Hippotherapie

Hippotherapie, heilpädagogisches Reiten und Voltigieren, Behindertenreiten: Pferde werden in immer mehr Bereichen von Therapie und Training eingesetzt – oft mit verblüffendem Erfolg.

Das Mädchen lebte in seiner eigenen Welt. Ließ nichts an sich heran. Und sprach, wenn überhaupt, nur mit ihren Eltern. Diagnose: Autismus. Eine aussichtslose Sache? Nicht, wenn gewisse Vierbeiner ins Spiel kommen. Die Eltern des Mädchens hatten von Mag. Christian Robier gehört, der am Reiterhof Molly Malone in der Steiermark mit psychisch Kranken arbeitet. Sie brachten ihre Tochter dort hin. Immer wieder, nur auf Besuch. Als das Mädchen es zum ersten Mal wagte, sich einem Pferd zu nähern, brach es in Tränen aus - und lachte gleichzeitig übers ganze Gesicht. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis sich die kleine Autistin zum ersten Mal auf eines der Therapiepferde setzte. Heute, im dritten Jahr, so Psychologe Robier, "lacht sie beim Reiten und redet mit mir. Und sie hat, obwohl sie davor überhaupt kein Gleichgewichtsgefühl hatte, inzwischen sogar Rad fahren gelernt!"

Magie auf Hufen.

Pferde werten nicht. Pferde sagen nicht: "Na, du schaust aber krank aus." Oder komisch. Oder hässlich. Sie haben keine Vorurteile, kein Ziel und keine Möglichkeit, sich zu verstellen. Aber sie haben einen starken Rücken, auf dem sie uns mitsamt unseren Problemen tragen können. Und sie bewegen sich in einer Art, die unserem Körper, unserem Geist und unserer Seele gut tut. Durch diese einzigartige Kombination von Eigenschaften wird "Dr. Pferd" in unzähligen medizinischen Fachbereichen und in den letzten Jahren auch immer mehr auf dem Gebiet Psycho-Training eingesetzt. Beim traditionellen therapeutischen Reiten werden offiziell drei Fachgebiete unterschieden: Hippotherapie, heilpädagogisches Reiten und Voltigieren (kurz HPV) und Behindertenreiten. Hippotherapeutin Susanne Schwaiger, die im Reit-und Therapiezentrum Kottingbrunn nahe Wien arbeitet, erklärt ihr Gebiet so: "Hippotherapie ist eine physiotherapeutische Maßnahme, so etwas wie Heilgymnastik. Das Pferd leiht dem kranken oder gehbehinderten Menschen die gesunden Beine. Durch das Sitzen auf dem Tier wird eine ganggleiche Bewegung in den Körper des Patienten projiziert, und dieser nimmt dann das gesunde Bewegungsschema auf und lernt davon."

Bei Kindern wird Hippotherapie angewandt, wenn sie - etwa durch Geburtsschäden - unter spastischer oder schlaffer Lähmung leiden, und bei verschiedenen anderen Erkrankungen des Nervensystems. Bei Erwachsenen häufig zur Rehabilitation nach Unfällen (wenn jemand theoretisch wieder gehen können müsste, es aber durch das Unfall-Trauma "vergessen" hat), bei multipler Sklerose und auch bei Parkinson-Patienten.

Pferde haben einen starken Rücken, auf dem sie uns mitsamt unseren Problemen tragen können.
von Karen Müller

Zielgruppe für HPV, also heilpädagogisches Reiten und Voltigieren, sind vor allem Kinder und Jugendliche mit emotionalen oder sozialen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten, geistigen Behinderungen, Teilleistungsschwächen, Wahrnehmungs- und Sprachstörungen. HPV-Therapeutin Andrea Herget: "Das Pferd ist ein unglaublicher Motivator, es hat eine immense Anziehungskraft. Deshalb kommt man damit auch an Kinder ran, die von anderen Therapien die Nase voll haben und dort nur noch verweigern."

Behindertenreiten, die dritte Kategorie, ist geeignet für Personen mit Körper-, Sinnes- oder geistigen Behinderungen. Dabei werden, so Expertin Andrea Bossler, zum Teil erstaunliche Leistungen vollbracht: "Letztes Jahr haben wir auf den Special Olympics in Irland sogar Gold erritten. Solche Auftritte in der Öffentlichkeit geben diesen benachteiligten Menschen ein immenses Selbstwertgefühl. Und Eltern können dadurch erleben, dass ihre Kinder doch imstande sind, Großartiges zu vollbringen."

Horse-Power.

