Hört auf, uns billigen Pop als Frauenpower zu verkaufen!

Ähnlich wie "Ain't your Mama" von Jennifer Lopez wird auch Fergies neuester Song als Frauenpower gefeiert.

Nachdem uns die Spice Girls und ihre Girlpower Ende der 90er wieder alleine dem Patriarchat überlassen haben, ist Feminismus die vergangenen 3 Jahre wieder merkbar in die Mainstream-Popkultur eingezogen. Höhepunkt und wohl auch Startschuss dieser Bewegung war Beyoncé, die 2013 während der Mrs. Carter World Tourvor riesigen "F E M I N I S T"-Lettern getanzt hat und Zeilen der nigerianischen, feministschen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie in die mittlerweile kultige Hymne "Flawless" eingebaut hat. Abgesehen von ein paar Ausreißern wie Meryl Streep (WHY MERYL WHY?) und Marion Cotillard, gehört es in Hollywood mittlerweile fast zum guten Ton, sich als Feministin zu bezeichnen. Stimme einer jungen, feministischen Generation ist allen voran Serienmacherin Lena Dunahm, Liebkind der Millenials, die auch den feministischen Newsletter LennyLetter herausgibt. Emma Watson ist überhaupt UN-Botschafterin für Mädchen- und Frauenrechte und spricht durch die Kampagne "HeForShe" regelmäßig zu politischen Frauenthemen. Aber auch von Jennifer Lawrence, Amy Schumer, Ariana Grande, Amy Poehler und Tina Fey kann man kritische Statements zu ungleicher Bezahlung oder der Doppelmoral, der Frauen in der Öffentlichkeit genügen müssen, erwarten. Auch in der Werbung gibt es einen merkbaren Trend zu "Femvertising": Immer mehr Marken schmücken sich lieber mit Frauenpower denn mit Rollenklischees.

Die Linie zwischen Kommerz und Politik ist schmal

Feminismus ist also wieder zum Modeding geworden, und solange mit Girlpower noch halbwegs kritisch umgegangen wird, ist das auch gut. Mit dem Einzug in den Mainstream kommt naturgemäß ein wenig Abflachung daher: An Differenziertheit kann ein Musikvideo oder eine Waschmittelwerbung mit dem traditionellen, sehr akademischen Diskurs klarerweise nicht mithalten. Das ist auch nicht die Aufgabe von Popkultur, dennoch prägen die Bilder, mit denen wir täglich konfrontiert sind, unsere Gedanken. Angesichts dessen ist es uns allemal lieber, ein Comedyclip plädiert für faire Bezahlung oder ein Musikvideo thematisiert Polizeibrutalität gegen Schwarze, als dass die immergleichen sexistischen Klischees reproduziert werden.

Fergies neuestes Video ist pseudoempowering: "M.I.L.F.$."

Doch die Linie zwischen kritischer Popkultur und dem reinen Instrumentalisieren von Feminismus ist eine schmale. In letzter Zeit fällt auf, dass in Überschriften die Worte "Empowering" und "Feminismus" ziemlich inflationär verwendet werden. Bestes aktuelles Beispiel ist Fergies neue Single "M.I.L.F.$". Das Akronym heißt angeblich "Mother's I'd Like to Follow", spielt aber eigentlich mit dem durch American Pie verbreiteten Ausdruck "Mom I'd Like to Fuck". Mit der Botschaft, dass auch Mütter sexuelle Wesen sind, können sich durchaus auch Feministinnen anfreunden: Es bricht mit der patriarchalen Denke, dass Frauen immer entweder nur Heilige oder Hure sein können, unschuldige Jungfrau, liebevolle Mutter oder Femme Fatale. Mit der eher billigen, gewöhnlichen Bildsprache hingegen ist es schwieriger, sich anzufreunden: So ziemlich alle berühmten Hollywood-Mütter, die allesamt konventionellen Schönheitsidealen entsprechen, tragen Milchbärte und räkeln sich in Milchbädern und -duschen. Klassischer als mit diesen Spermaandeutungen geht es fast nicht, den männlichen Blick zu bedienen.

So wird Fergies neues Video angekündigt:

Warum J.Lo nicht Beyoncé ist

Fergie ist nur das aktuellste Beispiel einer Künstlerin, deren klischeebeladenes Video als "empowernd" gefeiert wird: Jennifer Lopez' Pseudofeminismus in "Ain't your Mama" konnte eigentlich nur mit Augenrollen beantwortet werden. Das Video kokettiere so offensichtlich und banal mit Feminismus, dass es nur mehr peinlich war: Hillary Clintons eingeblendete Stimme, die "Frauenrechte sind Menschenrechte" schreit, die 50er-Jahre Sujets der gestylten Hausfrau, die sexy den Boden schrubbt. Der Mangel an Originalität des Videos tat ein bisschen weh. Aber schlimmer noch: Was ist feministisch daran zu singen, die Wäsche für einen Mann nicht zu machen, weil man nicht seine Mutter sei? Schreibt man die Arbeit damit nicht erst recht wieder einer Frau zu? Weiblich konnotierte Arbeit ist also okay, solange wir es auf eine andere Generation abschieben? Dass der Song auch noch von Sonys Vorzeige-Vergewaltiger "Dr. Luke" produziert wurde, machte das Gesamtbild umso schlimmer: Frauenpower gilt einfach gerade als verkaufsfördernd. Und welche Plakette eine Plattenfirma gerade auf ihre gefertigten Hits klatscht, ist ihnen nun einmal herzlich egal.

Das Problem ist nicht das Geld, das Problem ist die Glaubwürdigkeit:

Wie gesagt, die Linie ist dünn: Auch Beyoncé machte viel Geld mit ihrer Single "Formation". Bei "Formation" gab es aber breiten Konsens darüber, dass Beyoncés künstlerische Auseinandersetzung mit der Darstellung der Schwarzen Frau, ihrer Lebenswelt und die Stellungnahme zu Polzeibrutalität revolutionär war. Die Worte und Bilder die sie wählt, sind so enizigartig, dass sie künstlerisch herausstechen und doch eindringlich genug, dass sie mit einer breiten Masse resonieren. Die sorgfältige Auswahl ihrer Sprache macht sie glaubwürdig. Doch Beyoncés Authentizität ist nicht selbstverständlich. Lässt man sie weg, bleiben schale, inhaltsleere Bilder, die versuchen, uns etwas zu verkaufen, weil wir vermeintlich gerade auf "Empowerment" stehen. "M.I.L.F.$" und "Ain't Your Mama" haben ein Level an Kommerzialität überschritten, das Feminismus nicht mehr zulässt.

 

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