 60 Jahre später, Weltberühmtheit und Spitzenpreise erzielt.

Wer ist deine Lieblingskünstlerin (national und international)?

Puh, eine schwierige Frage, es gibt so viele, die ich schätze und verehre. Die 2013 verstorbene Ceija Stojka, eine österreichische Roma, die drei Konzentrationslager überlebt hat und als völlige Autodidaktin begonnen hat, ihre Erinnerungen mit einer Fingertechnik aufzumalen. Die Bilder haben eine unglaubliche Kraft, gehen unter die Haut und sind die seelischen Abbildungen einer Zeitzeugin und einer wahren Heroine. Ich habe die Einzelausstellung in Madrid im Museo Reina Sofía im Februar vor dem Lockdown besucht und war völlig emotional verstört und zutiefst berührt. Die New York Times reiht sie zu den bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts ein, hierzulande stößt dieses Thema noch auf Ignoranz. Aber auch das wird sich ändern, denn "wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien. Dort passiert alles zehn Jahre später", sagte Karl Kraus (angeblich).

Auf welche Projekte von dir darf man sich aktuell freuen?

Auf der Plattform Forwomenonly Network wollen wir gemeinsam Dinge neu denken, gesellschaftliche wie politische Teilhabe fördern und einen interdisziplinären, generationsübergreifenden Dialog anstoßen. Es wird ein Female-Netzwerk aus engagierten, klugen und inspirierten Frauen. Der Wille zur Kooperation sowie das gemeinsame Handeln ist das größte Anliegen von meiner Netzwerk-Partnerin Nicole Adler und mir.

Bist du selbst auch künstlerisch tätig?

Nein, das überlasse ich lieber den dafür Geborenen.

Für den zweiten WIENERIN Covermodel Day am 16.10.2020 kuratiert Ema Kaiser-Brandstätter einen Artwalk von Künstlerinnen zu den Themen Schönheit und Körper.

Das WIENERIN Covermodel hinterfragt seit über zehn Jahren das Klischee der makellosen Schönheit und ist aktueller denn je. Bewegungen wie Body Positivity und #metoo zeigen international, wie sehr Frauenkörper immer noch fremdbestimmte Objekte sind. Genau hier setzt der WIENERIN-Anti-Contest an: Diversität ist Programm, wenn sich Leserinnen jenseits von Alters- und Gewichtsvorgaben als Covermodel bewerben und somit sichtbarer Teil der WIENERIN werden. Die Gewinnerin ziert heuer das Dezember-Cover der WIENERIN.

 

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