Homeoffice soll die Zukunft sein? Sicher nicht für mich

Homeoffice könnte sich auch nach Corona zum neuen Arbeitstrend entwickeln. So hieß es zumindest am Anfang der Krise. Unser Kollege hat schön langsam die Schnauze voll davon.

Was wurde es am Anfang hochgejubelt. Das neue effiziente Arbeiten im Homeoffice. Endlich seien viele der altmodischen österreichischen Betriebe in der Gegenwart angekommen. Hätten verstanden, dass man nicht unbedingt persönlich im Büro anwesend sein muss, um gute Arbeit zu leisten. Überhaupt sei das die Zukunft. Man spare sich unnötige Wege, könne effizienter arbeiten und es sei schonender für die Umwelt.

Und tatsächlich: Ganz am Anfang, Mitte März, hat das alles noch neu und vielversprechend ausgesehen. Auch wir in der WIENERIN-Redaktion haben uns von zu Hause aus in den Video-Chat eingeloggt, und in den kleinen Kasteln am Bildschirm sind lauter lächelnde Gesichter aufgetaucht. Alle haben sich gefreut, einander zu sehen. Alle haben durcheinandergeredet. Die Offenheit war anfangs richtig neu und erfrischend. Da haben Menschen, mit denen man sonst nicht allzu persönliche Dinge austauscht, unverblümt darüber geredet, dass sie das Zusammengepferchtsein mit dem Partner nervt, dass die Kinder anstrengend sind oder dass sie sich einsam fühlen. Wir haben darüber gesprochen, wie depressiv uns die Isolation macht oder dass uns die Nachrichten buchstäblich auf die Nerven gehen. Für einen kurzen Zeitraum hat es sich tatsächlich so angefühlt, als würden wir – vielleicht durch die scheinbare Distanz über den Bildschirm – ehrlicher und offener miteinander umgehen als sonst.

Auch was die Arbeit an sich betrifft, war da noch so eine Begeisterung. Alle haben sich an den Diskussionen beteiligt, haben eigene Ideen eingebracht. Der einzige Wermutstropfen war, dass sich die Sitzungen auf die Art etwas in die Länge gezogen hatten. Am Ende hatte man nach zwei Stunden einen schwirrenden Kopf und hat erst mal eine Pause gebraucht.

Der Durchhänger

Mittlerweile ist die sogenannte "Normalität" eingetreten. Ein großer Teil der Corona-Maßnahmen wurde gelockert. Trotzdem sind viele noch im Homeoffice. So auch wir in der WIENERIN-Redaktion. Nur die wöchentlichen Team-Sitzungen haben sich etwas geändert. Wenn wir jetzt in den Video-Chat einsteigen, sind die Gesichter in den Kasteln eher schweigsam. Bei der obligatorischen Fragerunde, wie es allen geht, kommt von den meisten eher so ein halbherziges "Jo, eh gut. Tut sich nix Neues". Die Offenheit der ersten Wochen ist schon lange vorbei. Lebhafte Diskussionen sind auch selten geworden. Die Programmpunkte werden schnell abgehandelt. Niemand will länger als unbedingt nötig in dem anstrengenden Video-Chat sitzen. Wie sagt man so schön: Die Luft ist raus.

Effizient ist nicht alles

Die Werbespots der großen Firmen überschwemmen uns gerade mit Botschaften von "Solidarität" und "Zusammenhalt". Ich fühle mich nach all den Wochen im Homeoffice immer weniger als Teil einer Gruppe. Ich fühle mich eher vereinzelt. Denn was neben der Schnelligkeit und Effizienz auf der Strecke bleibt, ist genau das, was die Arbeit in einem Team nun mal ausmacht. Die vielen kurzen Gespräche bei der Kaffeemaschine oder am Kopierer haben einen Wert. Wenn eine Kollegin beim Lesen einer Mail mal laut einen Kommentar schiebt, wenn man mit einem Ohr hört, wie die Kolleginnen zwei Tische weiter an einem Thema sitzen und man spontan ins Gespräch einsteigt, hat das einen Wert. Man kriegt ganz nebenbei einen Überblick darüber, was bei den anderen gerade die Themen sind, was in der Firma sonst noch läuft, wie die Stimmung ist. Diese Dinge sollten wir nicht so leichtfertig wegwerfen, nur weil die technischen Möglichkeiten etwas anderes zulassen.

Manche mögen ja davon schwärmen, wie produktiv und ablenkungsfrei sie jetzt arbeiten können. Aber gerade die vielen kleinen "Ablenkungen" und Störungen sind es ja, die oft einen Mehrwert bringen. Die Firma ist ein lebender Organismus und man ist Teil davon. Und nicht ein einzelnes Rädchen, das sich alleine zu Hause vor sich hin dreht. Chatprogramme und Videokonferenzen können auf keinen Fall das Erlebnis eines normalen Arbeitstags ersetzen. Und schon gar nicht den Zusammenhalt eines Teams, das jeden Tag Schulter an Schulter beisammen sitzt. Es wird Zeit, dass wir den persönlichen Kontakt wieder zu schätzen wissen.

 

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