„Ich bin nicht nur Feminist, sondern auch Sexist“

Der Autor Klaus Werner-Lobo sprach mit uns über Humor in der Krise, feministische Clowninnen und warum wir eigentlich alle SexistInnen sind.

Männer, die wir mögen: In unserer Rubrik "Hawara der Woche" stellen wir regelmäßig Männer vor, die sich für Gleichberechtigung und Frauenrechte einsetzen. Heute: der Autor und Aktivist Klaus Werner-Lobo.

"Der Narr, das ist einer, der eine der größten menschlichen Ängste verloren hat: die Angst vor der eigenen Lächerlichkeit. Durch das Annehmen der eigenen Schwäche und Verletzlichkeit befreit er sich von inneren und äußeren Zwängen, kann echte Verbindungen zu Mitmenschen aufbauen und selbstbewusst handeln. Wer sich nicht davor fürchtet sich lächerlich zu machen, wer nichts mehr zu verlieren hat, der fürchtet sich vor gar nichts mehr – kennt keine Angst vorm Scheitern, keine Scham und keine Konventionen. Und wer sich nicht fürchtet, der wird gefährlich. Deshalb bin ich Clown geworden."

Selbstironie als Waffe gegen Diskriminierung und als Mittel, um mit Krisen umzugehen: diese Botschaft vermittelt der AutorKlaus Werner-Lobo in seinem neuen Buch "Frei und gefährlich". Wir sprachen mit ihm über die Kraft des Humors und warum Frauen immer noch das Lustigsein abgesprochen wird.

In deinem Buch „Frei und gefährlich“ geht es um die Macht des Humors und Humor in der Krise. Ist Humor eine Strategie, um mit den derzeitigen weltpolitischen Entwicklungen umzugehen?

Klaus Werner-Lobo: Ja, das kann sie sein. Aber Humor kann auch verharmlosend sein, wie es oft im Kabarett der Fall ist. Oder die herabwürdigende Art von Humor, die manche pflegen – das zementiert Machtverhältnisse ein. Der Humor, der mir am besten gefällt, ist die Selbstironie. Das ist das Wesen guter Clowns. Einfachstes Beispiel: Judenwitze von Rechten sind etwas unglaublich Grausliches – der jüdische Witz, der jüdische Klischees auf die Schaufel nimmt und selbstironisch betrachtet, kann sehr heilsam sein. Guter Humor ist also entweder selbstironisch oder richtet sich gegen Machtverhältnisse – auf eine Art, in der es richtig unangenehm wird für Mächtige. Der kann dann tatsächlich etwas bewirken, weil er ermächtigt.

Ist es in diesem Kontext auch wichtig, wer spricht?

Natürlich. Clowns und Narren kamen in der Geschichte meistens aus der sozialen Unterschicht oder haben sich damit identifiziert. Sogar das Wort Clown kommt von „colonus“ – der Bauer.

Wie kann Lachen eine persönliche Coping-Strategie sein?

Lachen ist ein Mittel gegen die Angst. Und Macht funktioniert mit Angst, zum Beispiel mit der Furcht vor sozialem Abstieg oder dem Verlust von Anerkennung. Sobald ich darüber – also am besten über mich selbst - lachen kann, verliere ich einen Teil der Angst. Dann wird man aktionsfähig. Sobald man seine eigene Angst besiegt, kann man sich gegen Unterdrückungsmechanismen stellen.

Kann Humor auch eine Form des politischen Aktivismus sein?

Ich war selbst einige Jahre lang Politiker. Da wird sehr viel mit der Herabwürdigung des Gegenübers gearbeitet. Meine Ausbildung als Clown hat mir sehr geholfen, mit Beleidigungen humorvoll umzugehen. Es gibt auch viele politische Aktionsformen, die mit Humor arbeiten. Zum Beispiel die „Rebel Clowns“, die Polizistinnen und Polizisten Liebeslieder vorsingen und sie umarmen, was die natürlich irritiert. Außerdem schafft Humor auch Empathie und Solidarität.

Haben Clowns ein positiv besetztes Bild in der Öffentlichkeit?

Zur Zeit leider nicht. Die negative Verwendung des Clown-Begriffs für „dumme“ Menschen und die „Horror-Clowns“, aber vor allem die vielen schlechten, zwanghaft lustigen Clowndarsteller auf Kinderfesten usw. haben dem Image natürlich extrem geschadet. Gute Clowns dürfen ihre Emotionen nicht verbergen. Clowns haben in allen Kulturen immer alle menschlichen Emotionen gezeigt, auch jene, die gesellschaftlich sanktioniert sind – Trauer, Einsamkeit, unglückliches Verliebtsein, ausschweifendes sexuelles Verhalten. Wir lachen über Clowns im Normalfall nicht, weil sie lustig sind, sondern weil wir selbst unsere eigenen Schwächen, unser eigenes Scheitern, unsere eigene Lächerlichkeit und Verletzlichkeit in ihnen sehen. Sie zeigen uns Dinge, für die wir uns selbst schämen. Das verschafft uns Erleichterung. Auch über Charlie Chaplin lachen wir, weil er fällt, weil er scheitert, weil er Konflikte hat – und wir sehen unsere eigene Unfähigkeit, mit Herrschaft und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zurande zu kommen, in ihm.

