„Hört auf, mir zu sagen, dass ich mir ‚weniger ins Gesicht klatschen‘ soll!”

Stark geschminkte Frauen seien „zu unnatürlich", Ungeschminkte werden gefragt, ob sie denn krank seien. Make-up-Shaming geht in beide Richtungen – und muss aufhören! Mathilda* liebt Make-up, schminkt sich gerne stark und erzählt hier von unangebrachten Kommentaren.

Make up Shaming

Zugegeben, ich ertappe mich ja auch hin und wieder dabei: Wenn ich Frauen, die extrem stark geschminkt sind, anschaue, versuche ich mich bewusst an der Nase zu nehmen und sie nicht anzustarren. Weil ich weiß, wie sich das anfühlt. Alle meiner Ex-Freunde haben mich immer wieder gefragt „Warum klatschst du dir denn so viel ins Gesicht?“ oder mir vorgeschlagen „Geh‘ doch auch mal ungeschminkt außer Haus. Du brauchst doch gar nicht so viel Make-up.“ Dazu kamen Kommentare von ihren Müttern wie „Mensch Mädchen, warum schminkst du dich denn so stark?“ Was für mich die Höhe ist und mir auch schon ein paar Mal passiert ist, wenn mir Leute ungefragt ins Gesicht fassen und mir „weiße Stellen“ wegreiben wollen, die tatsächlich durch Highlighter so gewollt sind.

Männer wollen optimieren, Frauen sind besorgt

Auch in der U-Bahn spüre ich oft Blicke. Als ich bis vor Kurzem noch eine sehr lange Wimpernverlängerung hatte, ist mir das vermehrt aufgefallen. Vielleicht habe ich mir das auch eingebildet, aber ich hatte das Gefühl, dass manche über meine Optik getuschelt haben. Das kommt natürlich meist von Leuten, die selbst sehr natürlich wirken – vor allem auch im Fitnessstudio, weil dort eben die meisten, außer ich selbst, ungeschminkt hingehen.

Blicke und Kommentare kommen sowohl von Männern, als auch von Frauen – aber dennoch merke ich einen Unterschied. Männer wollen mich eher optimieren. Vor allem bei meinen Ex-Freunden hatte ich oft das Gefühl, dass es ihnen unangenehm war, wenn sie mit mir unterwegs waren und ich stark geschminkt war. Bei Frauen kommt es mir eher so vor, als würden sie sich um mich sorgen. Das merke ich durch Kommentare wie „Steh‘ doch zu deinem Aussehen!“ oder „Du bist doch eh natürlich schön.“

Make-up-Shaming auf Social Media

Egal, in welche Richtung die Kommentare gehen: Es nervt, wenn ständig das Aussehen und der Unterschied zwischen der geschminkten und ungeschminkten Version von Frauen thematisiert wird. Ich habe erst gestern auf Instagram wieder ein Video gesehen, in dem es um Typen geht, die Beauty-Influencerinnen daten. Es wurden dann Fotos eingeblendet, auf denen die Frauen total geschminkt waren und dann wurden sie als Gegensatz dazu ungeschminkt gezeigt. Oder auch diese Memes mit Titeln wie „This is why you take her swimming on the first date, die Frauen auf der einen Seite geschminkt und auf der anderen Seite ungeschminkt zeigt:

Das ist unmöglich und boshaft. Natürlich schaut man anders aus, wenn man einen fetten Eyeliner und Mascara oben hat. So what? Für mich ist es mit Make-up ein bisschen wie eine Katze, die sich in den Schwanz beißt: Ungeschminkt fühle ich mich unsicher. Dann tue ich etwas, um mich sicherer zu fühlen. Und dann machen Leute wieder etwas, wodurch ich mich erst recht wieder verunsichert fühle. Nichtsdestotrotz fühle ich mich ungeschminkt noch angreifbarer. Geschminkt fühle ich mich attraktiver. Ich erfreue mich jeden Morgen an der Veränderung. Ich stehe auf und habe diese Leinwand vor mir, auf die ich meine Maske zeichnen kann. Hin und wieder nervt es mich aber auch, muss ich zugeben. Es dauert einfach jeden Tag eine Stunde bis alles sitzt, aber ich habe immer eine irrsinnige Freude, wenn der Look dann fertig ist. Ich liebe Make-up einfach!

Schminken – für wen?

Ich schminke mich tatsächlich auch jeden Sonntag, wenn ich nicht außer Hause gehe. Das heißt allerdings nicht, dass ich mich „nur für mich selbst schminke“, wie viele gerne behaupten. Das ist in meinen Augen völliger Schwachsinn! Das kann man in Wahrheit nur behaupten, wenn man völlig alleine auf der Welt ist. Ich will mich natürlich auch selbst schön finden, ich will aber schon auch die Bestätigung von anderen. Bei mir hat das begonnen, als ich elf oder zwölf war. Ich habe mir das bei meinen älteren Schwestern abgeschaut und war unter meinen Freundinnen die erste, die sich geschminkt hat. Damals habe ich keine Foundation und hauptsächlich Kajal verwendet, um meine Augen größer zu schminken. Ich habe daran so viel Gefallen gefunden, dass ich mich selbst vor meiner eigenen Familie nicht mehr abgeschminkt habe.

Ich erfreue mich jeden Morgen an der Veränderung. Ich stehe auf und habe diese Leinwand vor mir, auf die ich meine Maske zeichnen kann.

von Mathilda

Manche meinen, ich hätte mir die Chance genommen, mich selbst lieben zu lernen, weil ich schon so früh mit Make-up begonnen habe. Das glaube ich nicht. Ich habe mit meinem Selbstbewusstsein schon immer sehr zu kämpfen gehabt. Es hätte nichts geändert, wenn ich später begonnen hätte. Dann hätte ich mich halt ein paar Jahre länger unwohl gefühlt. Heute versuche ich, mich selbst zu lieben und akzeptieren. Das schaffe ich sicherlich nicht in allen Bereichen, aber ich habe für mich beschlossen, dass das okay ist. Ich muss nicht alles an mir lieben, ich kann manchen Macken neutral gegenüberstehen und mich schminken, wenn ich das für richtig empfinde. Und dafür brauche ich keine Genehmigung oder Kommentare von außen. Also an alle Make-up-ShamerInnen da draußen: Bleibt bei euch. Schaut, dass es euch gut geht. Mein Look ist mein Bier. Und nur FYI: Wenn jemand sagt, dass ich mich zu stark schminke, habe ich mir noch nie gedacht: „Oh ja, stimmt. Dann lasse ich es jetzt besser mal gut sein.“ Oh, und by the way:

* von der Redaktion geändert

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