Neben diesen etablierten Einsatzgebieten von Dr. Pferd haben kreative Köpfe in den letzten Jahren etliche neue Terrains erschlossen. So zum Beispiel Reinhard Tötschinger, Psychotherapeut und Pferdemensch. Ihm wurde vor ein paar Jahren klar, dass man in der klassischen Gesprächstherapie manchmal ansteht, weil sich im Prinzip alles nur im Kopf abspielt. Also verlegte er die Psycho-Couch teilweise auf den Pferderücken. Vor allem bei Themen wie Angstabbau, Panikattacken und Depressionen.
Die Erfolge: durchschlagend. So erzählt Tötschinger etwa von zwei akut selbstmordgefährdeten Patientinnen, die jeweils nach zwei Wochen Arbeit mit ihm und seiner Stute wieder "Ja" zum Leben sagen konnten. "Das Getragen- und Gehaltenwerden, der schaukelnde Rhythmus und die Wärme des Pferdekörpers, das alles löst positive, frühkindliche Gefühle aus. Dazu haben Depressive sonst kaum Zugang. Der zusätzliche Vorteil am Pferd ist, dass es nichts von den Frauen will. Und es sagt nicht: Sei nicht schwach, sei doch stark. Dadurch können sie sich hinlegen, endlich einmal loslassen - und gleichzeitig mütterlich-väterliche Impulse über das Tier aufnehmen." Sind einmal die ersten Schritte zurück zur Lebensfreude getan, kann der vierbeinige Doktor die Depression sogar noch weiter behandeln: mit einem zünftigen Galopp. Dabei wird im Kopf des Reiters nämlich ein ordentlicher Schwall Glückshormone ausgeschüttet.

Führungs-Kraft.

Man muss aber nicht einmal auf ihnen sitzen, um von Pferden psychisch zu profitieren. Manchmal reicht es schon, neben ihnen zu stehen. Oder vor ihnen zu gehen - wie bei den Management-und Verkaufstrainings von Bruno Sperl am Friedrichshof im Burgenland. Seit drei Jahren arbeitet er zusammen mit vier Berberpferden an den Qualitäten heimischer Führungskräfte. Die Elemente, die dabei ins Spiel kommen: Das Pferd ist zwar stumm, aber ein glasklarer Spiegel für menschliche Körpersprache, Präsenz und Ausstrahlung. Und wer - ob ein Pferd oder sonst wen - führen will, muss genau die richtige Mischung aus Respekt und Vertrauen erzeugen können.

Die Teilnehmer an Sperls Eineinhalb-Tage-Seminaren machen auf der Koppel handfeste Selbsterfahrung: Kann ich so viel Aufmerksamkeit erzeugen, dass mir das Tier auch ohne Führstrick folgt? Gebe ich ihm genug Sicherheit, dass es selbst bei Irritationen noch weitergeht? Oder bin ich zu dominant und nehme ihm zu viel Freiraum, so dass es mir nur noch ausweicht? All diese Führungsprobleme zeigt das Pferd eindeutig auf - und da kann selbst der rhetorisch geübteste Manager nichts mehr wegdiskutieren. Sondern nur noch still nach Hause gehen und daran arbeiten.

Die zentrale Anlaufstelle: Österreichisches Kuratorium für therapeutisches Reiten
Links und Infos über Hippotherapie, heilpädagogisches Reiten und Voltigieren (HPV) und Behindertenreiten. www.oktr.at

Andrea Bossler, Verein Happiness
Sonderschullehrerin mit HPV-Ausbildung, Schwerpunkt verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche; vermittelt Kontakte im Bereich Verhaltenstherapie für ganz Österreich. Tel. 02287/5658, bossler@a1.net, www.verein-happiness.at

Mag. Andrea Herget, Verein Centauros
Heilpädagogisches Voltigieren für Kinder und Jugendliche. Tel. 0699/ 17970100,
www.pferde-therapie.at

Peter Kai, Sterntalerhof Seelsorger mit HPV-Ausbildung – begleitet an Krebs erkrankte Kinder, Jugendliche und Angehörige. Tel. 0664/2525445 u. 03326/53341, www.sterntalerhof.at

Mag. Christian Robier, Reithof Molly Malone Klinischer Psychologe mit HPV-Ausbildung für alle Altersgruppen im Bereich Psychiatrie (z.B. Schizophrenie, Depressionen, Essstörungen, Autismus etc.). Tel. 0664/4513440, robierc@gmx.at, www.gossendorf.at

Bruno Sperl, Friedrichshof Trainings mit Pferden für Führungskräfte und Verkäufer. Tel. 0699/17210747, bruno@sperl.org,
www.hotel-friedrichshof.com

Mag. Franz Bachofner, Sporttherapeut, macht Körper-, Sitz- und Beziehungstrainings für Pferd und Reiter. Tel. 0699/11107353, franz.bachofner@equus.at,
www.equus.at

Romana Maichin-Puck, Qui-Gong-Lehrerin, die am Pferd an den Spezialthemen Wirbelsäulenaufrichtung, Beweglichkeit und Atmung arbeitet. Tel. 0664/1854061 u. 03328/32695, romana.maichin@taiji-qigong.at

Reinhard Tötschinger, Psychotherapie am Pferderücken. Tel. 0664/1623409
 

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