Ich bin dagegen!

Gegen den Mainstream zu schwimmen, ist der neue In-Sport. Längst sind es nicht mehr nur ein paar Alternative, die „Da mach ich nicht mit!“ skandieren. Auch (Hollywood-)Stars erheben ihre Stimmen. Wer aufs System einprügelt, wie Aktivisten plötzlich selbst berühmt werden und wie Roland Düringer sich für die Welt von morgen wappnet, lesen Sie hier.

Der Roland Düringer ist ein bisserl schwer zu erreichen", seufzt die Managerin des Öko-Kabarettisten auf unsere Interview-Anfrage. „Er hat ja kein Handy und kein E-Mail mehr und gräbt am liebsten im Garten herum." Eine knappe Woche und mehrere elektronische Kommunikationsversuche später ruft er dann aber doch zurück - „von einem ­Handy, das nicht mir gehört", wie der prominente Gegen-den-Strom-Schwimmer betont.

Der bald 50-jährige Düringer hat den Stecker aus der Matrix gezogen, wohnt in einem 28-Quadratmeter-Wohnwagen außerhalb der Bundeshauptstadt - mit Photovoltaik-Anlage und Kompost-Toilette. „Für viele bin ich jetzt ein Narr, aber auf lange Sicht bin ich ein Gewinner", prophezeit der Aussteiger. Denn: „Die Systeme werden zusammenbrechen."

Klasse statt Masse

Mit dieser Einstellung ist Roland Düringer nicht allein. Im Gegenteil. Immer mehr Menschen zeigen Massengeschmack und -kompatibilität den Mittelfinger und verkünden: „Da mach ich nicht mehr mit." Und es geht ihnen bei ihren alternativen Lebensentwürfen längst nicht mehr nur um den Schutz der Umwelt. Sie positionieren sich zunehmend gegen alles, was unter „allgemeiner Durchschnitt" läuft - seien es Mainstream-Medien, -Kultur oder -Lifestyle. Der Satz „You're so mainstream" gilt an US-Highschools mittlerweile als schlimme Beleidigung.

Jede große evolutionäre Entwicklung erzeugt automatisch kleinere Gegenströmungen", erklärt der Wiener Zukunftsforscher Harry Gatterer die Auszucker der (Wut-)Bürger. Das war immer schon so und wird immer so sein. Doch eines ist anders:

Durch die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien, Social-Media-Plattformen und die Sucht nach Neuigkeiten trifft uns der weltweit organisierte Mainstream mit einer nie da gewesenen Wucht.
von Harry Gatterer, Zukunftsforscher

Global agierende PR-Profis, Lobbyisten und Thinktanks spielen ihre kommunikative Potenz voll aus und pressen ihre Einheitsbotschaften in jeden noch so privaten Lebensbereich.

Diese Überpenetration erzeugt bei immer mehr Menschen einen heftigen Widerwillen, der sich in Alternativ-Bewegungen entlädt. Die Gegenwehr organisiert und vermehrt sich - meist doch wieder online, unabhängig vom Agenda-Setting der Mainstream-Medien - und verschafft sich dadurch weit mehr und schneller Gehör, als dies früher möglich war. Die Geschwindigkeit der Verbreitung steigt dadurch rasant. „Die Hippies haben Woodstock gebraucht, um eine weltweite Strahlkraft zu erzeugen", erinnert sich Gatterer. „Occupy Wallstreet stellt dagegen schnell mal ein paar Zelte auf - und das reicht für eine globale Ansteckung."

Immer natürlich bleiben

Besonders die großen Triebfedern des Mainstreams - Urbanisierung, Zentralisierung und Digitalisierung - stoßen vielen sauer auf. Die größte „Gegen-Bewegung" ist dabei die Abkehr von der urbanen, technisierten Lebensweise. Trendforscher Gatterer erklärt unser Unbehagen so:

Wir sind physische Wesen, brauchen Rhythmen, Lernphasen und Pausen. Aber die komplexe Technologie erzeugt den Druck, immer funktionieren zu müssen.
von Harry Gatterer, Zukunftsforscher

Als Konsequenz wächst das Verlangen nach dem entschleunigten Sein am Busen der Natur. Ausgebrannte wollen raus aus dem Hamsterrad - und trauen sich auch. Gatterer analysiert: „Den Menschen wird plötzlich klar, dass der Ausstieg eine wirkliche Option ist."


Die zweite Motivation, sich abzukoppeln, ist die Sorge, dass „das System", also der durch Staat und Wirtschaftstreibende organisierte Zugang zu Strom, Wasser und Nahrung, irgendwann zusammenbricht und nur diejenigen überleben, die sich selbst versorgen können. Eine abgeschwächte Variante ist der Wunsch, sich nicht an Raubbau und Konzerndenken zu beteiligen.