Ein Thema in deinem Buch ist auch Sexismus. Immanuel Kant hat gesagt: „Lachen ist männlich, Weinen ist weiblich.“ Warum wird Frauen der Humor abgesprochen?

Das hat mit dem Patriarchat zu tun. Ich glaube, dass intuitiv erkannt wurde, dass Lachen mächtig macht – und im Patriarchat ist es nicht erwünscht, dass Frauen mächtig sind. Deshalb hat man das Lachen, so wie viele andere Machtinstrumente, den Männern überlassen. Guter Humor wird nach wie vor Männern zugeordnet und Frauen können angeblich „nicht lustig sein“. Frauen wird also auch heute noch nicht zugestanden, dass sie einen leichten, guten, selbstreflektierten Humor haben. In antiken Kulturen hat es viele weibliche Clowns gegeben, die mit Geschlechterrollen gespielt haben. Was eine Akzeptanz für Verhaltensweisen abseits sozialer Normen geschaffen hat. Eine der Wegbereiterinnen der modernen weiblichen Clowns ist Gardi Hutter, der die stereotypen Frauenrollen auf die Nerven gegangen sind. Sie hat sich daraufhin ihre eigenen Rollen auf den Leib geschneidert. Ihr berühmtestes Stück ist „Jeanne d'ArPpo - Die tapfere Hanna“, wo sie in der Rolle einer Wäscherin davon träumt, Jeanne d’Arc zu sein. Ein wahnsinnig witziges, berührendes und ermächtigendes Stück.

Ist es schwieriger, sich als Frau auf der Bühne emotional zu öffnen?

Ich denke, es ist für uns alle wichtig, dass wir unsere Verletzlichkeit zeigen. Auch als Feministinnen und Feministen. Das zeigt Gardi Hutter auch sehr gut, sie ist der Meinung, dass sie nicht „hart“ sein muss, um Feministin zu sein, dass sie ihre Verletzlichkeit nicht aufgeben muss. Im Gegenteil: als Clownin kann sie einfordern, die eigene Verletzlichkeit leben zu können und sich deswegen nicht klein machen zu lassen.

Wie bewertest du die österreichische Kabarettszene, was deren Sexismus und Frauenanteil betrifft?

Zum großen Teil ist sie männlich. Man ist leider in sehr vielen Bereichen der ökonomisch erfolgreichen Comedy-Szene noch immer sehr erfolgreich mit sexistischen Witzen. Dieses Lachen über Andere, die noch dazu in der sozialen Hierarchie die Schwächeren sind, ist unangenehm und entbehrlich.

Haben wir gelernt, über Sexismus zu lachen?

Ja. Wir haben zum Beispiel gelernt über Männer zu lachen, die sich als Frauen verkleiden und sich als „dumm“ und unfähig darstellen. Du lernst, in diesen Hierarchiestufen zu überleben, indem du nach unten trittst und nach oben buckelst.

Würdest du dich als Feminist bezeichnen?

Ja, sicher. Ich leide mit, wenn es anderen schlecht geht und ich leide auch selber unter den zugeschriebenen Mann-Frau-Rollen. Das Patriarchat beeinflusst unsere zwischenmenschlichen Beziehungen massiv. Ich würde mich nicht nur als Feminist bezeichnen, sondern ehrlicherweise auch als Sexist. Weil ich, so wie wir alle, sexistisch sozialisiert wurde. Feminismus bedeutet für mich, dass ich mich damit auseinandersetzen muss, weil es eine Aufgabe von uns allen ist für Gleichstellung zu sorgen. Damit wir einander als Menschen empathisch und sensibel begegnen können. Dieses Machtgefälle macht unsere Beziehungen unmöglich und unglücklich. Ich bin als weißer Hetero-Mann gesellschaftlich auf der Gewinnerseite. Aber wenn wir erkannt haben, dass es eine Ungleichverteilung von Macht gibt, dann müssen wir denen, die zu viel davon haben, etwas wegnehmen – also als Privilegierte auch etwas hergeben. Das ist automatisch ein Konflikt – nicht nur mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern auch mit sich selbst. Gute Clowns stehen permanent auch mit sich selbst und der eigenen Unzulänglichkeit im Konflikt und tragen diesen offen aus. Darüber lachen wir, weil wir in ihnen die eigene Widersprüchlichkeit erkennen.

War Sexismus in deiner parteipolitischen Zeit und Arbeit bei den Grünen ein Thema?

Ja, sicher. Als politisches Thema ist es präsent gewesen, aber auch bei innerparteilichen Machtkämpfen. ­­Ich habe zum Beispiel einmal thematisiert, dass in Wien nur 8 Prozent der Straßennamen nach Frauen benannt sind. Ich habe gefordert, ein Gesetz zu verabschieden, dass wenigstens die Hälfte der Neubenennungen nach Frauen erfolgen soll. Zunächst hat mich mein Gegenüber von der SPÖ des Stalinismus bezichtigt. Es haben aber dann alle Parteien zugestimmt.

Zur Person

Klaus Werner-Lobo lebt als Autor und Persönlichkeitstrainer in Wien. Er hat mehrere Bücher über Globalisierung und Menschenrechte verfasst, war Landtagsabgeordneter und leitet nun Clownworkshops, die die Akzeptanz der eigenen Lächerlichkeit und des Scheiterns zum Ziel haben. Soeben erschien „Frei und gefährlich – Die Macht der Narren“.

Infos: www.klauswerner.com

 

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