Horizonterweiterung

Erwin Wagenhofer ist zur Zeit der gefragteste Dokumentarfilmer im deutschsprachigen Raum. Sein Film alphabet stellt das bestehende Schulsystem in Frage und will Alternativen aufzeigen. Mit im Wagenhoferschen Bildungs-Bund ist der Freibildungsexperte und Musiker André Stern. Beide nahmen sich Zeit für ein Gespräch.

Herr Wagenhofer, der Untertitel zu alphabet lautet "Angst oder Liebe". Warum? Haben Eltern wirklich die Wahl? Können sich Eltern für das eine (Liebe) oder das andere (Angst) entscheiden? Oder bedingt nicht vielmehr, die Tatsache, dass man sein Kind liebt, dass man - unbewusst automatisch - um sein Vorankommen bangt?

Erwin Wagenhofer:Bangen ums Vorankommen, besser können sie dieses Angstmodell gar nicht beschreiben, dass uns tagtäglich in die Mangel nimmt. Aber sind wir damit glücklich geworden? Und wenn wir davon ausgehen das Eltern ihre Kinder lieben, dann wollen sie doch, dass diese im Leben glückliche und zufriedene Menschen werden, die Freude am Leben haben und dazu einen positiven Beitrag leisten. Das werden sie mit Angstmache kaum erreichen und darum heißt der Untertitel des Filmes Angst oder Liebe und jeder kann sich frei entscheiden. Wir haben also die Wahl und interessanter Weise ist es selbst in unserer Konsumwelt so, dass wir uns die Dinge die wir uns am meisten wünschen nicht kaufen können. Versuchen Sie mal, sich ein Stück Liebe zu kaufen.

Interview zu alphabet


Herr Stern, Sie selbst waren nie in einer Schule. Die Kinder nicht in die Schule zu schicken, sondern ihnen zu Hause in einem entsprechenden Rahmen Entfaltungsmöglichkeiten zu eröffnen, ist für viele Eltern ein schöner Traum. Was können berufstätige Eltern tun um außerschulisch ihre Kinder zu fördern?


André Stern: Folgendes muss ich vorausschicken: Nicht in die Schule zu gehen, bedeutet nicht "zu Hause bleiben", sondern in die Welt hinauszugehen. Meine Eltern haben keine Entscheidung gegen die Schule getroffen, sondern eine Entscheidung für 100-prozentiges Vertrauen. Im Anschluss haben meine Eltern erst die Bedingungen geschaffen, die für sie richtig waren.

Ich bin kein Ratgeber und kann für diesen Fall keine konkreten Ratschläge geben. Ein Kind berufstätiger Eltern, das eine Schule besucht, kann gar nicht die selben Entfaltungsmöglichkeiten haben, wie ein Kind, das keine Schule besucht. Man kann nicht einfach nur "ein kleines bisschen" verändern. Man kann nicht reformieren oder optimieren, man muss das ganze System verändern. "Mehr vom Alten" wollen wir nicht mehr. Eine Transformation ist nicht für alle möglich. Aber sie ist für alle möglich, die es wollen. Alle Eltern, die sich dazu angeregt fühlen, werden alles anders gestalten wollen. Und wenn sie nicht wollen, dann gibt es immer noch das alte System, wen sie damit zufrieden sind.


Das heißt, Herr Stern, Sie sprechen tatsächlich von "Revolution"?


André Stern: Das Wort Revolution ist für mich problematisch. Etymologisch bedeutet Revolution "sich einmal umdrehen" und bedeutet letztlich zurück zur Ausgangsposition. Zwischen den Paradigmen von Vorgestern, die heute herrschen, und denjenigen von Übermorgen, die wir anstreben, liegt so ein großer Ozean. Das können wir nicht in einem Schritt überwinden. Es braucht Zwischenstationen. Jeder kleine Schritt ist ein Wunder. Ich kann nur anregen, kleine Schritte in diese Richtung zu machen.

Versuchen Sie mal, sich ein Stück Liebe zu kaufen.
von Erwin Wagenhofer, Filmemacher


Herr Wagenhofer, Ihr Film alphabet zielt darauf ab, die "Haltung hinter der Erziehung" zu hinterfragen und zu verbessern. Wie können berufstätige Eltern Ihre Anregungen umsetzen oder reicht es für den Anfang, "mehr in die Kinder und ihre Wünsche hineinzuhören"?


Erwin Wagenhofer:Mit Haltung meine ich, was steckt denn dahinter, hinter dieser so genannten Erziehung? Im Moment steckt dahinter die Kinder systemfähig zu machen, also das sie noch mehr konsumieren und noch mehr arbeiten, dass suggeriert uns ja der Wachstumsgedanke. Sie werden also konditioniert für ein System das aber längst an seine Grenzen gestoßen ist, wie man zum Beispiel in Spanien sieht. Wenn dort 55% der jungen Menschen keine Arbeit haben, weil dieses System zusammengebrochen ist dann haben die das Problem, dass ihnen diese Erziehung/Ausbildung praktisch nichts nützt. Von den 55% sind viele Akademiker oder Musterschüler, haben also dieses Muster übernommen, alles getan damit sie diese Abschlüsse haben, aber auf den Weg dorthin verlernt, aus sich selbst zu schöpfen und den neuen Herausforderungen mit neuen Methoden zu begegnen. Es geht also bei dieser Haltungshinterfragung um die Frage: wo wollen wir als Gesellschaft/ Gemeinschaft eigentlich hin?