So, wie ich die Welt sehe und erkenne, ist sie nicht, wie uns die Mainstream Medien es vorgaukeln. Ich verstehe die Machtspiele dahinter, weil ich meine verdammten Augen offen habe.
von Michael Parenti
Ich gehe in keine Supermarkt-Ketten. Ich habe kein Auto. Ich baue mein eigenes Gemüse an. Ich bin ausgestiegen. Ich will kein Blut an meinen Händen kleben haben durch die Dinge, die ich mache.
von Michael Parenti
„Back to Basic“! Anhänger entscheiden sich für ein Leben außerhalb der Norm, lehnen etwa große Stromanbieter ab und propagieren Entschleunigung und Erdung in der Natur.

Ikonen. Philosoph Jean Jacques Rousseau forderte zu Zeiten der Industrialisierung die Rückkehr zur Natur. Der Salzburger Leopold Kohr, Roland Düringers Lieblingsautor, war Anarchist und Vordenker der Umweltbewegung. 1983 erhielt er den „Alternativen Nobelpreis“.

NEO-PROMIS. Die Briten David Mayer de Rothschild und Ben Fogle wurden mit medial begleiteten „Rettet die Welt“-Aktionen berühmt.

Alternativ-VIP. Prominente Nein-Sager sind etwa Kabarettist Roland Düringer, Musiker Thomas D, Hollywood-Regisseur Tom Shadyac (Bruce Allmächtig) und Aktrice Daryl Hannah (Kill Bill ).
Etablierte Medien gelten als böse „Systemgehilfen“. Viele betätigen sich selbst als „Citizen Journalists“ und Blogger.

IKONEN. Der WikiLeaks-Gründer Julian Assange ist DIE Ikone der Bewegung, die durch weitere Initiativen wie Anonymous und ­Occupy Wallstreet gestützt wird. Als Vorreiter gilt auch Dokufilme­macher und Systemkritiker Michael Moore.

NEO-PROMIS. Die Chefin der isländischen Piratenpartei, Birgitta Jónsdóttir, die journalistischen Aktivistinnen Alexa O’Brien (USA, Interview auf Seite 42) und Asher Wolf (Australien), Guardian-­Autor Glenn Greenwald oder „Artivist“ Michael Parenti (USA/Wien).

CELEBS Against MM. John Cusack und Rosie O’Donnell.
Für „die Antis“ ist alles, was in ist, automatisch out. Und weil den Mainstream zu hassen gerade populär wird, fangen die ersten „Antis“ schon wieder an, ihn zu lieben.

IKONEN. Ober-Anti Christopher Hitchens diffamierte die ganz Großen: Gott, Mutter Theresa und Lady Diana. Und für Regisseur Lars von Trier ist die Kontroverse von jeher (Film-)Programm.

NEO-PROMIS. Finanz-Analyst Paul Krugman bringt für die New York Times etwas Spannung ins trockene Zahlenspiel. Und die Wiener Künstlergruppe Gelatin skandaliert erfolgreich – aus Prinzip.

VERY IMPORTANT PROTEST. Juliette Lewis, Joaquin Phoenix, Viggo Mortensen und Shia LaBeouf sind „dagegen“. Gegen was? Das wechselt manchmal sogar wöchentlich.
Und für jede Alternative gibt es Prominente, die diese propagieren. Während Roland Düringer auf www.gueltigestimme.at über seinen Selbstversuch sinniert, informiert Bio-Kollege und Musiker Thomas D demnächst im ARD-Format Wissen vor acht - Natur über „unsere Umwelt, Pflanzen und Tiere - und wie wir diese schützen können". Privat lebt er auf einem abgelegenen Gut in der Eifel. Hollywood-Regisseur Tom Shadyac geht noch ein bisserl weiter: Er gab seinen Millionen-Besitz auf, spürte in seiner erfolgreichen Doku I AM dem Sinn des Lebens nach und fährt nur noch mit dem Rad. Ganz im Sinne von Daryl Hannah: Wenn sie nicht dreht, residiert sie in einem zum Öko-Paradies umgestalteten Hof in den Rocky Mountains - „off the grid", also ohne Strom- oder Wasseranschluss.

Hollywut

In Hollywood war es schon immer hip, gegen den Mainstream zu schwimmen. Wie auch sonst soll(te) man in der Traum­fabrik, in der alle schöner und ­reicher sind, noch auffallen und auf der ­Bedeutungsskala ein paar Plätze gut­machen? Ganz schlaue VIPs sind grundsätzlich gegen alles, was die Mehrheit gut findet. Die Kontro­verse ist ihr liebster Medien-Move, das ­Anderssein proklamierter Lebensstil. Diese Strategie fahren Größen wie Viggo Mortensen und Joaquin Phoenix: Ist die US-Regierung dafür, sind sie dagegen - „aus Prinzip".

