Hilflosigkeit und Ohnmacht - Was Gewalt mit Kindern macht

Prävention gegen Gewalt an Frauen und Kindern muss das oberste Ziel der Politik werden, fordern Expertinnen.

Siebenundsiebzig Frauen. Im Schnitt jeden fünften Tag eine. Soviele Frauen wurden 2017 Opfer eines Mordes oder Mordversuches. Jeden Tag ist eine von fünf Frauen in der EU körperlicher oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Und die Täter? Die kennen sie: Fast zwei Drittel der 42.079 Anzeigen in Österreich wegen Tötung, Körperverletzung, sexueller Übergriffe oder Raub sind Beziehungstaten. Es sind die Ehemänner und (Ex-)Partner, Freunde und Verwandte der Betroffenen, die Gewalt ausüben. Und allzu oft sind sie auch Väter oder Stiefväter - und gefährden so noch mehr Menschen in ihrem Umkreis: die Kinder und Jugendlichen in ihren Familien.

"Kinder spüren die bedrohliche Atmosphäre, sie spüren den Hass zwischen den Eltern, die Hilflosigkeit, die Ohnmacht", erklärt die Universitätsprofessorin Andrea Berzlanovich auf einer Pressekonferenz. Gemeinsam mit der Volksanwältin Getrude Brinek und Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser appelliert die Gerichtsmedizinerin, Gewalt gegen Kinder und Frauen endlich ernst zu nehmen. Gerade Kinder nehmen Gewalt in der Familie umfassend wahr: "Kinder sehen, wie der Vater die Mutter misshandelt, vielleicht sogar vergewaltigt oder tötet. Und es bleibt die Gewissheit: Der Vater wird der Mutter wehtun. Vielleicht wird er auch mich verletzen."

Kinder kopieren Gewalterfahrungen

Dabei reagieren Kinder und Jugendliche ganz unterschiedlich auf Gewalt in der Familie, sagt Berzlanovich. "Manche grenzen sich ab und wollen gar nicht anwesend sein. Manche denken "Er ist doch mein Vater". Manche fühlen sich nicht wahrgenommen, sie denken, niemand würde sie verstehen. Manche fühlen sich mitschuldig, ganz wenige suchen Hilfe. Und die, die ins Geschehen eingreifen, werden mitunter auch dabei verletzt."

Eines aber hätten all diese Kinder gemeinsam: Die Gewalterfahrungen ziehen nicht spurlos an ihnen vorbei, sie setzen sich bis ins Erwachsenenleben fort. Buben mit einschlägiger Erfahrung sind später gewaltbereiter, Mädchen tolerieren eher einen gewalttätigen Partner. Egal, ob sie Gewalt direkt erfahren oder "nur" ZeugInnen sind: Diese Erfahrungen setzen Kinder unter großen Stress, sie schaden ihrer physischen, psychischen und sozialen Entwicklung. Oft leiden sie unter Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Schlafstörungen oder auch Bauch- und Kopfschmerzen.

Kinder müssen ernst genommen werden

Viele Kinder und Jugendliche wissen gar nicht, welche Rechte sie haben und an wen sie sich wenden können, wenn sie Gewalt erfahren. Das ergab eine vor kurzem präsentierte Studie von SOS Mitmensch: >>> SchülerInnen haben wenig Ahnung von Frauenrechten.

Umso mehr gilt: "Kinder wollen wahrgenommen werden", wie Maria Rösslhumer betont. Die Studie "EinSatz" zu Interventionen nach dem Gewaltschutzgesetz ergab, dass Kinder bei Einsätzen mit häuslicher viel zu wenig berücksichtigt werden. Ein falscher Weg, denn: "Kinder machen sich Sorgen um ihre Eltern. Sie wollen wissen was passiert. Wo der Vater hinkommt, wer der Mutter hilft." Alle Berufsgruppen müssten betroffene Kinder viel mehr miteinbeziehen, von PolizistInnen über PädagogInnen bis hin zu MedizinerInnen und Pflegepersonal. Dafür brauche es geeignete Schulungen, erklärt Volksanwälting Brinek: "Wenn das Personal nicht sensibilisiert ist, kann es nicht damit umgehen und auch nicht gut reagieren." Im Kriminalistischen Leitfaden der Bundespolizei gibt es derzeit aber keine Handlungsanleitung für Notrufen von Kindern.

Auch im medizinischen Bereich fehle es an Wissen. Medizinisches Personal müsse gewaltbedingte Beschwerden und Verletzungen als solche erkennen, sie sensibel ansprechen und so dokumentieren, dass sie vor Gericht verwendet werden können und Betroffenen auch nach der Diagnose weiterbetreuen, fordert Berzlanovich. Funktioniert die Zusammenarbeit, also wissen Vertrauenspersonen wie LehrerInnen und ÄrztInnen, PolizistInnen und JuristInnen, wie sie Anzeichen von Gewalt erkennen, darauf reagieren und dabei die Kinder miteinbeziehen können, könne der Kreislauf der Gewalt am ehesten durchbrochen werden.

Eine Gesetzgebung im Sinne der Betroffenen allein reiche nämlich nicht. Österreich habe zwar zahlreiche gute Gesetze und Maßnahmen, nur müssten diese auch „im Sinne des Opferschutzes angewandt werden“, sagte Rösslhumer. Auf bereits erreichten Meilensteinen dürfe sich eine Gesellschaft nicht ausruhen. Denn, so Brinek: "Gewalt wächst immer wieder nach. Wir müssen alles tun, damit das nicht passiert."

Mit einer Ringvorlesung gegen häusliche Gewalt

Um das Thema für jeden fassbar zu machen, veranstalten die drei Expertinnen ab 26. November eine Ringvorlesung mit dem Titel „Eine von fünf“. Zu Wort kommen Vortragende aus verschiedenen Berufsfeldern. Damit möchten sie eine breite Öffentlichkeit zum Nachdenken und Handeln anregen.

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