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Zwischen den Paradigmen von Vorgestern, die heute herrschen, und denjenigen von Übermorgen, die wir anstreben, liegt so ein großer Ozean.
von André Stern, Freibildungsexperte & Musiker
Herr Wagenhofer, in einem Interview bezeichnen sie "Konkurrenz als (ein) künstlich(es Phänomen)". Trotzdem werden Kinder in Familien mit älteren Geschwistern hineingeboren oder kommen mit einem Zwillings- oder Mehrlingskind auf die Welt. Selbst wenn die Eltern es nicht beabsichtigen: Konkurrenz und Vergleichsmöglichkeiten gibt es für diese Kinder von Geburt an. Wie entgehen die Eltern also der "Dauer-Bewertungs-Falle"?

Erwin Wagenhofer: Konkurrenz ist etwas anderes, als sich mit jemandem messen zu wollen wie das unter Geschwistern zum Beispiel vorkommt. Kinder und Menschen wollen wachsen, über sich hinauswachsen, wenn sie heute auf einem gewissen Niveau Klavier spielen als Kind und das wirklich gerne tun, dann wollen sie morgen ein Stück besser spielen. Wenn sie aber nur besser spielen wollen, weil sie jemanden übertrumpfen wollen, dann ist das kein wirklich förderlicher Antrieb. Wenn sie also ihren Zwillingsbruder im beinharten Konkurrenzkampf zur Strecke bringen wollen, dann stimmt da in der Familie vermutlich etwas nicht. Wir sind eben so konditioniert worden, dass wir ständig bewerten, vergleichen und bemessen wollen. Menschen können sie aber im Grunde nicht vergleichen, eben weil jeder andere Gaben, andere Talente mitbringt.

Zitate (1fee0253)


André Stern:In einer Welt der Verschiedenartigkeit stellen die Kinder Unterschiede fest und freuen sich darüber. Vielleicht ist das "Nicht-Vergleichen" der Anfang von allem.


Vielleicht wäre das ein guter Tipp für Eltern nicht zu vergleichen ...

André Stern:
Kinder holen sich ihr "grünes Licht" von den Referenzpersonen bei allem, was es tut. Das "grüne Licht" und die spontane Veranlagung "so-wie-ich-bin-bin-ich-okay", dann ist das Kind auf Schiene.

Sie lehnen Konsumverhalten ab, warum? Wie kann man den persönlichen Konsum zu Gunsten von Kreativität und Freiheit drosseln?

André Stern: Wir kaufen keine "kindergerechten" Dinge. Das finde ich diskriminierend. Das ist ein "asismus". Ich bin von allen „ismen" aufgewachsen. Rassismus, Sexismus etc. Daher verstehe ich nicht, warum sich Kinder Dinge gefallen lassen sollen, die sich so genannte Erwachsene nie gefallen lassen würden. Erwachsene würden sie nie mit Dingen abgeben, die speziell für Kinder entwickelt worden sind wie so genannte kindgerechte Aufdrucke, falschen Proportionen, Plastik. Bis auf Kleidung in Kindergröße lehnen wir "kindgerechte" Produkte ab.
Man kann den persönlichen Konsum auch dadurch drosseln, indem man Dinge in einer Qualität kauft, dass sie eine Generation problemlos überstehen. Wie es früher der Fall war.

Früher hat man geglaubt, dass die Autonomie des Kindes erzwungen werden muss. Dass man ein Kind weinen lassen muss, etc. Eigentlich soll man ein Kind auf den Arm nehmen, wie es die Naturvölker machen. Aber es ist verpönt oder verboten, ein Kind zu trösten, denn sonst würde aus ihm ein Tyrann. Heute weiß man aus der Hirnforschung, dass das genaue Gegenteil der Fall. Die Autonomie wurzelt in der Verbundenheit. Verbunden zu sein und gleichzeitig zu wachsen ist möglich. Jedes Mal, wenn man dem Kind diese Möglichkeit gibt, geht es dem Kind gut, weil die Grundbedürfnisse des Kindes erfüllt sind.
Umgekehrt klammern die Kinder fest, wenn ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind.



Herr Wagenhofer: Was kann der Film alphabet (und das Buch) in den Köpfen des Publikums bewirken?

Erwin Wagenhofer:Umdenken, sich eine eigene Meinung bilden, das ist ja der Sinn von Bildung, damit man sich dann ein Bild von der Welt machen und sich in ihr zurecht finden kann.

 

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