"Hilfe ist nur einen Anruf entfernt" - Wie die Frauenhelpline durch die Corona-Krise begleitet

0800 222 555: Unter dieser Nummer erreichen gewaltbetroffene und hilfesuchende Frauen und Mädchen 24 Stunden am Tag jemanden, der ihnen zuhört und in Extremsituationen weiterhilft. Das setzt in der Pandemie nicht aus - stellt die Helpline aber vor neue Herausforderungen.

"Ich habe noch nie mit jemandem darüber geredet."

"Kann ich das bei Ihnen sagen?"

"Ich trau mich fast nicht auszusprechen, was passiert ist."

"Wird das auch nicht aufgenommen?"

Es sind Sätze wie diese, die am einen Ende der Frauenhelpline in ein Telefon geflüstert werden. Am anderen sitzen Beraterinnen, die gewaltbetroffenen und hilfesuchenden Frauen und Mädchen zur Seite stehen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. "Die Frauenhelpline ist der erste Draht, um über Gewalterfahrungen reden zu können", sagt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Frauenhäuser, der die Notrufnummer seit 1999 betreibt.

0800 bedeutet: kostenlos. Für Betroffene ist das ein wichtiges Signal. Jede Frau, jedes Mädchen kann anrufen, Einkommen und Geld spielen keine Rolle. "Einfach nur zum Hörer greifen und sagen: 'Ich brauche Hilfe. Ist das Gewalt?'", versichert Rösslhumer. Die Anruferinnen bleiben anonym. "Sie können einfach erzählen." Und Fragen stellen. Das hat auch die Corona-Pandemie nicht geändert, und es ist wichtiger als zuvor. Seit das Frauenministerium Mitte März, zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen, auf die Frauenhelpline aufmerksam gemacht hat, wählen immer mehr Frauen die Nummer. Allein in den ersten Tagen danach gab es 50 Prozent mehr Anrufe.

Anrufe aus der Selbstisolation

An einem durchschnittlichen Tag betreuen die Mitarbeiterinnen der Helpline etwa 22 Frauen in zum Teil sehr langen Gesprächen. Nun sind es 33 oder mehr. Nicht alle davon haben direkt mit Gewalterfahrung zu tun. "Viele der zusätzlichen Gespräche drehen sich um allgemeine Verunsicherungen", erzählt Rösslhumer. Frauen wollen wissen, wie sie mit einer möglichen Bedrohung umgehen sollen und wie Gerichte und Polizei gerade mit Gewaltfällen umgehen. Dass sie sich präventiv an die Helpline wenden, kann Eskalationen sogar verhindern - oder den Frauen das nötige Wissen geben, um sich im Ernstfall in Sicherheit bringen zu können.

Manche Fragen drehen sich auch ganz allgemein um die Bestimmungen der 'Ausgangsbeschränkungen', besonders die aktuelle Obsorgeregelung sorgt für Verunsicherung. Frauen fürchten, dass Expartner die Besuchrechtsregelungen nicht einhalten und die gemeinsamen Kinder nicht mehr zurückbringen oder schildern Probleme mit verzögerten oder verringerten Unterhaltszahlungen. Die Beraterinnen der Helpline kommen aber auch damit zurecht: "Wir beraten jede Frau, egal welche Anliegen sie hat. Solange wir helfen können, bieten wir Hilfe an. Sie ist nur einen Anruf entfernt."

Krisensituationen fördern Gewalt

Das ist gerade in Krisensituationen unerlässlich. "Potentielle Gewalttäter zucken aus, weil sie die Situation nicht aushalten", erklärt Rösslhumer. In Bad Vöslau hat erst letzte Woche ein Mann versucht, seine Ehefrau umzubringen. (>>> Die WIENERIN berichtete). Weil ihm der Stress zuviel wurde, wie er selbst sagt. Gewaltschutzexpert*innen, darunter auch Rösslhumer, befürchten, dass sich solche Fälle in den nächsten Wochen häufen werden - "wenn auch die Arbeitslosenzahlen weiter steigen."

Umso wichtiger ist es, dass es genügend freie Schutzplätze in den Frauenhäusern gibt. Diese waren zuletzt am Limit, mittlerweile ist ein Hilfsprogramm angelaufen. Dort, wo Plätze fehlen, werden zusätzliche sichere Unterkünfte zur Verfügung gestellt, etwa in Hotels oder ehemaligen Flüchtlingsheimen. Dennoch sind Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert. Knappes Personal und verschärfte Gesundheitsvorschriften machen die Arbeit nicht leichter.

