#ibizagate: Ein Polit-Skandal in Memes, Tweets und Analysen

Der Skandal rund um das am Freitag veröffentlichte Ibiza-Video hat Österreich am Wochenende erschüttert. Die österreichische Twitteria lässt sich von Märtyrer-Rhetorik, Schweige-Strategie und falscher Reue nicht lumpen und zeigt auf unterschiedliche Weise, wie man mit den Ereignissen der letzten Stunden umgeht.

Politskandale scheinen in Österreich fast schon zyklisch zu passieren. Dass man hierzulande also schon entsprechende Schutzmechanismen für schlagartig einsetzende Momente der Verzweiflung parat hat, um mit beschämenden demokratiebedrohenden Entwicklungen fertig zu werden, dürfte eigentlich niemanden mehr verwundern.

In Momenten der Schweigestunden der ÖVP, dem skurrilen "Reue"-Auftritt des Heinz-Christian Strache und der fast schon Phönix-aus-der-Asche-artigen Inszenierung des Sebastian Kurz hat das Internet gezeigt, dass es sich von kluger Polit-Darbietung und Opferlamm-Rhetorik aber nicht lumpen lässt.

Akt 1: Der Humor

Humor ist freilich ein gutes Ventil, um seinem Ärger in Stunden der Fassungslosigkeit Luft zu machen. Und das Wochenende hat gezeigt: das Internet enttäuscht nicht. Zahlreiche Memes entstanden in Reaktion auf das Strache-Video - viele davon sind zum Lachen, andere offenbaren gar hellseherisches oder poetisches Potenzial.

Stunden vor der Ausstrahlung der letzten "Game of Thrones"-Folge muss man nach Referenzen auf die Erfolgsserie freilich auch nicht lange suchen. Kurz als mächtige Herrscherin Cersei, die schweigend von ihrem Turm aus das Gemetzel beobachtet, das hätten sich selbst die Macher von "Game of Thrones" nicht besser ausdenken können.

Akt 2: Die Analyse

Trotz der "lustigen" Memes hat der Skandal einen ernsten Hintergrund, den man auch auf Twitter so schnell nicht vergisst. So wurde die kluge Inszenierung des Kanzlers in der Prime-Time im Netz schnell entlarvt. Ein Wahlkampfauftakt live in der wichtigsten Nachrichtensendung des Tages - und das ganz ohne kritische journalistische Nachfragen? Das sei keine anständige Reaktion - sondern schmutzige Taktik, urteilen viele NutzerInnen.

Dass sich der Bundeskanzler nach einem derartigen Polit-Skandal 48 Stunden bitten lies, ein Statement zu geben, sorgte in den sozialen Medien ebenfalls lange für Unmut - seinem Spitznamen "Schweigekanzler" mache Kurz damit alle Ehre.

Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl nahm Kurz' Rede im Anschluss an den Live-Auftritt genauer unter die Lupe. In einem Thread dekodierte sie die Rhetorik des Kanzlers, und zeigte, wie Kurz mit Sprachbildern bewusst seine Leistungen in den Vordergrund stellte und seine eigene Verantwortung als Macher von Türkis/Schwarz-Blau zu verneinen versuchte.

In ihrer Analyse spricht sie von einem "Nebeneinander von einschmeichelnder Bescheidenheit und narzisstischer Selbsterhöhung". "In diesen dunklen Zeiten ist er das Licht. Pathos pur", resümiert Strobl in ihrem Thread und erkennt in der Rede gleich mehrere religiöse Anspielungen.

Ebenfalls für Kopfschütteln sorgten die Reaktionen der FPÖ im Netz. Statt Einsicht oder Reue plakatieren die Blauen getreu in Wahlkampfmanier "Jetzt erst recht" und schießen sich auf Kurz' Machtversessenheit ein (dieser zog, das bestätigen mehrere FPÖ-PolitikerInnen, eine mögliche Forsetzung der Koalition in Betracht - hätte Herbert Kickl seine Position als Innenminister geräumt).

Akt 3: Der Ausblick

Nach einem ereignisreichen Wochenende blickt das Internet freilich nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch auf das, was in den nächsten Wochen noch kommen wird. Runde Tische, Duelle und Wahlkampf-Geplänkel - die nächsten Wochen werden politisch höchst brisant.

Auch die Frage, wer denn nun wirklich für das Video verantwortlich ist, wird den Wahlkampf der nächsten Wochen wohl stark prägen. Die FPÖ dürfte die Frage nach dem Drahtzieher des Videos wohl weiterhin nutzen, um vom eigentlichen Inhalt abzulenken. Kurz und Strache zeigten außerdem bereits in den vergangenen Pressekonferenzen, wem sie die Verantwortung umhängen wollen: Tal Silberstein und der SPÖ.

Wie weit die beiden Parteien mit dieser vielfach als antisemitisch kritisierten Theorie kommen, bleibt fraglich. Letztlich dürfte auch Satiriker Jan Böhmermann bei der ganzen Sache ein Wörtchen mitzureden haben.

Der Deutsche, der in seiner Dankesrede bei der Romy-Verleihung im April schon von russischen Oligarchen auf Ibiza sprach, postete vor wenigen Stunden einen Link auf Twitter, der auf weitere Enthüllungen im Laufe der nächsten 48 Stunden hoffen lässt. Was mit den Worten "Do they know its Europe?" gemeint ist, dürfte nicht nur bei aufmerksamen ZuschauerInnen sondern auch bei den Parteien für hitziges Rätselraten sorgen. "House of Cards -Edition Österreich" könnte also schon bald in die nächste Staffel gehen.

 

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