House of Gucci: Zwischen Mode, Mord und Patriarchat

In House of Gucci spielen Lady Gaga und Adam Driver das Society-Paar Patrizia und Maurizio Gucci, dessen märchenhafte Liebesgeschichte mit einem Mord endete. Unter der Regie von Ridley Scott wird aus dem Drama eine rasante Gesellschaftsgroteske.

House of Gucci sehenswert?

"Gucci-Mord: Die schwarze Witwe steht vor Gericht", titelte die New York Times im Mai 1998. Ganz Italien war in Aufruhr, ebenso die internationale High Society, in der sich das Ehepaar Gucci bewegt hatte. Der Mord an Maurizio Gucci war ein Skandal – und Anlass für die Medien, jenes Geflecht aus wirtschaftlicher Un­fähigkeit, Machtbesessenheit und Illoyalität aufzudecken, das die Gucci-Familie seit Jahrzehnten gesponnen hatte. Maurizio war der Enkel von Guccio ­Gucci, dem Gründer des traditionsreichen Mailänder Modehauses, dessen Söhne Rodolfo und Aldo sich bereits zerstritten hatten. Eine Generation später war der Familienfrieden noch brüchiger, beschuldigt wurde jedoch Maurizios Witwe Patrizia Reggiani, den Mord an ihrem Ex-Mann in Auftrag gegeben zu haben. Es war einer der aufsehenerregendsten Mordfälle der 1990er-Jahre; nicht nur, weil er in der Modewelt geschah, zwischen Bergen von Designerkleidung und schmutziger Wäsche.

HOUSE OF GUCCI:

Als Patrizia Reggiani in das Modehaus Gucci einheiratet, ist ihr Geschäftssinn eine Riesenchance für das strauchelnde Unternehmen. Doch Patriarchat und Standesdünkel verhindern Großes – mit tödlichen Folgen. Start: 2. 12.

Signore e Signora Gucci

Schon mehrere Dokumentarfilme haben sich mit dem Fall befasst, nun hat sich Hollywood hinter den Stoff geklemmt: Für Ridley ScottsHouse of Gucci standen noch im Frühling dieses Jahres Lady Gaga und Adam Driver vor der Kamera, an Originalschauplätzen in Mailand, Como und Rom. Seit dem Setfoto im Schnee, das Gaga Anfang März mit dem Kommentar "Signore e Signora Gucci" auf Instagram gepostet hatte, war die Gerüchteküche um den Film kaum zur Ruhe gekommen – zu verboten mondän ist Gagas Pelzhaube, zu zünftig Drivers ­­Zopfmusterpulli. Natürlich muss ein Film rund um das Modehaus Gucci sensationell aussehen – doch in House of Gucci spielt die Mode nur eine Nebenrolle.

Staraufgebot

Die Produktionszeit des über zweieinhalbstündigen Films war rekordverdächtig kurz, dafür hat sich Scott einiges an Freiheiten erlaubt, obwohl das Drehbuch auf Sara Gay Fordens ordentlich recherchiertem Bestseller Gucci: Mode, Mord und Business (2001) beruht. "Inspiriert von der wahren Geschichte" ist dem Film vorangestellt, geworden ist es eine Krimigroteske und zugleich ein wildes Sittenbild zwischen Ehedrama und Fashionmafia-Satire.

Besonders die Besetzung macht Riesenspaß: Lady Gaga hat sich in vollem Bewusstsein ihres italienischen Erbes einen breiten Akzent angeeignet, sie spielt Patrizia als White-Trash-Mädchen, das sich zwischen Truckern wohler fühlt als bei ihrem Schwiegervater Rodolfo (Jeremy Irons) am Mittagstisch. Adam Driver, der mit ­seinem dunklen Schopf und der langen Nase sofort als italienischer Aristokrat durchgeht, spielt den jüngsten Spross der Mode-Monarchie ­Gucci als schlaksigen Upperclass-Sohn, der in der jungen Frau zunächst endlich eine Fluchtmöglichkeit vor seiner lieblosen Familie sieht, allen voran seinem Vater Rodolfo, der in seiner abgedunkelten Villa wie in einem Mausoleum für Maurizios verstorbene Mutter lebt. Al Pacino spielt Maurizios Onkel Aldo Gucci als jovial-mafiösen Unternehmer mit Spitzbauch und fettigem Haar, Jared Leto übertreibt die Darstellung von dessen unfähigem Sohn Paolo dermaßen, dass seine Auftritte im Nylon-Trainingsanzug zu Zirkusnummern geraten.

Schönheit, Reichtum, Macht

Im Vergleich zu diesen Witz­figuren wirkt die Herkunft von Patrizia Reggiani als Tochter eines Transportunternehmers solide, dabei war sie das der offiziellen Geschichtsschreibung nach ganz und gar nicht: Maurizio und Patrizia stammten aus gegensätzlichen Gesellschaftsschichten, begonnen hatte ihre Liebe als eine moderne Aschenputtel-Story. Patrizia, die erst mit zwölf von ihrem Stiefvater adoptiert wurde, hatte sich Anfang der 1970er-Jahre als Partygirl in die Mailänder Oberschicht gedrängt. Beim Ausgehen war ihr der fesche Gucci-Erbe und angehende Anwalt Maurizio aufgefallen. Sie umwarb ihn hartnäckig, bis er ihr endlich einen Heiratsantrag machte. Der Name Gucci stand für Schönheit, Reichtum, für Stil und Macht – alles, was Patrizia sich wünschte. Glücklich hat er sie jedoch nicht gemacht.

Die echte Patrizia Reggiani ist nach ihrer Verurteilung und fast 20 Jahren Gefängnis inzwischen wieder frei. Gerüchten zufolge wird sie in Mailand immer wieder auf der Straße gesehen, mit einem Papagei auf der Schulter. Mit ihrer Besetzung durch Lady Gaga ist sie Interviews zufolge sehr zufrieden: "Sie sieht mir wirklich ähnlich", so Reggiani. "Es ärgert mich nur, dass sie nicht zu mir gekommen ist und mich gefragt hat, wie das damals wirklich alles war."

 

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