Also mehr Geld für Gewaltschutz?

Das Frauenministerium hat schon vor Corona mehr Mittel für den Gewaltschutz angekündigt. Das Budget des traditionell nicht finanzstarken Ministeriums wurde heuer zum ersten Mal seit 2010 erhöht - um zwei Millionen Euro. Das deckt den Wertverlust durch die Inflation der vergangenen zehn Jahre. Insgesamt stehen nun pro Jahr etwa 12 Millionen Euro zur Verfügung.

In der aktuellen Krise werden zumindest einige der Gelder verteilt. Eine 'einmalige Finanzspritze' in der Höhe von 20.000 Euro soll die aktuell notwendige Aufstockung der Frauenhelpline und der Onlineberatung für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen sicherstellen. Zusätzlich und unabhängig von der Corona-Krise habe Frauenministerin Susanne Raab 38.000 Euro für den weiteren Erhalt der Telefonberatung zugesagt. Die braucht es auch, um das 24/7-Angebot nicht mit Juni einstellen zu müssen. Gewaltige Summen sind das freilich nicht: "In unserem Bereich sind zusätzliche Mittel immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben aber zumindest eine Zusicherung, die den 24-Stunden-Betrieb der Frauenhelpline für dieses Jahr halbwegs garantiert." Noch ist das Geld aber nicht geflossen. (Die WIENERIN hat dazu beim Frauenministerium um ein Statement angefragt, das bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht eingelangt ist, gegebenenfalls aber an dieser Stelle nachgereicht wird.)

Alte und neue Probleme im Gewaltschutz

Jetzt kommt es darauf an, wie lang die Corona-Krise dauert - und wie das bestehende Personal mit dem Ansturm zurechtkommt. Die Herausforderungen der aktuellen Situation machen auch vor der Arbeit im Gewaltschutz nicht Halt. Im Zuge der 'Ausgangsbeschränkungen' kann nur eine eingeschränkte Prozessbegleitung angeboten werden, Gerichtsverhandlungen wurden abgesagt oder verschoben. Stellen Frauen eine Anzeige, können sie oft nicht persönlich begleitet werden. Vieles muss telefonisch und über Video abgeklärt werden, aber nicht alle Frauen verfügen über die technischen Mittel. Auch gibt es weniger Dolmetschangebote, weil viele Anbieter*innen ihre Arbeit nur noch im Home Office erledigen und nicht physisch anwesend sind. Die Auswirkungen der Krise machen sich im gesamten System bemerkbar - und das muss in seiner Gesamtheit ständig beobachtet werden, von Polizei über Justiz bis hin zu politischen Veränderungen. Enge Vernetzung und Zusammenarbeit ist gerade jetzt besonders wichtig, betont Rösslhumer. Nur so könne man rasch reagieren und aufkommende Fragen beantworten.

Neun Mitarbeiterinnen arbeiten in Teilzeit für die Frauenhelpline. Sieben Mitarbeiterinnen des Österreichischen Integrationsfonds wurden für die Betreuung der Onlineberatung www.haltdergewalt.at neu eingeschult. Sie sind täglich von 15 bis 22 Uhr im Einsatz und bieten Gewaltbetroffenen eine zweite, unauffälligere Möglichkeit, sich Hilfe zu holen. "Gerade jetzt können nicht alle Frauen ungestört telefonieren, wenn der Partner ständig zuhause ist. Etwas ins Handy zu tippen ist da unverfänglicher", erklärt Rösslhumer.

Eine Notwendigkeit, die erst durch die Corona-Pandemie wieder in den Fokus gerückt ist. Das sei wichtig, aber letzten Endes viel zu wenig, betont die Expertin. Österreich hat die Istanbul-Konvention unterzeichnet und sich zum Ausbau eines flächendeckenden Opferschutz und opferschutzbasierter Täterarbeit verpflichtet. Jährlich wären dafür laut Expert*innenmeinung 210 Millionen Euro nötig. "Wahrscheinlich illusorisch in Zeiten der Corona-Krise", urteilt Rösslhumer, aber ein Bruchteil der Kosten, die Gewalt gegen Frauen tatsächlich verursacht - nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt: "Jede dritte Frau erlebt zumindest einmal in ihrem Leben Gewalt. Das ist viel umfassender als das, was wir jetzt gerade erleben. Gewalt gegen Frauen ist die größte Pandemie."

 

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