Differenzierter geht da Schauspieler John Cusack vor, der sich „nur" gegen die Mainstream-Medien stellt. Er traf sich mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange in dessen Londoner Fluchtburg, der ecuadorianischen Botschaft, und engagiert sich nun als Gründungsmitglied für die Freedom of the Press Foundation, die sich der Verteidigung der Pressefreiheit verschrieben hat. Damit ist er, der schon länger keinen Kinohit mehr hatte, wieder in die Schlagzeilen gekommen. Denn er trifft einen Nerv der Zeit: Das Misstrauen den etablierten Medien gegenüber steigt. Hardcore-Verschwörungstheoretiker ­vertrauen mittlerweile den Meldungen anonymer Blogger, die ihre mitunter gar nicht nicht ­verifizierten ­Interpretationen des ­Weltgeschehens in die Welt schicken, mehr als der New York Times.

Natürlich gibt es auch wahre Ikonen des „Wahrhaftigkeitsjournalismus" - wie den US-Journalisten Glenn Greenwald, der als Blogger auf salon.com begann, vom britischen Guardian als Autor verpflichtet wurde und kürzlich den Abhörskandal des US-Amerikanischen Geheimdienstes NSA aufdeckte.

Im Zuge der großen Mainstream-Media-Skepsis werden auch Menschen berühmt, die sich aus Überzeugung gegen „die da oben" stellen und sich - vor allem über Twitter - eine solide Fanbase erarbeitet haben. Eine von ihnen ist die US-amerikanische Journalistin und Aktivistin Alexa O'Brien, die als wichtigste Expertin zum US-Prozess gegen den US-Soldaten und Whistleblower Bradley Manning gilt und mit ihrem Wissen die Vertreter großer Medien wie New York Times oder Washington Post weit hinter sich lässt (Das Interview mit ihr finden Sie hier).

Ebenfalls auf dem Weg zu Popularität ist der US-Amerikaner mit Wohnsitz Wien Michael Parenti. Als @exiledsurfer tweetet er Wissenswertes und Philosophisches rund um „alles, was gegen das System spricht". Er arbeitet auch an einem Projekt mit der virtuellen Währung BitCoin und gehört zum Dunstkreis der Aktivisten- und Expertenriege rund um Wikileaks. Auf Twitter folgen ihm rund 11.000 Menschen. Warum er gegen Mainstream-Medien ist: „Jede Richtung der Kunst und des Journalismus ist belegt mit einer Meinung. Es gibt immer eine Agenda. Ich aber möchte in meiner Meinung frei bleiben, und das geht eben nur online." Nachsatz:

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Allein, dass er dies tut, nämlich seien Meinung zu vertreten, sei bereits Anti-Mainstream. „In der österreichischen Gesellschaft gilt das bereits als kontrovers. Obwohl ich eigentlich nichts gegen den Mainstream per se habe. Nur dort, wo etwas falsch läuft."



Parenti verbindet seine Abneigung gegen alles, was falsch läuft, mit einem Lebensstil, der dem von Kabarettist Roland Düringer nicht unähnlich ist:

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Willkommen im Club

Viele der Neo-Promis diverser Gegenbewegungen geben sich gern als Aufmerksamkeitsskeptiker. Andere nehmen ihren neu erworbenen VIP-Status hingegen freudig an. Der britische Millionenerbe David Mayer de Rothschild etwa inszeniert sich gekonnt als medienscheuer Naturbursche - jedoch mithilfe der Presse - und schleppte bereits so manche Hollywood-Schöne ab. Sein Landsmann Ben Fogle lässt Frauen- und Sponsorenherzen höherschlagen, wenn er sich mit aufgestelltem Kragen und Mikrofon gegen den Wind stellt und für Channel 5 über New Lives in the Wild berichtet. In Interviews preist er „das wilde Ideal außerhalb der Strukturen" an. Danach geht er gern mit Prinz William essen.

Kreislauf

Wirklich bewegt wird am Ende nur eines: Sinnvolle Gegenbewegungen und alternative Modelle werden zu einer allgemeinen Strömung, zum Massenphänomen. „Ein Gegentrend kann die Gesellschaft zwar ein wenig verändern", weiß Zukunftsforscher Harry Gatterer, „aber dann wird er immer von ihr geschluckt." Selbst die Guy-Fawkes-Maske, lange Symbol für den alternativen Widerstand der Generation Anonymous, verkommt langsam zum Faschingsartikel.


Gut möglich also, dass der Anti-Mainstream bald der neue Mainstream ist. Und dass sich Menschen künftig etwa bewusst in konformistische Lebenskonzepte pressen, nur um der allgemein verordneten Individualität zu trotzen. Und dann geht wieder alles von vorne los ...

 

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