'Homeshopping Queen' Judith Williams

HOMESHOPPING-QUEEN. Von der Opernbühne zur erfolgreichsten Marke im europäischen Homeshopping: WIENERIN-Redakteurin Birgit Brieber hat Judith Williams zum Interview getroffen und einen Blick hinter die Kulissen des Feel-good-TV geworfen.

"Nur noch 100 Stück, die Leitungen laufen heiß!", tönt es aus den Fernseherboxen. Im Büro von HSE 24-Programmchef Ansgar Kessemeier hängen gleich mehrere Präsentationsschirme an der Wand, auf denen ich live die aktuelle Sendung verfolge. Die Atmosphäre im Studio ist geschäftig, fast sekündlich poppen neue Verkaufszahlen auf. Meine erste Frage liegt also irgendwie auf der Hand: Sind die Zahlen, die da über den Screen laufen, wirklich echt? "Ja, natürlich. Wie blöd wäre es denn zu sagen, man hat nichts mehr, wenn das Lager eigentlich noch voll ist?" Klingt logisch. Und trotzdem hält sich das Vorurteil, im Homeshopping-TV sei alles nur Fake, hartnäckig. Zu jeder Tages- und Nachtzeit hochmotivierte Moderatoren und Experten, die Produkte zu tausenden unters Fernsehvolk bringen, sind für viele eben zu schön, um echt zu sein.

„Die Verkaufszahlen am Bildschirm sind echt! Wie blöd wäre es zu sagen, man hat nichts mehr, wenn die Lager eigentlich voll sind?“
von HSE 24 Programmchef Ansgar Kessemeier

POWERSELLERIN.

Eine, die die Leitungen regelmäßig zum Glühen bringt, ist Judith Williams. Als sie 2007 mit ihrer ersten Kosmetiklinie bei HSE 24 on air geht, verkauft sich eine Gesichtscreme in einer einzigen Sendung über vier Millionen Mal. Bis heute hat das niemand mehr geschafft. Mittlerweile umfasst das Sortiment der Judith Williams Markenwelt über 800 Beauty- und Lifestyleprodukte und setzt jährlich mehr als 100 Millionen Euro um. Damit ist sie die mit Abstand bestverdienende Frau im deutschen Fernsehen. Der Erfolg ist der heutigen Multimillionärin aber nicht einfach so in den Schoß gefallen. Im Gegenteil.

SELBST IST DIE FRAU.

Die ehemalige Opernsängerin hat einen steinigen Weg hinter sich. Nach einem Tumor in der Gebärmutter und begleitender Hormonbehandlung leidet die Stimme, sie kann ihre Karriere auf der Bühne nicht fortsetzen. Sie ist deprimiert und arbeitslos, doch es muss ja irgendwie weitergehen: als Empfangsdame im Fitnesscenter. "Von der Opernbühne ins Fitnesscenter – das war ein ziemlicher Schritt rückwärts für mich und hat an meinem Ego gekratzt. Aber anstatt in Selbstmitleid zu versinken, dachte ich: 'Bloom where you are planted.' Ich habe das Beste daraus gemacht." Schon nach zwei Monaten stieg der Umsatz an der von Judith betreuten Saftbar um das Dreifache, sie entdeckte ihre Gabe fürs Verkaufen. Als eine Kollegin meinte, Judith solle ihr Talent doch im Homeshopping einsetzen, nahm die beispiellose Karriere ihren Lauf. Mittlerweile ist HSE 24 ihre zweite Heimat. Warum sie ihr Beauty-Imperium nicht über einen eigenen Onlineshop oder am Counter diverser Parfümerien bewirbt? "Ich liebe es, mich zu präsentieren und HSE 24 ist meine Bühne." Fiona Lorenz, Leiterin der Unternehmenskommunikation,wird noch deutlicher: "Wir setzen in einer Judith Williams Woche teilweise mehr um als eine durchschnittliche Douglas-Filiale im ganzen Jahr." Judiths Geheimnis? "Ich verkaufe keine Produkte, ich verkaufe Emotionen!"

"Zu viel Ego hält extrem auf. Das Leben lebt sich mit weniger Eitelkeit wesentlich besser!“
von Judith Williams

CHARMEOFFENSIVE.

