Ich bin ausgestiegen und hab mich selbst gefunden

Silke war erfolgreiche Projektmanagerin, bis sie entschloss, auszusteigen - seitdem lebt sie ohne fließend Wasser und Strom in einem Wohnwagen. Wie sie das verändert hat, hat sie Melanie Pignitter von honigperlen.at erzählt.

Silke hat ihren Lebenstraum vom Aussteigen verwirklicht. Nach einer Karriere als IT-Trainerin und Projektmanagerin verabschiedete sich von gesellschaftlichen und materiellen Standards und lebt seither mit der Natur vereint in einem Wohnwagen, der halb so groß ist wie das durchschnittliche Wohnzimmer eines Mitteleuropäers.

Seit Sommer 2016 lebst du deinen Minimalismus voll aus. Was hat dich dazu bewegt dich von den in unserer Gesellschaft weit verbreiteten Materialismus zu entfernen?

Ich habe mich lange auf das Aussteigen vorbereitet! Begonnen hat alles mit der Idee, meine Lebensmittel nicht mehr vorwiegend im Supermarkt einzukaufen. Ich gründete eine Lebensmittelkooperative, die ihre Lebensmittel regional und saisonal bei Bauern ihres Vertrauens kauft. Dadurch änderte sich mein Konsumverhalten enorm. Der bewusste Umgang mit den Lebensmittel übertrug sich mehr und mehr auch auf andere Lebensbereiche.

Silke aussteigen

Mein grundsätzlicher Beweggrund war mit Sicherheit auch meine spirituelle Lebenseinstellung. Mir wurde bewusst, dass ich ohnehin in Fülle lebe und dass der Sinn meines Lebens nicht darin bestehen kann, mich für Wohnraumkosten und Energiekosten täglich abzuschuften. Ich möchte das tun, was ich gerne mache und vor allem Zeit für mich haben.

Wie kann man sich deinen Alltag vorstellen? Auf was außer einer warmen Wohnung verzichtest du noch?

Ich wohne in einem Wohnwagen, der kein fließend Wasser hat – ich verzichte also auch auf die warme Dusche auf Knopfdruck. Wasser wird am Gasherd gewärmt und dann in einen Kanister umgefüllt. Das Wasser selbst hole ich mit Kanistern vom Brunnen. Strom liefert mir eine kleine Solarpaneele.

Mein Kleiderschrank ist ungefähr so groß wie dein Nachtkästchen. Du kannst dir wahrscheinlich kaum vorstellen, wie einfach es dadurch für mich ist, etwas Passendes zum Anziehen zu finden!

Du sagst das Aussteigen und in Folge der Minimalismus haben dich wieder zu dir selbst geführt. Wie hast du auf diesem Weg dich selbst gefunden?

Ich habe mich selbst schon lange nicht mehr so sehr gespürt! Wenn du erst das Wasser warm machen musst, um zu duschen, mit deinem Strom haushalten musst und nicht einfach alles auf Knopfdruck und mit einer Selbstverständlichkeit funktioniert, kommst du in eine hundertprozentige Selbstverantwortung für alles, was du möchtest. Dadurch führt mich meine Lebensart und Weise immer wieder zu mir selbst. Ich habe alles in der Hand und darf jeden Tag selbst entscheiden, was ich wirklich möchte und was mir selbst wirklich wichtig ist.

Wie geht es in Folge mit dir und deinem minimalistischen Leben weiter – welche Pläne gibt es?

Das Leben im Wohnwagen ist nicht mein Endziel. Es unterstützt mich lediglich auf meinem Weg. Ich baue mir für die Zukunft ein autarkes Holzhaus auf Rädern (Tiny-House), in dem ich ab Sommer 2017 leben möchte. Auf kleinem Raum – ca. 30 m²- und nur auf das Wesentliche konzentriert, lebe ich damit „fast“ in Einheit mit der Natur. Ich sehe es als meine Höhle, in die ich mich beispielsweise bei schlechtem Wetter zurückziehen kann.

Grundsätzlich aber werde ich mich hauptsächlich im Freien aufhalten. Auch die Küche wird sich im Outdoorbereich befinden. Dabei ist es mir wichtig, so ökologisch wie möglich zu bauen und damit autark zu sein. Ich werde weder einen Wasseranschluss noch einen Stromanschluss im klassischen Sinne haben.

Gibt es etwas Materielles, das du dennoch vermisst?

Ich habe über diese Frage lange nachgedacht. Was ich derzeit vermisse, ist die Möglichkeit immer und ohne vorher überlegen zu müssen, ob mir genügend Akkulaufzeit zur Verfügung steht, Musik zu hören. Aber auch dieser Nachteil wird sich aufheben, sobald ich in mein Tiny House einziehe.

So minimalistisch man auch lebt, einen gewissen Lebensunterhalt benötigt man trotzdem. Wovon lebst du?

Ich lebe von meiner Leidenschaft,der Fotografie. Ich liebe es, mit Menschen zusammen zu arbeiten und diese in Bildern einzufangen. Am liebsten fotografiere ich Kinder, Babies oder Familien. Aber auch Menschen, die ihre Berufung leben.

Gibt es eine Botschaft, die du in Welt hinausrufen möchtest?

Lass los von Dingen, die dir nicht dienlich sind, sei integer zu dir selbst und lass es dir gut gehen!

Melanie Pignitter ist 32 Jahre alt und lebt in Wien. Sie war Verkaufs- und Kommunikationstrainerin, Personalcoachin und bietet Mentaltrainings an.

Seit einer Erkrankung mit chronischem Kopfschmerz hat sie ihr Leben umgekrempelt und erzählt auf ihrem Blog honigperlen.at vom Leben und Lieben und porträtiert starke Frauen wie Silke.

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog honigperlen.at. Wir freuen uns, ihn auch auf wienerin.at veröffentlichen zu dürfen.

 

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