Als ich die Powerfrau dann endlich treffe, bin ich echt gespannt auf das "Live-Erlebnis". Denn, ich gebe es zu, auch ich habe während der Sendungen der Powersellerin schon den einen oder anderen Muss-ich-haben-Moment erlebt. Nur eine Stunde vor ihrer nächsten Sendung spaziert die Unternehmerin ganz entspannt zu mir ins Besprechungszimmer und begrüßt mich. Weiße Hose, orangefarbenes Top, perfekt sitzendes Make-up. Sie schaut noch besser aus als im Fernsehen und wirkt herzlich und nahbar. Von aufgesetzter Freundlichkeit, nervigem Dauerlächeln und grauenhaft guter Laune, die ihr Kritiker gerne vorwerfen, keine Spur. Nur zwei Minuten vor ihrer nächsten Live-Sendung nimmt sie sich dann auch noch Zeit für ein Foto. Ganz klar: Von dieser Frau kann man einiges lernen...

Vor der Kamera müssen Sie immer strahlen – haben Sie manchmal auch einen schlechten Tag?

Ich denke, wir können uns jeden Tag entscheiden: Will ich in der Früh aufstehen und sagen "Mein Kaffee schmeckt nicht" oder will ich sagen "Super, ich habe einen Kaffee"? Ich bin der Typ Mensch, der immer positiv denkt. Die Sendung ist meine Energiequelle, und ich möchte diese positive Energie an die Zuschauer weitergeben.


Sie haben auch auf VOX zwei Engagements: Die 'Höhle der Löwen' und 'Heimlich verliebt'. Werden Sie der neue Guido Maria Kretschmer?

(Lacht laut.) Keine Ahnung, er macht seine Sache wirklich supertoll und so charmant! Ich glaube nicht, dass ich es schaffe, in seine Fußstapfen zu treten. Ich arbeite gerne mit Menschen und coache sie. Mein Motto lautet: Verbring eine Woche mit mir, und danach sieht dein Leben anders aus.


Woher die Leidenschaft für Kosmetik?

Das kommt aus der Kindheit. Mein Vater ist ja Opernsänger, und weil sich meine Eltern keinen Babysitter leisten konnten, habe ich viel Zeit am Theater verbracht. Dort habe ich den Maskenbildnerinnen zugeschaut, geholfen Perücken zu knüpfen, Schwämme auszuwaschen usw. Ich fand das so toll, ich habe Make-up immer geliebt. Kosmetik ist für mich Wertschätzung gegenüber sich selbst.


Wie kommt man von der Opernbühne zum Homeshopping-TV?

Nach einem Tumor in der Gebärmutter habe ich wegen einer Hormonbehandlung meine Stimme verloren und konnte nicht mehr auftreten. Ich war extrem deprimiert und dachte, ich kann doch nichts anderes als Singen. Mein Vater hat mich ermutigt, mir einen Job zu suchen. Im Fitnesscenter als Empfangsdame wurde dann mein Verkaufstalent entdeckt.


Wie das?

Na ja, ich dachte: "Blöd rumschauen am Empfang ist mir zu wenig." Ich habe mir die Namen von den Leuten gemerkt, gewusst, welche Geschmacksrichtungen sie mögen und wer gerade am Abnehmen oder beim Muskelaufbau ist. Nach zwei Monaten ist einer Kollegin aufgefallen, dass sich der Umsatz an der Saftbar durch mich verdreifacht hatte. Sie hat mich ermutigt, mich beim Fernsehen zu bewerben.


Und dann wurden Sie prompt entdeckt?

Im Gegenteil! Ich ging zum Casting und wurde nicht genommen! Ich hätte im Boden versinken können, ich war es nicht gewohnt, ein Nein zu bekommen. Dann habe ich die Sendungsverantwortlichen angerufen und gesagt: "Entschuldigen Sie bitte, aber ich will Sie überzeugen! Bitte laden Sie mich noch mal ein. Ich weiß, ich will diesen Job und ich kann das!" So wurde ich noch mal eingeladen und kurz darauf eingestellt.


Am Anfang stand also ein klassisches "Nicht aufgeben, es lohnt sich"?

Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Das Wichtigste ist, gekränkte Eitelkeiten abzuschütteln und nicht beleidigt zu sein, wenn das Talent nicht gleich erkannt wird. Das kann passieren. Bis zu einem gewissen Maß ist Eitelkeit in Ordnung. Zu viel Ego allerdings ist unnötig und hält extrem auf. Das Leben lebt sich mit weniger Eitelkeit wesentlich besser!

Ist Ihnen auf Sendung schon einmal etwas Peinliches passiert?

Also wenn ich mir eines in meinem Job abgewöhnt habe, dann Peinlichkeit. Es passieren ständig Dinge, die eigentlich peinlich wären. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Die Kunden finden es lustig, wenn kleine Fehler passieren, und man kann ja keine Nachrichtenshow daraus machen. Es muss menschlich und echt bleiben. Das ist das Erfolgsgeheimnis!

 

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